Kristina

 
Einmal durch die Hölle und zurück – meine Schwangerschaft---so berichtet Kristina von Ihrer Hyperemesiszeit (26.01.2012)
 
Einmal durch die Hölle und zurück – meine SchwangerschaftrnrnDas Jahr 2010 hatte es in sich – ein Todesfall in der Familie, eine langjährige Freundschaft die komplett in die Brüche ging und ein Job, der mehr forderte als ich leisten konnte.Ständig wurde ich krank – Erkältungen, Magenbeschwerden, Herzrasen, Erschöpfung.Ende des Jahres, so um Weihnachten herum, bin ich dann schwanger geworden.Das Jahr 2011 begann wie das vorige – ich wurde krank. Nach 3 Tagen mit knapp 40grad Fieber schleppte ich mich zum Arzt mit dem Resultat dass ich mit Verdacht auf eine Herzmuskelentzündung im nächstgelegenen Krankenhaus landete.rnEs wurden einige Untersuchungen gemacht und da meldete sie sich: Die leise Vorahnung. „Sind Sie schwanger?“ fragte der Pfleger mich. „Ich weiß es nicht, es kann sein“, antwortete ich.Doch der Test war negativ. Trotzdem verweigerte ich die angedrohte Röntgenuntersuchung.Nach etwa einer Woche war die Grippe ausgestanden.Dafür meldete sich nun mein Magen. Eine Gastritis, dachte ich zunächst.Doch es kamen noch einige Schwangerschaftsanzeichen hinzu, so dass ich ein Test machte: Positiv!Mein Freund und ich freuten uns über das Ergebnis, hatten natürlich aber auch beide Respekt vor der wartenden Aufgabe.Etwa zwei Tage später (ich war in der 5 Woche) wurde die Schwangerschaft festgestellt. Schon in dieser Woche klagte ich meiner Frauenärztin mein Leid: Der Magen machte mir so zu schaffen. Es fühlte sich an wie eine starke Gastritis (Magenschleimhautentzündung). Meine Frauenärztin riet mir zu den üblichen Hausmitteln: Mandeln kauen und Milch trinken. Es half nichts.Ich rief meine Mutter an, überbrachte ihr die frohe Botschaft und klagte auch ihr mein Leid.Sie hatte jedoch zwei wunderbare Schwangerschaften, überhaupt keine Probleme und wusste nicht genau, wie Sie mir helfen sollte.Verzweifelt schleppte ich mich zur Arbeit. Dort informierte ich sofort meine Chefin über die Schwangerschaft. Ich wollte nicht lügen und hatte das Gefühl, dass die Magenschmerzen mit der Schwangerschaft zusammen hingen. Sie war sehr verständnisvoll und gab mir die Schonzeit im Job, die ich brauchte.Etwa 10 Tage später am Wochenende wurden die Magenschmerzen so schlimm, das ich mit meinem Freund ins Krankenhaus gefahren bin. Es war ein Samstag Abend. Die Notfall-Ärztin war sehr nett, zeigte uns das schlagende Herzchen und gab mir Vomex mit.Ich nahm die Tabletten und sofort spürte ich eine bleierne Müdigkeit. Die Schmerzen waren nach wie vor da. Trotzdem waren wir gerührt, als wir auf dem Ultraschall Bild das kleine Bündel Leben bewundern durften.Ich ließ mich von meiner Frauenärztin krankschreiben. Das wird wieder, dachte ich.Niemals hätte ich da geglaubt, dass diese Krankschreibung für 3 Monate andauern und schließlich in einem Berufsverbot enden würde.rnrnWieder ein paar Tage später – es war so Ende der 6ten Woche, schlug die Hyperemesis mit aller Gewalt zu. Ich legte mich ins Bett, es war so gegen 22 Uhr. Wachte zwei Stunden später auf und erbrach mich bis zum frühen morgen. Innerhalb kürzester Zeit war ich völlig verausgabt und mit der Kraft am Ende. Ich habe mich zwei Tage lang etwa alle 20 Minuten übergeben.Und ich wusste nicht, dass das erst der Anfang war.Völlig verunsichert rief mein Freund dann eines morgens den Krankenwagen. Ich konnte schon kaum noch gehen, wurde mit einem Stuhl in den RTW geschoben. Im Krankenhaus angekommen, habe ich auf dem Flur im Stuhl geschlafen, vor Erschöpfung.Ich weiß nicht wie lange ich dort saß – einige Patienten wurden vorgenommen. Irgendwann war ich dann an der Reihe.Die Ärztin stellte eine Menge Fragen. Ich konnte nicht antworten. „So schlimm??“ fragte Sie. Ja. So schlimm.Mein Freund berichtete Ihr was geschehen war, mein Urin wurde überprüft und Blut abgenommen und ich wurde stationär aufgenommen.Meine Zimmernachbarin sah nur, dass ein bleiches Etwas durch die Tür gefahren wurde.Ich legte mich aufrecht auf das Bett und wollte meine Ruhe. Nicht so ganz einfach, bei einer schnarchenden Bettnachbarin und dem wuseligen Krankenhausbetrieb.Mir war schlecht. Ich konnte nichts essen oder trinken, konnte nur aufrecht bzw. im Sitzen schlafen. Liegen ging gar nicht mehr.Der nette Assistenzarzt versuchte die wohl gängige HE-Kombination: Kochsalzlösung, Vitamine und Vomex. Half überhaupt nicht. Ich übergab mich weiter und weinte vor Anstrengung.Dazu kam, dass meine Bettnachbarin um ihr Baby kämpfte und diesen Kampf in der 19 Woche verlor – Sie musste Ihr Baby tot zur Welt bringen.All das und ich „kotzend“ mittendrin.Nach 3 Tagen hatte der Assistenzarzt offenbar Mitleid und sprach mit mir über mein Befinden.Er überlegte und gab mir ein neues Mittelchen, anstatt Vomex: Ondansentron.Ich wurde mit der Höchtsdosis versorgt und hatte sofort einige Nebenwirkungen. Ein starker Druck auf der Brust und schlimme Verstopfung ließen mich nicht schlafen.Aber: Ich erbrach nicht mehr! Die Übelkeit war jedoch nach wie vor da.Am 5 Tag habe ich mein Frühstück und mein Mittagessen verputzt. Es ist vorbei, dachte ich. Du hast es geschafft. „Ich will nach Hause“; so meine Bitte an den Arzt.Am 6 Tag wurde ich entlassen.Freudig schrieb ich meinem Arbeitgeber eine E-Mail dass es von nun an hoffentlich bergauf gehen würden. Zu früh gefreut.Ich war nun in der 8 Woche schwanger. Zu Hause ging es nach 2 Tagen rapide bergab.Wieder lag ich nur im Bett, schaute die Wand an, konnte kaum sprechen und übergab mich. Mein Freund musste vormittags arbeiten. Nach der Arbeit fand er eine apathische Freundin vor, zu schwach zum sprechen. Ich als Hörspiel-Fan konnte selbst diese nicht ertragen. Ich brauchte nur die Stille, meinen Eimer, und ein bißchen Schlaf zwischendurch.Wir versuchten sämtliche Mittel, die Linderung bei Übelkeit bringen sollten. Paspertin, MCP, Vomex, Magen-Tee, Ingwer, Cola, Salzstangen. Es half nichts.Mein Freund telefonierte meine Mutter herbei. Die – von Beruf Krankenschwester – noch nie von einer solchen Schwangerschaftsnebenwirkung gesehen oder gehört hatte.Nach wieder 2 Tagen riefen wir den ärztlichen Notdienst. Flüssigkeit musste her.Wieder wurde mir ein Zugang gelegt, diesmal im heimischen Bett. Mein Freund schlug einen Nagel in die Wand – dort hängten wir die Kochsalzlösung auf. Wieder wurde Vomex beigemischt und wieder half es nicht. Fast täglich telefonierte meine Mutter mit meiner Frauenärztin, ich bekam schon gar nichts mehr mit. Schließlich wurden mir die Zofran Schmelztabletten verschrieben und ich nahm diese zusätzlich.Doch die HE hatte ihren Höhepunkt erreicht. Ich spuckte und spuckte, schließlich kam nur noch Galle und Blut. Die Schmerzen waren unerträglich ich hatte das Gefühl meine Speiseröhre war durchgebrochen.Ich rief meinen Freund zu mir. Ich weinte und sagte ihm, das ich nicht mehr kann. Ich freute mich nicht mehr auf unser Baby und überlegte, es nicht zu bekommen.Es war ein sehr trauriger Moment. Ich weiß heute nicht mehr genau, was wir alles besprachen, aber ich beschloss, weiter durchzuhalten.So lag ich da. Die Augen geschlossen, über den Mund und die Nase hatte ich meisten meine Bettdecke. Ich konnte keine Gerüche ertragen. Nicht die Wohnungsgerüche, die Küchengerüche und auch keine Personengerüche.Nach 5 Tagen schließlich meldete sich mein Herz. Ich bekam starkes Herzrasen, mein Blutdruck ging in die Höhe.Ich rief meine Mutter und meinen Freund und verlangte eine sofortige Verlegung ins Krankenhaus. Hier ging es nicht mehr weiter für mich.An diesem Tag konnte ich nicht mehr gehen. Ich wurde mit einer Liege in den RTW geschoben und in die Notfall- Aufnahme gefahren. Es war Freitag Abend und viel los. Ich lag 3 Stunden auf dem Flur. Zum Glück hatte eine nette Hebamme das Nachsehen und versorgte mich mit Flüssigkeit durch die Vene. Doch der Zugang saß nicht richtig und musste nochmals gelegt werden.Wieder Blutentnahme, wieder Urin-Abgabe. Beides sah nicht gut aus. Mein Urin war dreifach positiv, was die Keton Werte anbelangte und mein Blut zeigte einen deutlichen Kalium- Mangel. Also wurde ich wieder stationär aufgenommen. Dieses mal kam ich auf eine andere Station: Die der gynäkologischen Operationen. Es war schrecklich. Ich hatte in 6 Tagen 4 verschiedene Bettnachbarinnen, die alle gar nicht so recht glauben konnten, warum ich da im Krankenhaus lag. Auch die Ärztin behandelte mich eher mit einem Mitleidslächeln denn mit Verständnis. Und wieder wurde mir nur Vomex gegeben. Doch mittlerweile war ich schlauer. Ich verlangte die sofortige Vomex-Absetzung und bat um Ondansetron. Ich bekam es auch, aber nur eine kleine Dosis. Das hatte zur Folge, dass dieses mal das Erbrechen nicht aufhörte. Und so erbrach ich mich weiter. Die Waage zeigte mittlerweile einen Gewichtsverlust von 8 Kilogramm.Mein Freund besuchte mich täglich. Anderen Besuch habe ich nicht ertragen.Ich schleppte mich so durch die Tage und Nächte. Am 5 Tag plötzlich, bekam ich Hunger auf Erdnuss-Flips. Ich bat meinen Freund mir eine Tüte mitzubringen. Unsicher riss ich die Tüte auf und fing an zu essen. Nach der Hälfte war ich satt. Und die Flips blieben drin.Kaum zu glauben. Aber damit startete meine Besserung. Am nächsten Tag aß ich die andere Hälfte und auch diese behielt ich im Magen.rnAm 6 Tag wieder: Entlassung. Ich fühlte mich allerdings nicht wohl bei dem Gedanken, dass es nun zu Hause wieder von Vorne losgehen konnte. Mittlerweile war ich in der 10 Woche. Den Gedanken zur Arbeit zu gehen musste ich weiter verwerfen. Ich war zu schwach, um alleine auf die Toilette zu gehen. Wie sollte ich da S-Bahn fahren oder arbeiten?rnZu Hause angekommen, bemühte ich mich um eine Hebamme. Diese kam ein paar Tage später, hörte meine Leidensgeschichte und was am besten war: Sie beruhigte mein Gewissen. Schließlich nahm ich immer noch Zofran in der zulässigen Höchstdosis.rnNeben der Übelkeit und dem Erbrechen war da immer die Sorge um mein ungeborenes Kind. Ich hatte die Wahl zwischen Pest oder Cholera. Was tun.Ich nahm die Medikamente weiter. Alle 2 Tage versuchte ich, das Zofran abzusetzen. Diese Tage waren die Hölle, denn schon morgens gegen 05 Uhr erbrach ich mich.Meist hielt ich nur bis mittags durch, dann nahm ich wieder eine Tablette.Es verging die 11 Woche. Mittlerweile führte ich eine Übelkeitskurve. Ich fühlte mich so hilflos, es gab keine befriedigenden Antworten zu den Ursachen meines Leidens. Woher kam das? Warum ich? Wie lange dauert das? Wie geht es meinem Baby? Täglich beschäftigte mich diese Fragen.Meine Kurve zeigte an, dass die Anzahl des Erbrechens weniger wurde.An guten Tagen besuchte ich fortan die Kloschüssel nur 5-6 mal.Langsam fing ich an zu essen. Es ging auf März zu und ich hatte 10 Kilo abgenommen.Ganz genau hörte ich in mich rein. Worauf hast Du Hunger? Was könnte drin bleiben?Was tut nicht so weh, wenn es doch wieder rauskommt?rnMein Freund besorgte mir die unterschiedlichsten Essenssachen. Ich probierte wieder aus. Schließlich blieb es bei Kartoffeln mit Quark und Tomaten. Ein Wunder. Ich hatte etwas gefunden, was mir schmeckte und was ich essen konnte. Täglich arbeitete ich an meinem Zustand. Ich zwang mich auf den Balkon, um die ersten Sonnenstrahlen zu erhaschen. Ich besuchte den Kaufladen um die Ecke, um mal wieder (nach 2 Monaten) unter Menschen zu kommen, die keinen weißen Kittel trugen.Der März verging und das Erbrechen wurde von Tag zu Tag weniger.Mein Körper jedoch, war ausgelaugt. Ich war bei der kleinsten Tätigkeit erschöpft. Meine Frauenärztin bot mir ein Berufsverbot an. Dankbar nahm ich an und informierte meinen Arbeitgeber über den weiteren Ausfall. Zum Glück – es half ja nichts – reagierte meine Vorgesetzte wieder mit Verständnis.Irgendwann, so in der 14 Woche, hatte ich einen übelfreien Tag. Ich habe mich gefühlt wie ein neuer Mensch. Neugeboren in meinem eigenen Körper.In der 17 Woche schließlich setzte ich das Zofran erstmals erfolgreich ab.Mein Bauch wuchs und schon in der 20 Woche konnte ich mein Baby spüren. Kein Wunder, hatte ich schließlich nichts mehr auf den Rippen.Mit dem Bauchwachstum verringerte sich schließlich auch das Erbrechen und die Übelkeit auf ein erträgliches Maß. So um die 22 Woche herum fühlte ich mich schließlich wie eine normale Schwangere. Äußerlich hat man mir die harte Zeit nicht angesehen, doch innerlich hatte ich stark damit zu kämpfen. Es gab Momente, in denen wollte ich sterben.Da dachte ich, der Tod ist besser, als solch ein Leben.Aufgrund einer Gebärmutterhalsverkürzung musste ich ab der 30 Woche wieder liegen. Mir war alles egal -hauptsache die Übelkeit kam nicht zurück. Meine Gebete wurden erhört. Im September 2011 brachte ich ohne Komplikationen und ohne Schmerzmittel meine Tochter zur Welt. Sie ist kerngesund.Ohne meinen Freund hätte ich diese schwere Zeit nicht überstanden. Das war eine harte Probe für unsere Beziehung und wir haben sie gemeistert. Die Zeit im Wochenbett und nach Geburt war für uns ein Spaziergang.Ich danke meinem Freund für seine Liebe und Unterstützung.Kristina