Regina

 
Regina hat während ihrer Schwangerschaft mit viel Unverständnis gekämpft. Jetzt (ein halbes Jahr nach der Geburt) kämpft sie mit den seelischen Folgen und beginnt nun eine Therapie zur Verarbeitung des Erlebten (26.01.2013)
 
„Haben Sie psychische Probleme? Stimmt etwas nicht in Ihrer Familie? Haben Sie Probleme mit Ihrem Freund? Wollen Sie das Baby nicht?“rnWie oft habe ich diese Fragen innerhalb der letzten 9 Monate gehört? Ich kann es nicht mehr zählen! Ich weiß noch genau wie alles begann und werde es sicherlich nie wieder vergessen können. „Na gut“, dachte ich beim Spaziergang mit meinem Hund, als ich mich morgens das erste mal in die Büsche übergab, „das ist ja durchaus nicht ungewöhnlich!“ Ich war in der siebten Woche schwanger. Damals ahnte ich ja nicht was auf mich zukam. Anfangs arbeitete ich noch normal weiter, erbrach mich morgens und dann erst wieder Nachmittags. Immer wieder wurde mir bestätigt, dass das ganz normal sei in den ersten drei Monaten. Es trat aber keine Verbesserung auf, sondern eine stetige Verschlimmerung. Mitte November wurde ich krank geschrieben. Weihnachten war die Hölle auf Erden, denn ich konnte weder Essen riechen noch sehen. Noch dazu nahm mich die Familie meines Mannes nicht ernst. „Die stellt sich an“, hieß es. „Warum freut sie sich nicht über ihr Kind?“ Ich hatte so ein schlechtes Gewissen. „Vielleicht, bin ich ja wirklich psychisch krank“, dachte ich. Schließlich hatten mein heutiger Mann und ich vor der Schwangerschaft Ärger miteinander und sogar über eine räumliche Trennung nachgedacht… Man beginnt tatsächlich an sich zu zweifeln. rnImmer wieder musste ich ins Krankenhaus oder bekam ambulante Infusionen. Ich kann gar nicht mehr zählen wie oft. Mit über 5 kg weniger Körpergewicht sah ich aus wie eine Magersüchtige und nicht wie eine schwangere Frau. Trotz arger Bedenken fuhr ich nach Weihnachten in den Winterurlaub. Die Fahrt war schlimm. Ich vermutete durch den Klimawechsel eine Besserung meines Zustandes, ließ mich sogar dort von einem Naturheiler behandeln. Man greift ja nach jedem Strohhalm! Trotzdem musste ich auch in Österreich wieder in die Klinik. Dort wurde ich das erste Mal ernst genommen. Es hinterfragte niemand warum es mir so geht, denn dort ist Hyperemesis eine anerkannte Krankheit. Warum nicht in Deutschland? rnSylvester ist mir noch in bester Erinnerung. Ich lag um zehn im Bett. Mein Mann kam um 12 Uhr ins Zimmer um mir ein „Frohes neues Jahr“ zu wünschen. Mir war alles egal. Ich hatte kaum noch Spaß am Leben. Immer wieder zwang ich mich zu lächeln, konnte mich aber eigentlich gar nicht mehr im Spiegel ansehen. Mein Geburtstag Anfang Januar war erträglich. An diesem Tag erlaubte mir die Hyperemesis eine kleine Pause. Trotzdem fiel ich geschwächt vom Tag um halb acht ins Bett. Wenigstens verstanden die Eltern meines Mannes nach dem Urlaub wie es mir ging. Sie durften live miterleben wie ich zusammenbrach. Danach war Ruhe! rnWieder zu Hause besserte sich gar nichts. Ich kroch weiterhin zum Klo. Lag heulend auf dem Badvorleger oder saß schreiend vor der Badewanne. „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr!“ Alles in mir schrie nach Erlösung. Dann erwischte ich mich manchmal dabei, wie ich auf die Schublade mit den Rasierklingen starrte. Im selben Moment aber die Hand auf meinen Bauch legte und genau wusste, dass ich nicht über ein anderes Leben richten durfte. rnOft saß ich eine halbe Stunde lang in der Dusche und versuchte alles zu verdrängen. Meine Freunde konnte/wollte ich nicht sehen. Ich schämte mich für meinen Zustand, hatte kaum Kraft zu reden. Tageweise musste ich mich bis zu 20 Mal übergeben. Kein Schluck Wasser wollte im Magen bleiben. Nach so einem Tag wusste ich: „Das Krankenhaus wartet wieder auf dich!“ Vomex intravenös, tolle Lösung! Nach drei Tagen bekam ich regelmäßig einen Krankenhauskoller. Die Bettnachbarin Nr. 1 schnarchte so laut, dass ich Nächte lang nicht schlief. Im anderen Krankenhaus war so viel Besuch, dass ich mich super erholen konnte… „Lehnen Sie ihr Kind ab?“ Wieder so eine blöde Frage… Da kämpft man jeden Tag wie eine Blöde und bekommt unterstellt, dass man sein Kind nicht haben möchte. „Die spinnen doch alle“, dachte ich. Na klar habe ich hin- und wieder mit dem Gedanken gespielt, aber auch nur, weil es mir so schlecht ging. Ist gut, dass man nicht immer weiß, was auf einen zukommt. rnMeine Frauenärztin schrieb mich anfangs noch krank, sie war aber der Meinung ich stelle mich an, da trotz Vomex Dragees keine Besserung auftrat. Trotzdem bekam ich Infusionen von ihr. Ende Januar verlangte sie von mir wieder arbeiten zu gehen. Ich bekam nur noch Krankschreibungen für kurze Zeit. In meinem Zustand eine Katastrophe. An das letzte Gespräch erinnere ich mich noch ziemlich genau. Sie wollte mir durch die Blume sagen, dass ich wohl magersüchtig wäre und fragte, ob ich solche Essprobleme schon einmal gehabt hätte. Als sie mich dann auch noch über Weihnachten ins Krankenhaus stecken wollte, war das Maß voll. Ich wechselte den Arzt. Ein toller sehr einfühlsamer Mann, der mich ernst genommen hat. Das tat so gut! rnMitte März konnt ich sogar wieder arbeiten. Bis dorthin gab es jedoch den nächsten Kampf für mich. Mein Arbeitgeber wollte mich zunächst nicht mehr weiter beschäftigen und hatte bereits Ersatz für mich gefunden. Die Angst nicht mehr bezahlt zu werden war schrecklich. Zudem wird das Krankengeld nicht auf das Elterngeld angerecht und so fehlen mir heute 300 Euro im Monat. Zwar hatte ich immer noch ein „Brett“ im Hals, aber die Vomex brachten mich durch den Tag ohne zu brechen. Zumindest nahm ich wieder am Leben teil. Zum Ende der Schwangerschaft sah ich sogar wieder halbwegs normal aus und ging auch wieder unter Menschen. rnOhne meinen Mann hätte ich diese Zeit niemals geschafft. Er saß mit mir vor der Badewanne, hielt mich immer wieder im Arm und war da, wenn ich ihn brauchte. Wir sind an dieser Krankheit gewachsen. Alles im Leben hat seinen Sinn!rnLeider konnte ich das Erlebte bisher nicht verarbeiten. Immer wieder kommt alles hoch. Die Verständnislosigkeit meines Umfeldes, der Ärzte und meine Hilflosigkeit stecken mir im Hals, wie die Hyperemesis. Mittlerweile ist Malin 6 Monate alt und ein gesundes, fröhliches Mädchen. Und ich möchte endlich die Mutter werden, die sie verdient hat. Deshalb habe ich mich für eine Psychotherapie entschieden. Mein Alltag wird immer wieder von den Erlebnissen in der Schwangerschaft überschattet. Schwangere sind für mich furchtbar, unerträglich und rufen all das Erlebte wieder hervor. Ich bin unfähig mit meiner Schwägerin zu reden, geschweige denn über sie zu reden, denn sie ist nun schwanger. Auch im Freundeskreis habe ich mich von denen, die schwanger sind oder es werden wollen distanziert. Niemals hätte ich gedacht, wie viel dieses Grenzerlebnis ausgelöst hat. rnDiese Website hat mir während meiner Schwangerschaft sehr geholfen, denn ich fühlte mich nicht mehr so allein. Und auch ich möchte allen Frauen, die sich gerade in einer solchen oder ähnlichen Situation befinden Mut zu sprechen. „Haltet durch, es lohnt sich!“ Mein kleiner Sonnenschein zeigt mir das jeden Tag aufs Neue!!!rn rnrn