Sabine

 
Bericht einer kurzen und glücklosen Schwangerschaft (17.01.2017)
 
Bericht meiner kurzen und glücklosen Hyperemesis-SchwangerschaftrnrnIch habe im vergangenen Sommer eine sehr schlimme Schwangerschaft erlebt. Hyperemesis hat bei mir niemand diagnostiziert, aber als ich später das Buch über Hyperemesis gravidarum gelesen habe, habe ich sehr, sehr viele Symptome der Krankheit wiedererkannt. Ich möchte versuchen, die Situation, in der ich schwanger geworden bin und den Krankheitsverlauf möglichst genau zu beschreiben, vielleicht kann ich damit einen kleinen Beitrag dazu leisten, dieser Krankheit, ihren vielleicht psychischen, vielleicht physischen Ursachen, ein Stück mehr auf die Spur zu kommen.rnrnMein Mann und ich hörten im März 2010 auf zu verhüten. Ich war damals 33, mein Mann 42. Ich hatte zuvor studiert, promoviert und eine Festanstellung als Lektorin gefunden, nun konnte ich mich endlich um die Familiengründung kümmern, dachte ich, hatte aber immer das Gefühl, dass ich schon viel zu spät dran war. Eigentlich wollte ich nach all dem Stress mit der Berufsplanung endlich einmal meine Ruhe haben, nicht schon wieder das nächste angehen müssen, ich wollte das Leben genießen, hatte aber große Angst, dass mir dann keine Zeit mehr bliebe, mir den größten Wunsch meines Lebens zu erfüllen. Ich wollte unbedingt ein Kind, mindestens eines. Ich konnte mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen, es machte mir Angst. Ich habe selbst keine Geschwister und war deswegen, schon seit ich klein war, fest entschlossen, eine eigene Familie zu haben. rnrnNachdem sich auch nach einem Jahr noch keine Schwangerschaft eingestellt hatte, konsultierte jeder von uns einen Arzt. Damit begann eine über sechs Jahre andauernde Odyssee durch verschiedene Kinderwunschzentren. Wir wurden mehrmals untersucht, immer ohne Befund. Es war kein körperlicher Defekt zu finden, weder bei meinem Mann noch bei mir, der eine Schwangerschaft verhindert hätte. Meine Panik wuchs jedoch immer mehr. rnrnSechs Jahre lang standen mein Leben und unsere Beziehung im Zeichen des Kinderwunschs. Egal, was wir unternahmen, es klappte nie. Psychoanalyse, Meditation, Yoga, zwei Inseminationen, eine IVF, Homöopathie, Naturheilkunde – ich habe in diesen Jahren sehr viel gelernt, aber schwanger geworden bin ich nicht. Dann entschlossen wir uns im Sommer 2015 spontan zu heiraten. Im Oktober wurde ich 39. Da eine von der Krankenkasse subventionierte Kinderwunschbehandlung nur bis zur Vollendung des 40. Lebensjahres möglich ist wollte ich es jetzt noch einmal versuchen. Mein Mann sagte, er würde mich nicht mehr unterstützen können, bei diesem Weg. Nach all den Erfahrungen im Vorfeld hätte er diesen Schritt nicht mehr gemacht. Zudem hatte er gerade eine Augenerkrankung hinter sich und monatelang war nicht klar gewesen, ob er erblinden würde. Das hatte ihn so viel Anstrengung gekostet, dass er nun nicht gleich wieder mit Ärzten und Diagnosen konfrontiert werden wollte.rnrnIch suchte mir also allein ein neues Kinderwunschzentrum, ließ mich beraten, machte eine Hormonbehandlung, die Eizellenentnahme und empfand alles nicht als besonders schlimm, auch, wenn es mich sehr viel Kraft kostete und ich mich manchmal von meinem Mann allein gelassen fühlte. Doch ich war zuversichtlich. Dann erfolgte die Befruchtung, wir hatten ein gutes Ergebnis, drei Eizellen wurden eingefroren. Ein paar Monate später ließ ich mir die erste einsetzen – und wurde wieder nicht schwanger. Ich konnte nicht mehr, verfiel in eine Depression. Die Tränen flossen wie von selbst aus mir heraus, das lief alles gar nicht mehr über den Kopf, über die Gedanken – ich war weder wütend, noch verzweifelt, ich war traurig und erschöpft. Die Sache schlug mir auf den Magen und die Nieren. Ich fühlte mich elend. Beschloss aber, gleich weiterzumachen und mir die beiden übrigen beiden Eizellen auf einmal einsetzen zu lassen. rnrnUnd kaum zu glauben: Dieses Mal war ich schwanger – endlich schwanger. Ich war normal, ich funktionierte! Endlich hatte ich es geschafft. Ein paar Tage lang fühlte ich eine unglaubliche Erleichterung, dachte, nun würde endlich alles von mir abfallen, von unserer Beziehung abfallen, diese ganze Last, die dieser Kinderwunsch über Jahre hinweg gewesen war, selbst, wenn ich mich furchtbar erschöpft fühlte, von allem, was ich durchgemacht hatte. Doch der Frohsinn war von sehr kurzer Dauer: eine knappe Woche nachdem ich von meiner Schwangerschaft erfahren hatte, ging eine Übelkeit los, die mir eine schreckliche Angst einjagte. So etwas hatte ich noch nie erlebt. rnrnIch hatte einen riesigen Hunger, konnte aber nichts hinunterbekommen, ich konnte nicht einmal richtig schlucken. Bei jedem Geruch würgte es mich sofort. Ich quälte mich mit Quark und Joghurt, mit Pudding und Milchreis, aber nichts war ein Genuss, essen war wie Folter, ich würgte nur mit Gewalt alles in mich hinein, manchmal war mir als hätte ich gar keinen Schluckreflex mehr. Und wenn ich nicht aß, war der Hunger wie Folter.rnrnJetzt hatte es mich also auch erwischt. Weil ich ohnehin eine schlimme Kotzphobie habe seit ich denken kann, hatte ich immer furchtbare Angst davor, dass mich diese Schwangerschaftsübelkeit so stark erwischen würde wie z.B. Prinzessin Kate oder eine Arbeitskollegin von mir, die auch im Krankenhaus künstlich ernährt werden musste. Diese Angst hatte meine Sehnsucht nach einem Kind immer begleitet – eine schwer einzuordnende Ambivalenz – jetzt hatte sich diese Angst also bestätigt. rnrnIch wusste von Anfang an, das würde nicht mehr aufhören und ich wusste, mir würde keiner helfen. Ich traute mich auch anfangs lange nicht, darüber zu reden, wie ich mich fühlte, versuchte, es auch vor meinem Mann zu verbergen, nicht zu klagen, weiter zu funktionieren, auch in der Arbeit. Schließlich hatte ich unbedingt ein Kind gewollt, jetzt musste ich es eben aushalten. Der Arzt in der Kinderwunschklinik sagte, das gehe vorbei. Meine Frauenärztin sagte, da könne man nichts machen. Mein Heilpraktiker sagte immer wieder, je schlechter es mir ginge desto besser ginge es dem Kind. Er verschrieb mir Unmengen von Mitteln, doch nichts half. rnrnVon der sechsten bis zur achten Woche konnte ich zumindest abends noch mit Appetit essen und satt werden. Nachdem ich den ganzen Tag über nur Knäckebrot geknabbert hatte, an Zitronen gerochen, Mittel genommen usw. wich der Brechreiz am späten Nachmittag einem richtigen Appetit. In der achten und neunten Woche waren wir im Urlaub. Ich litt schrecklich unter der Hitze an der Adria, doch ich ging noch jeden Tag mehrere Bahnen schwimmen. Die Bewegung tat mir gut. Doch von Wohlgefühl konnte keine Rede sein.rnrnMorgens beim Zähneputzen kam schon der erste Brechreiz, allein beim Anblick eines Waschbeckens. Ich würgte und schluckte, schluckte, schluckte so lange, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Dann musste ich sofort etwas essen, ein Croissant ging Gott sei Dank immer und dann jeden Tag ein Hin und Her zwischen Hunger, Brechreiz, Ekel vor Gerüchen, Hunger, Brechreiz etc. Ich übergab mich in dieser Phase noch nicht, unterdrückte den morgendlichen Brechreiz mit aller Gewalt und lenkte mich vom sonstigen durch Lesen und Schwimmen ab. Vor den Progestan-Tabletten, die ich weiterhin in rauen Mengen schlucken musste (bis Ende der zwölften Woche) ekelte ich mich, täglich musste ich noch ein Hormonpflaster wechseln und es kostete mich Überwindung, es nicht einfach wegzulassen.rnrnMit meinem Mann begannen bereits in dieser Phase die Probleme. Er beklagte sich darüber, dass ich mich nicht mehr freue, jetzt wo ich endlich schwanger sei, ich hätte doch jetzt endlich, was ich gewollt hatte, er habe diese ewige Anspannung und Schwere satt. Ich war wahrscheinlich auch angespannt, denn ich war ständig nur damit beschäftigt, meinen Brechreiz unter Kontrolle zu halten. Ich fühlte mich befremdet von diesem Zustand, immer mehr allein, immer isolierter.rnrnWährend des Urlaubs ging es noch einigermaßen, doch dann, in der zehnten Woche, wo es ja eigentlich schon ein bisschen besser werden sollte, schenkte man den Ammenmärchen der Ärzte Glauben, wurde es immer schlimmer. Meine Frauenärztin ging auf meine zaghaften Versuche, ihr mein Befinden zu erklären, überhaupt nicht ein. Das sei normal und dem Baby gehe es gut. Ich konsultierte erneut meinen Heilpraktiker, bevor der sich drei Wochen in den Urlaub verabschiedete und er machte sich dieses Mal immerhin die Mühe, mich näher zu untersuchen.rnrnFür mich war es zu diesem Zeitpunkt kaum mehr möglich, den Haushalt zu führen, meine Arbeit zu erledigen, Sozialkontakte zu pflegen, geschweige denn Sport zu machen und essen ging so gut wie gar nicht mehr. Auch nicht abends, so wie am Anfang. Ich war nur noch Übelkeit, ich war völlig reduziert darauf. Ich saß weinend und hungrig vor einem Teller mit Spaghetti, die mein Mann gekocht hatte, und konnte einfach nicht mehr schlucken. In meinem Hals steckte immer ein Kloß, ein Batzen aus Schleim, der nichts durchzulassen schien und selbst herausdrängte. Ich hatte einen so ekelhaften Geschmack auf der Zunge, dass mir allein davon schon schlecht war. rnrnDer Heilpraktiker stellte eine Überbelastung der Galle fest – tatsächlich hatte ich neuerdings auch schwere Koliken, vor allem abends, mein ganzer Körper fühlte sich vergiftet an. Als wollte er sich nach außen stülpen, als würde mir bald die Haut aufreißen und das ganze Gift in mir nach außen dringen. Mir tat alles weh – meine Glieder, meine Haut, meine Brüste (ich dachte, sie würden irgendwann einfach platzen). Ich wollte nicht mehr in meinem Körper sein, der hatte mit mir nichts mehr zu tun.rnrnDann beschloss ich, mich krankschreiben zu lassen. Ich konnte einfach nicht mehr – dabei wollte ich immer funktionieren, ich wollte nicht das Klischee einer Schwangeren sein. Ich wollte die Schwangerschaft in mein Leben integrieren, nicht umgekehrt. Doch jetzt gab ich auf. Das deprimierte mich sehr, eine Kapitulation vor der Übelkeit.rnrnMeine Hausärztin empfahl Mandeln kauen und Iberogast. Mit dem Mandelkauen wurde es tatsächlich ein bisschen besser, doch dann überwältigte mich sofort wieder der Hunger und ich stand wieder vor dem anderen Problem: mein Kreislauf sackte ein und mir verursachte wieder der Hunger einen Brechreiz. Iberogast half kurzfristig, beruhigte den Magen, wenn ich mich übergeben hatte müssen, aber da meine Übelkeit, das wusste ich von Anfang an, nicht vom Magen herkam, sondern sich aus irgendeiner anderen unergründlichen Quelle speiste, änderte es langfristig an meinem Befinden nichts.rnrnAnsonsten konnte ich kaum Ärzte erreichen. Die Sommerferien hatten gerade angefangen und meine Frauenärztin war im Urlaub, das Kinderwunschzentrum fühlte sich nach dem zweiten Ultraschall nicht mehr zuständig; und ich hatte nicht die Kraft, herumzutelefonieren, um mir Hilfe zu suchen.rnrnSeltsam war auch, dass ich, obwohl das alles im Sommer war, ein sehr heißer Sommer, nicht schwitzen konnte. Meine Schweißdrüsen hatten quasi mit dem Beginn der Schwangerschaft ihren Betrieb eingestellt. Ich kochte innerlich, aber ich konnte nicht schwitzen. Ich hatte auch keinen Durst – obwohl ich jemand bin, der normalerweise sehr viel trinkt.rnrnJetzt würgte ich nur das stille Wasser hinunter, meistens gelang es mir damit auch, den Brechreiz zu unterdrücken. Mit aller Gewalt stemmte ich mich dagegen, ich wollte auf keinen Fall ins Krankenhaus, auf keinen Fall künstlich ernährt werden müssen. Und mein Hunger war immer noch übermächtig, lähmend, fordernd. rnrnFür mich ist kochen, essen und genießen sehr wichtig. Ich ernähre mich normalerweise sehr bedacht und zu einem großen Teil ayurvedisch. Das ist für mich eine Möglichkeit, mir selbst bewusst Gutes zu tun. Das war für mich eigentlich das Schlimmste: nichts mehr essen, nicht mehr für mich sorgen zu können, meinen Körper auch nicht mehr einschätzen zu können. Ich hatte doch einen Riesenhunger die ganze Zeit, warum verweigerte mein Körper das Essen? Ich versuchte täglich erneut, herauszufinden, was ginge. Und es war immer etwas anderes, von dem ich wenigstens ein paar Bissen runterbrachte. Doch alles schmeckte widerlich. Es ging nur noch um die Nahrungsaufnahme, und darum, das Essen – koste es, was es wolle – in mir drin zu behalten, um nicht wieder Hunger zu bekommen und die Folter mit dem Essen noch einmal durchstehen zu müssen. rnrnIch fühlte mich wie ein Tier: Ich war nur noch Hunger, nur noch Übelkeit, nur noch Fressen, was einigermaßen ging – ich hatte die Kontrolle über meinen Körper völlig verloren. Und ich konnte mir auch nichts Gutes tun: Ich konnte nicht mehr rausgehen, aus Angst, mich auf offener Straße schwallartig übergeben zu müssen und weil die Hitze mich völlig fertig machte; ich konnte mir nichts kochen, weil ich so abrupte Hungerattacken hatte, dass ich, wenn ich nicht SOFORT irgendetwas in mich hinein schob, kotzen musste – kochen hätte da viel zu lange gedauert. Und ich konnte mich auf nichts konzentrieren, geschweige denn etwas riechen, und ich war körperlich erschöpft, als ob mir pures Gift durch die Adern fließen würde, sodass es auch nicht möglich gewesen wäre, länger als fünf Minuten am Herd zu stehen. Ich lag nur noch auf dem Sofa im abgedunkelten Zimmer und fühlte mich meinen Körper, der mir fremd war, zu dem ich den Bezug verloren hatte, ausgeliefert.rnrnFür das Baby blieb da wenig Raum, für meinen Mann auch nicht – der war mit meinem Befinden völlig überfordert, verängstigt davon und ging aus, wo er nur konnte. Er schlief fast nicht mehr und nahm wahnsinnig ab. Langsam begannen Freundinnen, sich um mich zu sorgen, ihre Besuche hielten mich einigermaßen aufrecht. Und immer wieder hörte ich: das geht vorbei, nächste Woche ist es sicher schon besser etc. Und zwischendurch gab es auch immer wieder zwei Tage, an denen der Brechreiz nicht ganz so stark war und wir hofften, nun würde es aufwärts gehen. Tags darauf war es dafür wieder umso schlimmer.rnrnUnd dann hatte ich einen Termin bei der Pränataldiagnostik – es sollten Zellen aus dem Mutterkuchen entnommen werden, um eine genetische Analyse des Kindes vornehmen zu können; wir wollten ausschließen können, dass eine Trisomie vorlag. Doch sollte dies nicht das Problem sein, wie sich herausstellte: Bereits beim ersten Blick auf den Ultraschallmonitor sagte der Arzt: „Um Gottes Willen, das sieht nicht gut aus.“ Die Blase des Babys war zu einem Ballon angeschwollen, der fast seinen ganzen kleinen Körper ausfüllte. Diagnose: Megazystis; dem Baby war es nicht möglich, Wasser zu lassen. Die Prognose des Arztes war vernichtend: Wäre das Baby ein Junge, konnte es möglicherweise noch an einer Dysfunktionalität der Harnklappen liegen, die während der Schwangerschaft mit einem Katheder überbrückt und nach der Geburt operiert und behoben werden könnte; bei einem Mädchen jedoch wies alles auf eine neurologische Dysfunktionalität hin, die nicht behebbar wäre und zu hoher Wahrscheinlichkeit noch während der Schwangerschaft zum Tod des Babys führen würde. Eine Symptomatik, deren Wahrscheinlichkeit im Promillebereich liegt, wie wir später erführen. Es wäre noch wahrscheinlicher gewesen, dass das Baby eine schwere Behinderung hat, doch genetisch war es völlig gesund.rnrnIch war geschockt, mein Mann auch. Und das Baby war ein Mädchen, wie sich herausstellte. Kurze Zeit hoffte ich noch, dass vielleicht noch ein Wunder geschehen würde, dass die Blase bei der nächsten Untersuchung nicht wieder übervoll wäre, sondern das Baby mittlerweile „gelernt“ hätte, Wasser zu lassen. Ich ging noch dreimal hin, wurde jedes Mal punktiert, der Zustand des Babys war unverändert. Beim letzten Mal riet mir die Ärztin zu einer Abtreibung. Ich war mittlerweile in der vierzehnten Woche, mir ging es immer schlechter. Ich musste mich mittlerweile öfters übergeben, konnte den Brechreiz selbst mit äußerster Gewalt nicht mehr unterdrücken. Die Diagnose machte mein Befinden nicht besser, doch habe ich im Nachhinein den Eindruck, als hätte ich sie aufgrund meines eigenen Befindens nur wie in einem Nebel, wie in einem Delirium wahrgenommen. rnrnIn dieser Zeit kümmerte sich eine Homöopathin sehr gut um mich, meine Freundinnen waren täglich für mich da, während mein Mann immer mehr in sich zusammensank. Ich glaube, ihn traf die Diagnose viel unmittelbarer, während ich psychisch wie betäubt war. Ich kämpfte um einen Termin bei einer anderen Pränataldiagnostikpraxis um eine Zweitmeinung einzuholen, in den Sommerferien war das der reinste Horror. Meine Frauenärztin war gerade aus dem Urlaub zurückgekommen, hatte den Befund auf dem Tisch und war völlig fassungslos, sagte, so eine Diagnose habe sie noch nie gesehen. Sie empfahl mir einen Professor in einer Klinik hier in München. rnrnNach wie vor wachte ich jede Nacht von einem unbändigen Hunger auf, würgte ein paar Cracker oder Ähnliches hinunter, um mich nicht sofort übergeben zu müssen, dämmerte dann weiter, wachte wieder vor Hunger auf; würgte einen geschmacklosen Haferbrei hinunter, musste mich anschließend übergeben, dämmerte dann auf dem Sofa vor mich hin. rnrnJeder Arzttermin kostete mich eine immense Anstrengung. Der Brechreiz und das Vergiftungsgefühl waren seit der Diagnose noch schlimmer geworden. Doch ich wollte das Kind nicht aufgeben, bevor wir nicht eine Zweitmeinung hatten. Der Ultraschall, den dieser Professor machte, zeigte jedoch, dass die Blase des Babys nun geplatzt war. Und seine Empfehlung lautete: Entweder wir lassen einen Abbruch vornehmen, oder warten, bis das Kind von selbst stirbt, es könne sich nur noch um Tage handeln. rnrnAm nächsten Tag ging ich in die Klinik. Wir wollten das Baby nicht noch länger leiden lassen – und auch ich war mit meinen Kräften völlig am Ende. Im Krankenhaus gab man mir Vomex intravenös und ich musste mich übergeben noch während ich am Tropf hing. Wieder dieses starke Gefühl, mein Körper müsse etwas loswerden, sei vergiftet. Ich fragte mich, ob das Baby vielleicht schon tot war.rnrnDann erfolgte der Abbruch – weil meine Plazenta unten lag und die Gefahr bestand, dass ich bei einer normalen, eingeleiteten Geburt verblute, musste ich das alles wenigstens nicht bei vollem Bewusstsein miterleben. Man gab mir Wehen fördernde Mittel, als sie einsetzten ein starkes Schmerzmittel, das mich in einen angenehmen Dämmerzustand versetzte, und als ich zu bluten anfing, kam ich sofort in den OP und wurde unter Vollnarkose gesetzt. Eine Stunde später wachte ich auf und das Baby war weg.rnrnSo sehr mich der Verlust des Kindes auch schmerzte und schmerzt, ich muss zugeben, da ist ein Teil in mir, der einfach nur froh ist, nicht mehr schwanger zu sein. Wenn ich schwangere Frauen sehe, die strahlen und aktiv wirken, die normal ihrer Arbeit nachgehen können und normal essen, werde ich ganz traurig. Es erscheint mir unmöglich, selbst in so einer gelösten Stimmung schwanger zu sein. rnrnManche Mediziner äußerten im Nachhinein die Vermutung, dass es mir so schlecht ging, weil es dem Baby so schlecht ging. Und manchmal dachte auch ich, mit den Koliken und den Vergiftungsgefühl reagiert mein Körper selbst so, als sei meine eigene Blase angeschwollen, als könnte ich nicht Wasser lassen, wären meine Nieren vergiftet. Meine Frauenärztin sagte jetzt, dass sie viele Patientinnen habe, die nach einer Kinderwunschbehandlung besonders unter Schwangerschaftsübelkeit leiden würden. Aber belegbar ist das alles nicht.rnrnJedenfalls erscheint mir der leichtfertige Kommentar der Ärzte zu meiner Übelkeit nun noch mehr als blanker Hohn – es stimmt eben nicht immer, was alle gerne behaupten: Je schlechter es der Mutter geht, desto besser geht es dem Baby. Meinem Baby ging es noch viel schlechter als mir.rnrnDas ist jetzt gute drei Monate her. Ich mache eine Therapie, um diese Erfahrung irgendwie einordnen zu können. Meine Ehe ist sehr gefährdet, jeder von uns hat in einen Abgrund geblickt und wir sind nicht mehr dieselben wie zuvor. Einige meiner Arbeitskolleginnen sind jetzt in ihrer Schwangerschaft so weit, wie ich jetzt wäre – sie haben sich gerade in die Elternzeit verabschiedet. Das schmerzt. Der Verlust des Babys ist schrecklich, aber zumindest kann ich ihn betrauern. Was ich überhaupt nicht einordnen kann, was mir Angst macht, nach wie vor, ist das traumatische Erlebnis dessen, was diese Schwangerschaft mit mir gemacht hat. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so fremdbestimmt, so elend, so im Stich gelassen, so unverstanden, so hilflos gefühlt. Was ist da bloß geschehen?rnrnAuch, wenn ich mich entschieden habe, mich keiner Kinderwunschbehandlung mehr zu unterziehen – mein Kinderwunsch ist trotz dieser Erfahrung noch immer da. Doch gerade kann ich mir nicht vorstellen, wieder aufzuhören zu verhüten, es wieder „darauf ankommen“ zu lassen. Das ist ein ziemliches Dilemma.rn