Yvonne

 
Yvonne dachte nach der ersten Schwangerschaft, dass es schlimmer nicht werden könnte und wurde dann ein weiteres Mal schwanger. ... (27.06.2016)
 
rnDa ich in den letzten 9 Monaten viel Kraft, Mut, Hoffnung und Zuversicht aus den Berichten zum Thema Hyperemesis Gravidarum geschöpft habe, möchte auch ich „Betroffenen“ meine Geschichte erzählen. Ich weiß nicht, ob sie Mut macht, aber sie zeigt, dass man nicht allein dasteht!rnrnNach meiner ersten Schwangerschaft vor 3 Jahren war ich anschließend überzeugt, kein Kind mehr zu bekommen. Ich habe die ganzen 9 Monate hindurch mit Dauerübelkeit zu kämpfen gehabt. In dieser Zeit dachte ich, schlimmer geht es nicht! Aber da hatte ich mit dem Thema HG noch nicht beschäftigt – ich kannte einfach nur niemanden dem es noch schlechter ging als mir. Nachdem unser Sohn geboren war, hatte ich die anstrengende Zeit zwar nicht vergessen, aber mir irgendwie eingeredet – einmal schaffe ich das noch. Was sind schon 9 Monate auf die Lebenszeit gerechnet ... rnrnDieses eine Mal noch – also meine zweite Schwangerschaft – war für mich die schlimmste Zeit in meinem bisherigen Leben. So einschneidend, dass ich noch nicht einmal im Nachhinein etwas Positives abgewinnen kann. Natürlich gab es auch schöne Momente – Ultraschall, wachsender Bauch, strampelnde Kinder – aber das waren kurze Motivationsschübe, die bei mir nicht lange anhielten. rnrnAlles begann im April 2015. Wir waren, wie schon bei meiner ersten Schwangerschaft, in der Kinderwunschklinik. Aufgrund einer unerkannten Hashimoto Thyroeditis konnte ich beim 1. Mal nicht schwanger werden. Seitdem bin ich regelmäßig in der Endokrinologie in Behandlung, nehme meine Tabletten und sind meine Werte stabil. Da ich dieses Mal auch meine Regel relativ pünktlich bekam, erhielt ich keine Hormone, sondern es wurde „nur“ der Eisprung ausgelöst und eine Insemination durchgeführt. Beim dritten Versuch im Juli 2015 klappte es!rnrnNach dem positiven Test Ende August war ich ganz aus dem Häuschen – juhu, es hat geklappt, ich bin schwanger! Irgendwie wartete ich schon auf die Übelkeit, hoffte aber vielmehr, dass ich sie diesmal nicht bekam und so wie jede „normale Schwangere“ die 9 Monate richtig genießen kann. Anfang September, eine Woche nach dem positiven Test, aber ging es los – Übelkeit. Immer und überall. Obwohl ich das schon kannte dachte ich sofort – oh nein, das wieder 9 Monate. Und mir fiel alles wieder ein. Ich redete mir Stärke ein und dachte, ich mache das Beste daraus. Nach dem ersten Ultraschall in der Kinderwunschklinik die freudige Nachricht „Sie bekommen Zwillinge!“. Ich habe mich wirklich riesig gefreut, mein Mann auch. Für Zwillinge stehe ich die Übelkeit durch! rnrnZu der Übelkeit kamen die Kreislaufprobleme, dann ging es los mit Brechen. Erst einmal am Tag, dann zweimal, dreimal ... und es steigerte sich noch. Irgendwann konnte ich selbst das Wasser nicht mehr drin behalten und erhielt bei meiner Frauenärztin regelmäßig Elektrolytlösungen. Irgendwie schaffte ich es noch, meinen Sohn in den Kindergarten zu fahren, auf Arbeit zu gehen, meinen Sohn wieder abzuholen. Nach so einem Tag war ich total fertig. Als meine Frauenärztin nach der 12. SSW feststellte, dass es nicht besser wurde, schickte sie mich ins Beschäftigungsverbot. Im Nachhinein bloß gut, ich weiß nicht, wie ich das sonst geschafft hätte. rnrnIch hoffte nach Ende jeder geschafften SSW, dass es nur ein wenig besser werden wurde. Es wurde nicht besser, es veränderte sich nur. Anfangs hat mein Körper so viel Speichel produziert, dass ich den regelmäßig in Taschentücher spucken musste. Irgendwann bin ich auf Küchenrolle und Spuckflasche umgestiegen. Ohne die konnte ich mich nicht mehr aus dem Haus bewegen. Meine Umfeld war etwas verwundert du fraget immer „Hast du schnupfen?“ und „Was trinkst du denn da?“. Ich war geduldig, mit ihnen und mit mir und erklärte die Situation. Anfangs kam es mir noch etwas peinlich vor, irgendwann wurde mir egal, was die anderen dachten. Es ging ja nicht anders, wenn ich nicht zum spucken kam und alles schlucken musste, wurde es nur noch schlimmer. rnrnMitte der Schwangerschaft wurde aus dem Speichel Schaum und fadenziehender Schleim. Der Schleim mit seinem süßlichen Geschmack und seiner zähen Konsistenz war immer da und verklebte meinen Hals. Es war ecklig, selbst für ich. Ich habe mich wie eine Tollwütige gefühlt. Irgendwann hatte sich mein Brechrhythmus auf 3 bis 5 Mal am Tag eingestellt - oder besser gesagt: ich habe mich gezwungen, nicht mehr als 5 Mal am Tag zu brechen. Auf alle Fälle gestalteten sich meine Brechvorgänge immer so, dass ich das Essen in Kombination mit Schleim erbrach. Und wenn kein Essen mehr drin war, Schleim kam immer noch. Jeder „Brechvorgang“ dauerte mind. 15 min, denn ich musste nicht nur einmal sondern mindestens zehnmal brechen. Zum Glück hatte ich gewissen Zeiten hatte, wo ich brechfrei aus dem Haus gehen konnte. Das nutzte ich für die Fahrten zum Kindergarten und zum Einkaufen. Durch das Beschäftigungsverbot hatte ich eigentlich viel Zeit und meine To-Do-Liste war groß. Doch ich konnte einfach nicht – Erledigungen blieben liegen, aber auch auf Dinge, die ich eigentlich gern mache und mir gut tun (lesen, musizieren, spazieren gehen) hatte ich keine Lust. rnrnDas Schlimme ist, dass ich von Anfang an wirklich viel ausprobiert habe, aber nichts geholfen hat. Akupressur, Akupunktur, Tabletten (Nausema, Nausyn, Vomex) ... Sogar meine letzte Hoffnung Agyrax aus Belgien hat Null Wirkung gezeigt.rnrnSchwangerschaftsbücher mit den vielen „weisen“ Sprüchen konnte ich nicht mehr sehen: Ingwer, Zwieback vor dem Aufstehen, ab der 12. SSW können Sie die Schwangerschaft richtig genießen, nur bei den wenigsten Schwangeren hält die Übelkeit bis zum Ende an, achten Sie auf eine gesunde Ernährung ... ich war froh, überhaupt was essen zu können und habe mir immer zum Ziel gesetzt, dass das auch 2 h drin bleibt. Da haben die Babys eine Chance, sich ein paar Nährstoffe zu holen. rnrnGespräche mit anderen waren meinst ernüchternd, was ich eigentlich niemanden übel nehmen kann. Viele haben versucht, Verständnis zu zeigen, aber mit „ist es immer noch nicht weg?“ Ist einem auch nicht geholfen. Eigentlich kann nur der verstehen, der das selbst erlebt und durchgemacht hat. Und da kenne ich nur sehr, sehr wenige. Wie Hohn wirkte dagegen auf mich die Runde im Geburtsvorbereitungskurs, wo jeder seine Beschwerden in die Runde warf. Na klar, für jemanden, dem es gut geht, ist ein juckender Bauch schlimm. Oder Sodbrennen ab der 32. SSW. Oder Rückenschmerzen. Ich hätte all das gern gegen mein Brechen und meine Dauerübelkeit eingetauscht. rnrnNur wenn ich von schlimmeren Schicksalen hörte oder las (erschütternde Hyperemesisberichte hier im Forum, Fehlgeburten, Blutungen in der Schwangerschaft die das Baby gefährden, Fehlbildungen und schwere Krankheiten bei den noch Ungeborenen) war ich froh, dass es mir zwar schlecht, den Babys aber gut geht. rnrnWährend der 8 Monate war ich einfach nur froh, jeden Tag Irgendwie überstanden zu haben und abends mit meinem Sohn ins Bett zu gehen. 12 Stunden, die jeden Tag zur Ewigkeit wurden. Mein Mann hat mir zwar in der Zeit viel abgenommen, Verständnis gezeigt und versucht mich zu motivieren, aber er geht voll arbeiten, wir haben ein Haus, unser Sohn ist auch nach dem Kindergarten noch sehr aktiv. Da ist irgendwann die Kraft bei beiden weg. An „Eheleben“ war in der Zeit nicht zu denken und mir tat mein Mann auch ein wenig leid. Doch ich konnte es einfach nicht ändern. Gegen Ende der Schwangerschaft wurde mein Nervenkostüm immer dünner, meine Belastungsfähigkeit ging gegen Null. An Tagen, wo ich mich überfordert fühlte (Hausarbeit, mein Sohn, Pflichttermine außer Haus) konnte ich nur noch heulen und mich selber bedauern. Am liebsten wäre ich ins Krankenhaus gefahren und hätte mir die Babys endlich rausschneiden lassen. Dann kam irgendwann die Vernunft wieder und ich sagte mir „die paar Tage schaffe ich auch noch, jeder Tag im Bauch ist wichtig für die Babys“. rnrnVom gesellschaftlichen Leben um mich herum habe ich die 9 Monate fast nichts mitbekommen. Weihnachten, Ostern, Hochzeiten, Geburtstage, Konzerte, Kirchenbesuche, Einladungen zum Essen – entweder ich bin nicht hingegangen oder habe mich hingequält und das durchgestanden. Mit kurz vorher und gleich nachher Brechen. rnrnIch weiß, dass ich, wenn ich meine zwei Brechmäuse in den Händen halte, sagen werde – es hat sich gelohnt! Aber ich bin mir genauso sicher, dass ich diese Erfahrungen niemals vergessen werde und eine erneute Schwangerschaft für mich unmöglich ist. Ich würde das nicht nochmal durchstehen! Hätte mir am Anfang meiner Schwangerschaft jemand gesagt, dass ich diesen „Zustand“ bis zum Ende ertragen muss, ich wäre wahrscheinlich durchgedreht.rnrnAus den Foren und Berichten zum Thema weiß ich, dass mein „Fall“ im Vergleich zu anderen eigentlich lächerlich ist. Ich musste nie ins Krankenhaus, mein tägliches Erbrechen war irgendwann im einstelligen Bereich und ich konnte mich größtenteils immer um mich alleine kümmern. rnrnJedes Mal, wenn ich mit meiner Kraft am Ende, mit den Nerven ganz unten war, nicht mehr konnte, nicht mehr wollte und nur noch Rotz, Wasser und Schleim geheult habe, hab ich mich durch das Forum gelesen, Berichte in mich eingesogen und festgestellt - es hätte dich noch viel schlimmer treffen können. Das war in dem Moment ein kleiner Trost, der mir wieder für ein paar Tage Kraft gegeben hat. Wenn ich über Themen wie Spätabbruch der Schwangerschaft oder Selbstmordgedanken aufgrund von HG las, war ich zwar erschüttert, konnte aber die Verzweiflung über die Lage nachvollziehen und würde nie jemanden wegen so einer Entscheidung verurteilen. Ich war oft an dem Punkt, wo ich dachte, ich schaffe es nicht her, halte das nicht mehr länger aus. Mein Mann redete mir gut zu, aber am Ende war es die eigene Vernunft, die siegte. Es ist eine begrenzte Zeit, dich erwarten zwei Babys, die beiden kleinen Wesen können nichts dafür und – ich habe keine andere Wahl, als durchzuhalten. rnrnIch hätte alles dafür gegeben, diese 24-h-Übelkeit und das Erbrechen loszuwerden. Aber auch in den Foren wird deutlich – es gibt kein Allheilmittel. Einigen hilft das eine, einigen das andere, vielen gar nichts. Anfangs war ich fest davon überzeugt, dass es „mein“ Mittelchen irgendwo gibt, ich muss es nur finde. Das ist mir leider nicht gelungen, auch mit professioneller Hilfe von Hebammen, Ärzten und Heilpraktikern nicht. Ich habe das ganze world wide web danach durchsucht, tagelang recherchiert und gegoogelt – erfolglos. rnrnSchwangerschaft ist keine Krankheit – das stimmt. Hyperemesis Gravidarum aber ist es - ganz bestimmt. Darum hoffe ich, dass, wer davon betroffen ist, von seinen Mitmenschen ernst genommen wird, Unterstützung erhält und das große Glück hat, dass ein Mittelchen anschlägt. rnrnAuch wünsche ich jedem, der ein ähnliches Schicksal durchmachen muss, ganz viel Mut, Kraft, Stärke, liebevolle und verständnisvolle Menschen an seiner Seite und - behaltet immer das Ziel vor Augen. Es ist zwar der einzige, aber der beste Trost!rnrnNachtrag: Am 22. April 2016 sind meine beiden Brechmäuse per Kaiserschnitt ans Licht der Welt geholt worden. Ein Schnitt, ein paar Minuten später waren meine Mädels da, und meine Übelkeit sofort weg. Ich habe geweint – vor Glück über meine gesunden Mädchen und vor Freude darüber, dass 8 Monate Übelkeit und Erbrechen vorbei sind. Ja, es war eine sehr, sehr harte und anstrengende Zeit. Aber Ja, es hat sich gelohnt!rn