Anna

 
Anna hat 2 unerträgliche Schwangerschaften hinter sich.Sie war am Tiefpunkt ihres Lebens.Wurde auf Schwangerschaftsdepressionen behandelt; hatte Todesängste; war schrecklich verzweifelt.... (03.04.2016)
 
Ein halbes Jahr ist heute vergangen seit der Geburt von meinem 2. Kind und es ist Zeit, alles aufzuschreiben und dann auch loszulassen. rnrnIch war nie gut auf Hormone zu sprechen und litt seit Beginn der Menstruation an vielen qualvollen Beschwerden. Wir hatten schon fünf schöne Ehejahre zusammen und freuten uns nun sehr auf ein Baby. Trotz schlechter Prognosen wurde ich im 3. Zyklus schwanger und die Freude war riesig. rnDie Übelkeit begann sanft und ich dachte erst „oh, dass ist also diese Übelkeit, dass kann ich gut aushalten“. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer, und es war mir fast unmöglich, mich bei der Arbeit auf dem Stuhl zu halten. Zum Glück hatten wir gleich grossen Urlaub geplant und ich kämpfte mich durch die Tage. Ich liess mir von meinem FA Medis verschreiben und war guten Mutes, doch leider half es überhaupt nichts. Wir fuhren also in unseren Urlaub nach Kroatien. Von Stunde zu Stunde gings mir schlechter, im laufe der Tage erbrach ich an jeder erdenklichen Raststätte, im Hotel und schliesslich war an Urlaub nicht mehr zu denken, da ich kaum mehr aufstehen mochte. Wir fuhren nach Hause. Ich war verzweifelt! Die Übelkeit wurde unerträglich und ohne Unterbruch. Zuhause verbrachte ich den Resturlaub auf der Couch und spürte, wie mir mein Leben entglitt! Es war ein Schock. Die Brechanfälle waren derart heftig und brutal, dass ich bald vollständig entkräftet war. Schliesslich wies mich der FA ins Krankenhaus ein. „Endlich!“ dachte ich, „nun wird mir geholfen.“ Die grosse Ernüchterung einer starken HG ist, dass einem Niemand wirklich helfen kann. Ich wurde sofort sehr professionell versorgt und bekam viele Medikamente. Zu meinem grossen Entsetzten brachte kaum eines dieser Medikamente Erleichterung. Mir war so schrecklich übel, ich konnte es kaum fassen. Ich war total gelähmt. Nur die Brecherei ging durch die Medis zurück und ich konnte etwas essen. Nach 2 Wochen ging ich nach Hause und litt weiter vor mich hin. Ich ernährte mich komplett von Kaloriendrinks, denn Trinken war mir meistens, im Gegensatz zu vielen Anderen, möglich. rnSo kam der Stein ins Rollen. Ich hatte gerade eine neue Arbeitstelle begonnen und war verzweifelt, dass ich wochenlang krankgeschreiben war und nicht arbeiten konnte. Irgendwann wurde klar, dass ich nicht mehr arbeiten könnte und ich verlor meine Arbeit, die ich so gern hatte. Auch sonst entglitt einfach alles. Irgendwann war eh alles egal, es ging nur noch ums nackte überleben. Bis Woche 27 quälte ich mich durch tägliches vielfaches Erbrechen, schlimme Magenkrämpfe, grässlichen Speichelfluss, Sodbrennen und Geruchsempfindlichkeit. Wochenlang lag ich nur da, starrte zur Decke. Kochen ging nicht, die Küche betreten unmöglich, den Alltag bewältigen jenseits. Solch eine Isolation, Hilflosigkeit und rausgerissen- Sein aus dem Leben hatte ich niemals erlebt und ich war ein halbes Jahr einfach sterbenskrank. rnIch hatte vieles ausprobiert, nichts half. Auch die stärksten Medikamente nicht. Es gab einfach nichts, dass Linderung gebracht hätte. rnUmso glücklicher war ich, dass es ab dem 7. Monat bergauf ging. Bis zum Schluss war mir übel, aber es war erträglich und das erbrechen war nur noch alle paar Tage mal. Ich konnte mich aufraffen, ging in eine Gesprächstherapie und konnte die ganze Geschichte für mich annehmen und integrieren. In den letzten Wochen meiner ersten Schwangerschaft gab es Tage, die ich geniessen konnte. rnSchliesslich kam unser wunderbarer Sohn zur Welt- und der Grauen war vorbei!rnIch genoss 2 Jahre mit diesem Kind und war sehr glücklich! Noch oft musste ich daran denken und es war wie ein grosses Schreckensgespenst im Nacken, dass mir sagte- „wenn du noch ein Kind willst, musst du da nochmals durch“rnDennoch, ich vergass, wie schlimm die HG war und war überzeugt, es nocheinmal zu wagen. Nach 2 Jahren versuchten wir es erneut. Ich hatte vorgesorgt, meinen Sohn in die Kita eingewöhnt, bessere Medikation geplant, den Arbeitgeber informiert. Und ich wurde wieder schwanger. rnrnAb der Woche 7 kam diese unglaublich lähmende Übelkeit zurück. Ich lag nur da und alles überrollte mich. Ich erinnerte mich wieder und bekam schreckliche Angst. Schon ein paar Tage später erbrach ich im halbstundentakt und fühlte mich dem Tode nahe. Kam in die Klinik und erhielt Infusionen. rnMir war klar, so würde ich das nicht mehr durchstehen. Ich war bereit, ALLES zu schlucken, was es gibt, nur nicht mehr solche Höllenqualen. Mein FA war einfach grossartig und wir haben die ganze Palette an Medis durchprobiert. Zofran und Mirtazapin- es half nichts. Ich war abgrundtief verzweifelt und dachte an Abtreibung. Dieser Gedanke war derart schmerzhaft und schrecklich für mich bodenlos! Aber ich ertrug diesen Zustand nicht. rnDann kam der FA mit einem starken Neuroleptika aus Frankreich (Larcactyl) und oh Wunder, es half! Das Brechen ging stark zurück.rnMit diesem Medikament überstand ich die nächsten 10 Wochen. Ich lag in meinem Zimmer und schluckte alle 8 Stunden so eine Tablette. Aufstehen, kochen etc war alles völlig unmöglich. Aber so im Liegen konnte ich es ertragen und hielt tapfer durch. Vielleicht würde es ja besser werden ab Woche 16. rnDas Erbrechen ging schon ab Woche 14 deutlich zurück und ich war bereits voller Tatendrang und bereit, den Alltag wieder zu stämmen. Die schlimmste Zeit würde aber erst folgen. rnAm Anfang waren es nur einzelne Tage, dann wurden es immer mehr. Die Übelkeit stieg in derart unermessliche Grade, dass ich keine Worte dafür finde. ES WAR UNERTRÄGLICH! Ich konnte vor Übelkeit weder stehen, sitzen noch liegen. Wie ein Wurm lag ich tagelang zusammengekrümmt in Embryohaltung und dachte, ich müsse wahnsinnig werden. Die Medis halfen alle nicht mehr. Niemand wusste Rat. Nach mehreren solchen Tagen dachte ich, ich müsse nun aus dem Fenster springen! Es gab keine Hoffnung mehr. rnMich packte die Todesangst und ich wusste mir nicht mehr zu helfen. Ich schleppte mich mit letzter Kraft auf die Notaufnahme der psychiatrischen Krisenintervention und bat um Valium, da ich nicht wusste, wie ich so den nächsten Tag durchstehen würde. rnNatürlich hatten die dort alle noch nie zuvor so jemanden wie mich erlebt. Ich kam wegen Schwangerschaftsdepression in Behandlung, aber ich wollte nur, dass mich jemand mit irgendwelchen starken Medis ruhigstellt. rnIch bekam natürlich nichts. rnrnDas war der absolute Tiefpunkt meines Lebens. Zum abtreiben war es zu spät, kein Medikament nützte, niemand wollte mir helfen. Ich war einfach nur Mutter und alle sorgten sich um das Kind. Ich selbst empfand nichts mehr für das Kind, ich war so fertig. Das ich dem Wahnsinn nahe war, war allen egal, oder sie konnten es nicht nach empfinden. Ich hatte so schreckliche Panik, fühlte mich gefangen in diesem Körper, wollte nur raus. Ich fiel damals echt in eine tiefe Schwangerschaftsdepression, aber es machte völlig keinen Sinn, mich deshalb zu behandeln, denn das Problem war die Übelkeit. rnEs fällt mir nicht leicht, darüber zu schreiben. Meine Seele ist einfach völlig entgleist. Am Schluss landete ich wieder in der Klinik, und Gott sei Dank nutze das Zofran via Infusion etwas und die Übelkeit ging etwas zurück. Ich brauchte Wochen, um wieder etwas Boden unter die Füsse zu bekommen. rnDer allergröste Schmerz dieser Zeit war die komplette Unfähigkeit, mich um mein Kind zu kümmern und es monatelang leiden zu sehen und in fremde Hände geben zu müssen. rnIch lag weitere 10 Wochen in meinem Schlafzimmer, ging nur wenig raus und versuchte, diese Übelkeit irgendwie auszuhalten. Es war eine schreckliche Zeit. Ich konnte nicht mehr für mein 1. Kind sorgen und war psychisch total am Boden. Jeden Morgen wachte ich auf, voller Angst vor dem neuen Tag. Ich ging wieder ins die Gesprächstherapie, aber was soll denn schon helfen, solange die Übelkeit nicht besser wird. Wieder war ich monatelang in Isolation und so krank wie nie zuvor. rnEs war wirklich Gnade Gottes, dass die HG in dieser 2. Ss bereits ab der 24 Woche nachliess. Ich konnte endlich aufatmen und mein Zustand stabilisierte sich. Dennoch, die Übelkeit blieb jede Sekunde, jeden Tag bis zum Schluss. Es gab nicht einen guten Tag. Nicht eine einzige Minute, wo ich mich am schwanger sein freute. rnrnKaum war das Schlimmste überstanden, wurde eine Gebärmutterhalsverkürzung festgestellt und ich wurde wieder zum Liegen verdonnert. Ich lag weiter bis Woche 34. Ich war jeden Tag dankbar, dass die Übelkeit weniger geworden ist, denn nichts erschien mir schlimmer. Dennoch, erholen konnte ich mich nicht mehr. Nach all den Monaten in unserer Wohnung schaffte ich es nicht, wie in der 1. SS, mich am Schluss noch am schwanger sein zu freuen. Es war einfach wie im Gefängnis. Es waren 9 unendlich lange Monate, jeder Tag war eine Tortour, die Stunden schlichen vor sich hin. Es gab keine Farbe mehr im Leben, nichts Schönes mehr. rnSelbst zwei Tage vor dem geplanten Kaiserschnitt erschien mir alles so unerträglich lange. Erst am Tag davor wurde ich ruhig und freute mich das Erste mal so richtig auf mein Kind. rnAls mein zweiter Sohn dann geholt wurde- und die Übelkeit nach 3 Stunden verschwand- fühlte ich mich so frei. Aus diesem Trauma heraus, der dunkelsten Zeit die ich jemals erlebt habe- kam ein solches wunderschönes, feines Baby und es gibt kein grösseres Geschenk. rnrnAuch ich schreibe das alles einfach nieder, ohne gross darüber nachzudenken, wie es formuliert ist und mit wohl tausend Schreibfehler. Aber es muss irgendwie geschrieben sein, damit man es dann, gesehen, verstanden und angenommen wieder weglegen kann und sich dem Leben wieder zuwendet. Mein kleines Wunder in den Armen- mein Körper, meine Gesundheit zurück verblasste die Depression und das Dunkle schnell und ich wurde wieder, wer ich vorher war und jetzt, Monate danach ist es kleiner und unbedeutend geworden. rnDie Erfahrung des schieren Wahnsinns bleibt in Erinnerung und prägt. rnGott aber danke ich, dass er aus alle dem Schönheit hat werden lassen, die nur er daraus zu schaffen vermochte. rnrnAnnarnrnrnrn