Stefanie

 
Stefanie hat die dunkelsten Seiten einer HG -Schwangerschaft erlebt, ist durch die Erlebnisse traumatisiert; ist überglücklich mit ihrem Baby und liebt es wie man jemanden nur lieben kann (14.07.2014)
 
Warum ich hier schreibe? Sicher nicht, weil ich jemanden Mut machen kann. Eher, um zu zeigen, dass man nicht alleine ist mit dieser Krankheit. Auch wenn ich mich meine komplette Schwangerschaft allein gelassen gefühlt habe.rnIm Mai 2013 gaben wir (mein Mann und ich) uns den Startschuss für unser erstes Kind. Und wie glücklich waren wir, dass es gleich beim ersten Mal klappte. Noch vor dem positiven Test sagte ich zu meinem Mann, mir ist soo übel, ich bin sicher schwanger. Und welch ein Wunder, ich war es auch. Unser Glück hielt leider nicht lange an. In der 6.ssw setzten Blutungen ein. Ich war am Boden zerstört und wollte dennoch sofort weiter probieren. Gesagt – getan. Und wieder überraschte mich die Übelkeit noch bevor ich testen konnte/wollte. Als ich mich dann das erste Mal im August 2013 übergeben musste, strahlte ich meinen Mann an und sagte:“ So jetzt fange ich noch das Kotzen an, alles ist gut, aber bald geht es mir besser“ Ich war über glücklich, diesmal sahen wir in der 7.ssw ein kleines Herzchen schlagen. Und mein ganzes Elend, die Kotzerei und Übelkeit, waren vergessen. Als ich meiner FÄ von der Übelkeit erzählte, meinte sie, ich kann sie jetzt nicht wochenlang krank schreiben, aber „nehmen sie die Tropfen,“ das hilft. Sie gab mir Topfen, die gegen Magen-Darm helfen sollten. Natürlich half es nichts… Ich war schon sehr verzweifelt, allerdings war mein Hoffnungsanker die 12.ssw. Denn in der 12. Woche „ist alles vorbei“. Schon im August konnte ich mich kaum auf den Beinen halten, ich war antriebslos, kraftlos, aber irgendwie hoffte ich immer auf die verflixte 12. Woche. Ja, sie kam, dann kam die 14. Woche und irgendwann die 16. Woche. Ich hing jeden Tag mehrmals über der Kloschüssel. Kein Arzt schrieb mich krank, Freundinnen erhielten wegen Nichts Berufsverbot, ließen sich zum Spaß krank schreiben und ich? Ich fuhr jeden Tag 150km zur Arbeit. Kannte jede Nothaltebucht, überholte keine LKW auf der Autobahn, denn am besten ist die rechte Spur, da kommt man am schnellsten auf den Standstreifen zum Kotzen… Ich wechselte Ärzte, Hebammen, Heilpraktiker und versuchte so alles (Akkupunktur, Taping, Medikamente wie Agyrax, Vomex…). Keiner konnte mir helfen und irgendwie nahm mich keiner ernst („Sie werden sehen, spätestens nach der Geburt ist es vorbei“).rnIch war schon in der 16. Woche am Ende meiner Kräfte, hatte aber noch irgendwo die Hoffnung, dass es besser wird. Irgendwer hatte mal gesagt, nach der 16. Woche wird es bei vielen besser. Nein, das wurde es nicht. Meine komplette Schwangerschaft war für mich der pure Hohn. Ich nahm nicht wirklich ab, denn ich ernährte mich nur noch von Zucker (das kotzt sich am Besten und außerdem blieb es am ehesten drin). Ich erntete Sprüche wie: „So schlimm kann es ja nicht sein, Du hast schon ordentlich zugelegt“; „Daran musst Du Dich jetzt halt gewöhnen!“; „Dann geht’s wenigstens dem Baby gut!“ „Du solltest mal wieder Putzen/Aufräumen, später hast Du keine Zeit mehr dafür.“rnUnd dann dieses: „Mir war ja NIE übel“ „Die Schwangerschaft ist die schönste Zeit im Leben einer Frau“ „Genieß die Zeit, mit Baby schaffst Du nicht mehr so viel“; „Nutz doch die Zeit, die Du jetzt noch hast“rnDiese Sprüche wurden nicht besser, sondern schlimmer, von Woche zu Woche. Und wer über den unterschiedlichsten Kloschüsseln gehangen ist, wer auf der Autobahn kotzend in der Nothaltebucht stand, wem die Kotze und das Toilettenwasser entgegen gespritzt ist, wem es die Magensäure nicht nur durch Mund, sondern auch durch die Nase gedrückt hat und das nicht nur einen Tag, nicht eine Woche, nicht einen Monat, sondern 9 Monate lange, der weiß, was für ein Hohn das ist.rnUnd glaubt mir, ich habe bis zur Entbindung gekotzt. Ich war kraftlos, die 24-Stunden Übelkeit hat mich in den Wahnsinn getrieben. Am liebsten lag ich im Bett und habe geschlafen. Dann war mir nicht übel. Ich hatte Tiefpunkte erlebt, wahre Tiefpunkte. In der 20. Woche habe ich mich heulend im Internet über Spätabtreibungen informiert. Wollte ins Ausland fahren. In der 28. Woche habe ich meinen Mann angeschrien, dass er mir das blöde Baby aus dem Bauch schneiden soll. Ich konnte nicht mehr, ich habe dieses Wesen gehasst. rnFreunde und Verwandte hatten sich von mir distanziert. Klar, ich habe fast jede Einladung abgelehnt, ich habe Wochen gebraucht, bis ich auf Mails geantwortet habe. Begründet habe ich es immer, verstanden hat es keiner. Ich hatte absolut keine Kraft mehr, jedes Wort, jede SMS, jede Bewegung, alles war zu viel. Ich fiel immer tiefer in eine Depression.rnIrgendwann hat sich niemand mehr ernsthaft nach mir erkundigt. Es war wohl allen egal?! Als ich mich mal krank schreiben lies, hieß es von Bekannten.“ Ja, warum lässt Du dich denn krank schreiben, das ist ja keine Krankheit.“ rnIch hätte mir mehr Fürsorge, mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Die kam dann erstaunlicher Weise direkt nach der Geburt, da wollte jeder mein Baby haben, sehen,… rnUnd auch, dass Frauen, denen es in der Schwangerschaft schlecht ging, mit einer schönen Geburt entlohnt werden. Nein, das kann ich nicht bestätigen, auch im Kreissaal habe ich die Ärztin mehrmals angekotzt, stundenlang Wehen alle zwei Minuten, letztendlich ein Kaiserschnitt, danach kämpfte ich wochenlang mit Entzündungen an der Kaiserschnittwunde… Aber die Übelkeit, der eklige Geschmack und die ganzen Folgen waren noch auf dem OP-Tisch verschwunden…rnDie Schwangerschaft war von Anfang bis Ende der reinste Horror, ich habe keine Minute genossen, ich habe an den unmöglichsten Orten geschlafen (im Kofferraum meines Autos, auf der Toilette der Arbeit,…) ich habe sehr viel geweint, ich habe viel geflucht, geschlafen, gekotzt,… Wie diese 9 Monate vorbei gingen, das weiß ich nicht. Ich wünsche mir aber keinen Tag zurück. rnHeute 9 Wochen nach der Geburt möchte ich nun Folgendes hinzufügen: Diese Krankheit hat mich verändert, nachhaltig, auch wenn die 24-Stunden Übelkeit verschwunden ist . Ich bin ein anderer Mensch geworden, meine Psyche hat stark gelitten, Schwangere sind mir ein Graus, ich mag sie weder sehen noch davon hören, wie glücklich sie sind, wie gut es ihnen geht... Ich wurde durch das alles geprägt, leider nur negativrn Und auch wenn ihr das hier in größter Verzweiflung lest, glaubt mir, es geht vorüber! Ich halte überglücklich mein Baby in den Armen. Dieses Baby, das ich irgendwann gar nicht mehr wollte. Wie konnte ich nur mein Kind so sehr hassen, wie konnte ich mich je über SPÄTabtreibung informieren?! Ich liebe es über alles und für mein Baby hat sich jede Sekunde gelohnt. Nie hätte ich gedacht, dass ich mein Baby lieben kann und ich bin überglücklich. Ich empfinde für diesen kleinen Menschen mehr Liebe, als ich je geglaubt habe, empfinden zu können. Für dieses Gefühl bin ich gerne durch die Hölle gegangen. Aber nur einmal! Eine zweite Schwangerschaft, die kann ich mir nicht vorstellen. Verstehen tut das niemand in meinem Umfeld! Haltet durch, der Kampf lohnt sich, auch wenn ihr es gerade nicht glauben könnt!rn