Bettina

 
Bettina ist glückliche Mutter von 2 Kindern. Sie möchte allen Betroffenen Mut machen. Und sie hat sich Humor bewahrt. Sie vergleicht normale Übelkeit mit HG folgendermaßen: Es ist als würde man einen leichten Kinderfurz mit einem Orkan vergleichen (09.04.2017)
 
Zweimal durch die Hölle und dann trotzdem im HimmelrnrnrnIch habe mir vorgenommen, noch während ich unter schlimmster Schwangerschaftsübelkeit litt, sobald es mir besser geht, einen Bericht für andere betroffene Mamis zu schreiben. Um Mut zu machen. Um zu trösten. Und um zu sagen, dass zwischen gewöhnlicher Schwangerschaftsübelkeit und Hyperemesis, wie ich sie mitgemacht habe, und viele andere auch, ein himmelweiter Unterschied besteht! Es ist als würde man einen leichten Kinderfurz mit einem Orkan vergleichen. rnEines vorweg: Während ich diesen Bericht schreibe, schläft ein fröhlicher, dicker Baby-Junge in einer Trage vor meiner Brust und ich bin glückliche stolze Mutter einer dreijährigen Tochter.rnrnSo schlimm wird es schon nicht werden…rnIch habe am 20. Dezember 2015 erfahren, dass ich schwanger bin – und mich riesig gefreut! Obwohl ich in der ersten Schwangerschaft schon mit schlimmster Übelkeit zu kämpfen hatte (ich hatte 3 Monate nur gekotzt und 6 Kilo abgenommen), gaukelt einem die menschliche Psyche glücklicherweise vor, dass alles gar nicht so schlimm war, sobald man die kleinen Würmer im Arm hält. Mit dem positiven Schwangerschaftstest in den Händen dachte ich noch „Schlimmer als bei der ersten Schwangerschaft kann es ja gar nicht sein.“ Aber ich sollte mich geirrt haben! rnKotzen in EndlosschleifernAm 28. 12. habe ich das erste Mal erbrochen – irgendwann im April des darauffolgenden Jahres das letzte Mal. Zuerst war es nur eine dauerhafte Übelkeit, die sich mit üblichen Hausmittelchen wie Zitronenwasser trinken und Kaugummi kauen unterdrücken ließ. Doch schon bald, es war kurz nach Silvester, raubte mir die Übelkeit die letzten Energiereserven. Anfangs konnte ich zumindest morgens noch aufstehen, musste mehrmals erbrechen, schaffte es aber immerhin ein wenig zu trinken und minimal zu essen. So konnte ich mich zumindest durch den Tag quälen, aber die Übelkeit wurde von Tag zu Tag schlimmer. Ich kotze und kotze und kotze –den ganzen Tag, nachts. Ich wurde wach, weil ich brechen musste. Bis zu 25 mal am Tag. Ich konnte keinerlei Nahrung mehr aufnehmen, Flüssigkeit nur unter größer Anstrengung und teelöffelweise. Die meiste Zeit verbrachte ich in einer Art Dämmerschlaf im dunklen Schlafzimmer. Da ich nichts mehr zu mir nahm, war jede Brechattacke eine Qual. Ich erbrach kleine Mengen Speichel und Galle – unter schlimmster Anstrengung und Schmerzen. Nassgeschwitzt fiel ich dann für einige Minuten in einen Halbschlaf bis ich nach ca. 20 Minuten wieder erbrechen musste. In einer Endlosschleife! Nach dem Brechen war mein Kreislauf so unten, dass mir schwarz vor Augen wurde und ich Schüttelfrost bekam. Ich fror ohnehin die ganze Zeit erbärmlich, da mein Körper wegen des Nahrungsmangels nur noch auf Sparflamme lief.rnAn arbeiten war nicht zu denken. Ich war den kompletten Januar krankgeschrieben, im Februar schrieb mein Gynäkologe mich für einen Monat arbeitsunfähig. rn„Mami, warum musst du immer brechen??“rnDa mein Mann nach einigen Tagen Urlaub Anfang Januar wieder arbeiten musste und unsere gerade zwei jährige Tochter noch nicht in den Kindergarten ging, musste ich meine Eltern bitten, die Kleine morgens abzuholen und zu versorgen. Ich fühlte mich so schrecklich! Das Gefühl, das schlechte Gewissen, das eigene Kind morgens noch nicht einmal anzkleiden zu können, geschweige denn ein Frühstück zubereiten zu können, brach mir das Herz – insbesondere weil die Kleine so unglaublich lieb und verständnisvoll war. Immer wieder kam sie zu meinem Bett und streichelte mir den Kopf und sagte „Ach arme Mami, dir is sooo schlecht“. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ein kleiner Mensch so empathisch sein kann. Oft war ich noch nicht mal mehr in der Lage, mit meiner Tochter zu sprechen. Eine leichte Bewegung mit dem Kopf reichte aus, dass ich das wertvoll erkämpfte, mühsam geschluckte Wasser wieder erbrach. An guten Tagen konnte ich meine Tochter bitten, mir die Schüssel zum Kotzen zu reichen. Ich belauschte sie dabei, wie sie meine Brech-Eskapaden nachspielte und so tat, als würde sie geräuschvoll in Eimerchen kotzen. Dann sagte sie immer „Ich hab Baby im Bauch, mir is soooo schlecht. Jööööööörgg…“ Von Anfang an haben wir der Kleinen nichts verheimlicht und ihr erklärt, dass es mir so schlecht geht, weil sie ein Baby im Bauch hat und dass dies bald vorüber sein wird. Ich wollte nicht, dass sie sich allzu große Sorgen um ihre augenscheinlich kranke Mami machte und ihr deutlich machen, dass ich bald wieder die Alte sein würde. Gleichzeitig hatte ich Bedenken, dass die große Schwester das Baby von Beginn an mit etwas Negativem assoziieren könnte. Im Nachhinein kann ich sagen: Die Kleine hat ihren Bruder von Anfang an geliebt, nicht die Spur von Eifersucht gezeigt und war immer sehr verständnisvoll! Wenn ich die beiden jetzt zusammen sehe, wie der Kleine sich abrollt vor Lachen, weil seine große Schwester ihm Mätzchen vormacht, könnte ich heulen vor Glück. Und manchmal mache ich das auch ganz heimlich. rnHilfe, ich sehe aus wie ein Junkie – Tägliche Infusionen in der PraxisrnDa ich fast keine Flüssigkeit bei mir behalten konnte (an Essen war überhaupt nicht zu denken), war ich regelmäßig dehydriert und so schwach, dass ich nicht alleine laufen konnte. Als ich bereits 4 Kilo abgenommen hatte, wollte mein Gynäkologe mich ins Krankenhaus schicken. Ich wollte allerdings unserer Tochter nicht das Gefühl geben, dass ich sie alleine lasse wegen des Babys – sie machte ohnehin schon so viel mit. Daher ließ ich mir fast täglich Infusionen in der gynäkologischen Praxis geben. Irgendeine Mischung aus Kochsalzlösung, Zucker und irgendwelchen Vitamin-Cocktails, die mich angeblich stärken sollten. Geholfen hat es nichts. Aber zumindest hatte ich das Gefühl, dank der Infusionen dem Baby etwas Gutes zu tun. Die Angst, dem Baby durch die Kotzerei zu schaden, war allgegenwärtig. Kommentare wie „Du musst trinken, dem Kind zuliebe“ brachten mich auf die Palme. Zwar hatte ich eine Hyperemesis bereits in der ersten Schwangerschaft durchgestanden und eine wunderbare, gesunde Tochter zur Welt gebracht, trotzdem fiel es mir schwer meinem Gynäkologen zu glauben, dass es dem Kind gut ging, während ich durch die Hölle ging.rnOhne Hilfe geht es nicht rnIch war mittlerweile so schwach, dass ich auch nicht mehr alleine Auto fahren konnte- abgesehen davon, dass ich ständig erbrechen musste. Auch im Auto. Daher holten meine Eltern, die Gott sein Dank in der Nähe wohnen, fast jeden Morgen ab und fuhren mich zum Gynäkologen. Dort warteten sie tapfer mit meiner Tochter, bis die Infusion durchgelaufen war und fuhren mich nach Hause. Nach einigen Wochen waren meine Venen in den Ellenbeugen so zerstochen, dass die Infusionen in die Hände gelegt werden mussten. Mein Kreislauf und Blutdruck waren so unten, dass 500 ml Infusion oft mehr als eine Stunde schleppend langsam in meine Arme flossen. Wenn dies der Fall war, bummelten meine Eltern mit meiner Tochter bei Minusgraden in der Stadt herum oder warteten im Auto. Oft konnte ich vor lauter schlechtem Gewissen nur noch heulen! Zum Schluss erhielt ich die Infusionen in die Füße. Ich sah aus wie ein Junkie. Mein Gynäkologe bat mir immer wieder an, das Medikament Vomex intravenös zu verabreichen. Es sei angeblich ungefährlich für das ungeborene Kind. Ich weiß, dass es viele Schwangere bedenkenlos nehmen und ich kann das verstehen. Aber ich habe es abgelehnt. Von einer Bekannten erfuhr ich, dass es ihr nach einer Infusion mit Vomex immer so gut ging, dass sie richtig essen und Kraft sammeln konnte. Trotzdem hatte ich zuviel Angst vor möglichen Nebenwirkungen. rnWährend der gesamten Zeit habe ich 2mal eine Vomex Tablette genommen – weil ich einfach nicht mehr konnte. Und ich schon weit über die 12. Woche hinaus war und kein Ende in Sicht war.rnrnIch bin ein Pflegefall – und heule den ganzen TagrnIrgendwie fanden wir eine Art Routine. Mein elterlicher Pflegedienst fuhr mich zu meinen Infusionen, die Nachmittage verbrachte ich in meinem Halbschlaf bei meinen Eltern in meinem alten Kinderzimmer, da ich irgendwann nicht nur mehr nicht in der Lage war, mich um die Kleine zu kümmern, sondern auch mich selbst nicht alleine versorgen konnte. Manchmal konnte ich nicht alleine zur Toilette gehen oder meine Schüssel ausleeren; ich war ein kompletter Pflegefall und auf die Hilfe anderer angewiesen. Einmal schaffte ich es von der elterlichen Couch auf die Gästetoilette und erbrach so heftig, dass mir danach die Beine wegknickten. Mein 66 jähriger Papa musste mich auf die Couch zurücktragen! Ich habe mich so geschämt! rnWährend der Nachmittage bei meinen Eltern spielte meine Tochter mit Oma und Opa und konnte zumindest immer, wann sie wollte nach mir sehen. Nicht selten fragte ich mich, ob ich ihrer kleinen Kinderseele bleibende Schäden zufügte.rnOft verstand sie die Welt nicht mehr, dass Mami nicht mehr mit ihr spielen konnte, geschweige denn ein Bilderbuch vorlesen konnte. Kurze Kikaninchen-Filme auf dem ipad wurden unsere ständigen Begleiter. Die Kleine schaute Filmchen und ich konnte sie immerhin im Arm halten, während ich mit geschlossenen Augen bewegungslos vor mich hin vegetierte. Aber Kinder sind härter als man annimmt und verstehen viel mehr als ich es mir jemals erträumt habe. Ich kann jedem nur Mut zusprechen, der sich Sorgen um die „vernachlässigten“ Großen macht. Kinder stecken das ganz gut weg.rnSchatz, du stinkst! Geh weg! Ich kann dich nicht riechen.rnAm späten Nachmittag holte mein Mann mich bei meinen Eltern ab und hatte nach einem langen Arbeitstag zwei „Kinder“ zu Hause, die er zu versorgen hatte. Neben meinem miesen Gefühl meiner Tochter gegenüber, fühlte ich mich auch furchtbar gegenüber meinem Mann. Manchmal, wenn es ganz schlimm war, schaffte ich es zwei Tage lang nicht aus dem Bett und war zu schwach zum Stehen, so dass ich noch nicht einmal duschen konnte. Er hat wirklich viel mit gemacht in dieser Zeit. Einmal heulte ich Rotz und Wasser, da ich den Geruch seines Deodorants nicht ertragen konnte. Eines Nachts musste mein Mann die Vorhänge in unserem Schlafzimmer abhängen, da sie in meiner überempfindlichen Nase „chemisch“ rochen. Die Gardinen waren erst 2 Monate alt und ich hatte sie vor dem Aufhängen nicht gewaschen. Ich habe nie etwas gerochen, bis ich an Hyperemesis litt. Selbst schwächste Gerüche waren unerträglich. So auch die der Gardinen. Mein Mann trug es mit Fassung und nahm nachts um drei die Gardinen ab und verstaute sie luftdicht in einem Müllbeutel.rnEinmal hatte meine Mutter meinem Mann eine Tupperbox Frikadellen mit gegeben, denn ich konnte ja auch monatelang nichts kochen. Die Box stand im Kühlschrank. Ich weiß, es klingt lächerlich, aber ich habe die Frikadellen in der Box innerhalb des Kühlschranks gerochen und musste heftig auf dem Küchenboden erbrechen. Das glaubt einem kein Mensch, der es nicht erlebt hat! Ich flehte meinen Mann an, die Frikadellenbox außerhalb des Hauses aufzubewahren…Er erklärte mich endgültig für verrückt..und kam meiner Bitte nach.rnIch kippe ohnmächtig vom Klo. Geht es noch schlimmer?rnEinmal gelang es mir, ein Pizzabaguette fast aufzuessen (eine unglaubliche Menge für mich in dieser Zeit!) Ich fühlte mich gleich viel stärker und war der Meinung, meine Tochter baden zu können. Ich setzte sie in die Badewanne und begann ein wenig das Bad aufzuräumen. Nach zehn Minuten wurde mir schlagartig so schlecht, dass ich minutenlang lautstark erbrach – in die Toilette, direkt neben meinem badenden Kind. Mein Kreislauf sackte total ab, ich bekam schlagartig schlimmsten Durchfall und Krämpfe und wurde kurz ohnmächtig. Ich kam sofort wieder zu mir und fand mich mit nacktem Hintern vollgekotzt auf dem Badezimmerboden wieder, während das Badewasser meiner Tochter langsam kalt wurde. Ich war komplett hilflos, nicht in der Lage, mein Kind aus der Wanne zu holen, heulte, hatte Angst, dass sie ertrinken könnte und schaffte es irgendwie an mein Handy zu kommen um meinen Mann anzurufen. Der konnte allerdings frühestens nach 30 Minuten von der Arbeit zu Hause sein. Daher musste ich meine Mama anrufen, die sofort kam (glücklicherweise hatten meine Eltern einen Schlüssel von unserem Haus) und ihr frierendes Enkelkind aus der Wanne holte und mir aufhalf. Kurz darauf kam auch mein Mann rein. Was für ein Moment! Ich schämte mich unendlich, heulte, fühlte mich schrecklich verantwortungslos, dass ich unsere Tochter in Gefahr gebracht hatte.rnMein Mann trug mich ins Bett und deckte mich zu, holte eine Wärmflasche, da ich wiede so starken Schüttelfrost hatte.rnKein Mittelchen hilftrnIn meiner Verzweiflung wandte ich mich an eine alte Freundin, die Hebamme ist. Sie sollte ohnehin die Nachsorge übernehmen und ich erhoffte mir einige wertvolle Tipps. Sie war sehr, sehr einfühlsam, kompetent und sachkundig – helfen konnte sie mir allerdings nicht. rnIch habe wirklich alles ausprobiert. Über sämtliche homöopathischen Mittelchen (Nux Vomica, Sepia, Arsen, Quecksilber….was weiß ich…), über Sea-Bänder, Aromatherapie (Lavendel-, Zitronen-, Orangenöl, Vitaminpräparate, Kaugummikauen, Zitronenwasser trinken, Lutschbonbons, morgens im Liegen ein wenig essen…nichts hat wirklich geholfen! Auch eine Heilpraktikerin konnte mir nicht weiterhelfen. rnWahrscheinlich ist das einzig wirklich wirksame Medikament Vomex, da es direkt auf das Brechzentrum im Hirn wirkt und das Übelkeitsgefühl direkt im Kopf bekämpft und dabei noch unglaublich müde macht. Aber wie oben beschrieben, wehrte ich mich gegen Vomex, also „echte“ Medikamente – aus Angst um das Kind. Hinzu kam, dass Vomex einen auch in einen Dämmerschlaf versetzt. Da ich ohnehin nur vor mich hinvegetierte, wollte ich mir meine letzten kurzen Zeitabschnitte, in denen ich zumindest sprechen konnte, nicht durch Vomex nehmen lassen. Wie jede verzweifelte Hyperemesis-Mami hoffte ich mit Internetrecherchen auf ein Wundermittel zu stoßen – an dieser Stelle bin ich ganz ehrlich: Es gibt keines! Man muss einfach durchhalten!!! Der weibliche Körper steckt mehr weg, als man sich vorstellen kann und man vergisst ganz schnell, wie schrecklich die Zeit eigentlich war.rnEs geht irgendwann vorbei!! Die Faustregel „Nach der 12. Woche hast du es geschafft“, galt bei mir für beide Schwangerschaften nicht. Als ich mit meiner Tochter schwanger war, kotzte ich bis zur 18. Woche, in der zweiten, hier beschriebenen Schwangerschaft, bis zur 20. Woche.rnrnIch kann meinen Speichel nicht schlucken…rnNoch immer erinnere ich mich an den widerlichen, metallischen Geschmack in meinem Mund. Dieses Ziehen hinten unter der Zunge, wenn wieder Unmengen an Spucke produziert werden. Ekelhaft! Das Gefühl ist schwer zu beschreiben, wenn man es nicht selbst erlebt. Ich konnte vier Monate lang meinen Speichel nicht schlucken! Sobald ich dies tat, würgte ich und erbrach. Küchenrolle, Taschentücher oder Gästehandtücher, in die ich jede Minute hineinspuckte, wurden meine ständigen Begleiter. Auch im Auto. In der Gynpraxis. Sogar teilweise noch im Büro, als es mir besser ging, und ich wieder arbeiten konnte. Es war so abartig! Ich ekelte mich vor mir selbst. Da ich meinen Mund ständig mit Tüchern abrieb, hatte ich komplette wunde Lippen. Meine komplette Mundpartie war feuerrrot. Und durch das ständige spucken, verlor ich noch mehr Flüssigkeit.rnWenn mir jemand sagte, schluck nun doch einfach deine Spucke, reiß dich mal am Riemen, rastete ich entweder aus oder heulte. Es hat rein gar nichts mit Überwindung zu tun. Ich würde mich selbst als nicht zimperlich beschreiben. Ich kann mir selbst in den Hintern treten, wenn es sein muss. Aber ich war wirklich nicht in der Lage, das normalste der Welt zu tun, Spucke zu schlucken.rnrnGut gemeinte RatschlägernDas Problem an Schwangerschaftsübelkeit ist, das fast jeder sie hat. Frauen, denen während der Frühschwangerschaft gar nicht schlecht ist, sind die absolute Ausnahme. Aber der Zustand der Übelkeit reicht von einem kleinen Furz bis zu einem Donnerschlag, von Mücke bis Dinosaurier! Und da fast jede Frau, diese Übelkeit kennt, egal in welcher Ausprägung, hat auch jede eine Meinung dazu – und jede Menge gute Ratschläge. Selbstverständlich ist jede morgendlich kotzende Frau natürlich der Meinung, ganz furchtbar schlecht dran zu sein. Noch immer brodelt es in mir, wenn ich Frauen Dinge sagen höre wie „Ich leide unter extremer Schwangerschaftsübelkeit, aber nee, übergeben muss ich mich nicht.“ Oder:“ Es ging mir sooo dreckig, ich wollte sterben, aber das Kotzen konnte ich unterdrücken.“ Ihr habt keine Ahnung, wovon ihr redet!!!! Hyperemesis hat nichts mit Überwinden oder Anstellerei zu tun. Jede Betroffene wünscht sich nichts mehr, als einen Schluck Wasser trinken zu können, oder sogar einen Krümel Brot zu essen. Aber es geht nicht! Beim besten Willen nicht! Irgendwann war ich so wütend auf mich und meinen Körper, dass ich eine Stunde lang immer wieder einen Schluck Tee trank und direkt wieder erbrach, einen Schluck trank und wieder erbrach…immer und immer wieder, weil ich dachte, ein bisschen bleibt schon drin. Ein Irrglaube. Irgendwann erbrach ich nicht nur das Wasser, sondern auch Galle, erst gelb, dann grün, war nassgeschwitzt und total entkräftet. Meine Hebamme erzählte mir, dass in der Klinik eine Frau mit „Hyperemesis“ stationär aufgenommen sei und auf ihrem Nachttisch eine Tüte Chips läge, aus der sie immer mal wieder etwas knabbern würde! Ich bin kein Mediziner, aber diese Frau leidet nicht an Hyperemesis. rnAm schlimmsten habe ich Kommentare empfunden, die suggerierten, ich würde mich anstellen oder hätte etwas mit der Psyche. Oder würde das Kind nicht wollen! „Du musst dich überwinden zu essen“, „Jetzt trink in ganz kleinen Schlucken – deinem Kind zu liebe, du musst“, „Vielleicht nimmst du das Kind auch nicht richtig an und wehrst dich innerlich dagegen?“…Sätze wie diese machten mich fertig. Als würde ich nicht ohnehin genug leiden, musste ich mich teilweise auch noch gegen versteckte Vorwürfe wehren.rnIch kotze Blut!rnAls es mir etwas besser ging und ich Momente hatte, in denen ich essen konnte, galt es, möglichst zu futtern, um wieder an Gewicht zu gewinnen. Ich hatte bereits 7 Kilo abgenommen. Bei einem Ausgangsgewicht von 59 Kilo gestand mein Gynäkologe mir eine Gewichtsabnahme von 10 % zu – wenn ich weiter abnehmen würde, müsste ich doch noch ins Krankenhaus, da ich sonst Gefahr liefe, auf Grund der Mangelernährung, dem Kind zu schaden. Am Abend des Valentinstages 2016, mein Mann war mit der Großen unterwegs, schaffte ich es, zur Pommesbude zu fahren, um mir Pommes und Gyros zu holen. Zu meiner großen Freude hatte ich auch noch Appetit auf das Essen, als ich den Geruch in der Nase hatte. Auf dem heimischen Sofa schaffte ich fast die komplette Portion- und feierte mich selbst! Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich stolz auf mich sein könnte, weil ich eine ungesunde Kalorienbombe gegessen hatte. Die Freude war nicht von Dauer. Nach einer Stunde erbrach ich die komplette Portion – und schwarzes, geronnenes Blut sowie frisches, hellrotes! Ein Schock. Der Anblick vom Erbrochenem gehörte für mich ja zum Alltag, aber Blut in der Brechschüssel schockte mich! In der darauffolgenden Nacht erbrach ich noch zweimal Blut, frisches rotes und geronnenes schwarzes. Es war so beängstigend, dass ich am Folgetag, einem Sonntag, in die Notaufnahme fuhr. Dort konnte man mir allerdings nicht helfen. Ich wurde nur gynäkologisch untersucht (dem Kind ging es nach wie vor prima). Um der Ursache für das Magenbluten auf den Grund zu gehen, war aber eine Magenspiegelung nötig. Das war natürlich am Sonntag nicht möglich. Daher ging ich direkt am Montag Morgen zu meinem Hausarzt. Auch er bestätigte mir, dass die einzige genaue Diagnose durch Schlauchschlucken möglich sein. Entweder ohne Betäubung oder mit leichter Sedierung. Die Einnahme eines Narkosemittels kam für mich aus Angst um das Kind nicht infrage. Das Schlucken des Schlauches war allerdings auch nicht möglich, da ich noch immer in dem Stadium verweilte, teilweise meinen Speichel nicht schlucken zu können oder ein Stück Brot zu essen. Einen Schlauch hätte ich wegen meines viel zu starken Würgreflexes in dieser Zeit niemals herunterbekommen. Also nahm ich ein Rezept für Magensäurehemmer, das ich nie eingelöst hab, mit nach Hause, und hoffte, nicht an inneren Blutungen zu sterben.  Ich weiß bis heute nicht, woher das Blut kam. Am wahrscheinlichsten ist es, dass meine Speiseröhre durch das Dauererbrechen einen winzigen Riss hatte und blutete (daher das helle frische Blut) und dieses Blut in meinen Magen lief und dort verdaut wurde (daher das schwarze Blut). Aber auch dieses Problem ging einfach vorbei, von selbst.rnWann hört das auf?rnDie Hoffnung, dass mit Beginn der 13. Schwangerschaftswoche der Spuk ein Ende hat, muss ich leider jeder Mami nehmen. Bei vielen ist dies der Fall, bei vielen aber eben auch nicht. In meiner ersten Schwangerschaft reichte die Übelkeit bis zur 18. Woche und war dann ziemlich schlagartig vorbei. Nur gelegentlich morgens musste ich noch würgen. In der zweiten Schwangerschaft wurde es in der 20. Woche deutlich besser (pünktlich zum „Bergfest“). Aber ein latentes Unwohlsein blieb leider. Ich nahm es kaum noch wahr, weil ich mich so daran gewöhnt hatte. Auch der metallische, seltsame Geschmack im Mund blieb. Bis ich mit dem kleinen Sonnenschein auf der Brust aus dem Kreissaal rollte. Das Mittagessen im Krankenhaus (ein deftiges Fleischgericht bei 35 Grad Außentemperatur) war das erste Gericht, das wieder richtig schmeckte! rnGewissensbissernDarf man sich in den dunkelsten Stunden während der unerträglichen Übelkeit wünschen, man wäre nicht schwanger? Darf man beten, der liebe Gott möge das Kind zurücknehmen, wenn nur das Schlechtsein ein Ende hätte? Darf man sich selbst hassen, weil der eigene Körper so spinnt? Darf man wütend auf das kleine ungeborene Leben sein, da es die eigene Welt zum Einstürzen bringt? Weil man sich nicht um das bereits geborene Kind, das einen auch braucht, kümmern kann? Weil man gegenüber dem Partner ein fieses, heulendes, stinkendes, hässliches Häuflein Elend ist – mit ungeputzten Zähnen, ungewaschenen Haaren? Darf man eine vorübergehende depressiv werden, auch wenn die schlimmste Übelkeit bereits überstanden ist? Darf man an dem schlechten Gewissen gegenüber den Eltern, die sich rührend und verständnisvoll kümmern ohne gute Ratschläge, fast zugrunde gehen? Darf man neidisch auf andere werdende Mütter sein, denen es blendend geht? Und darf man Frauen hassen, die behaupten, an schlimmer Übelkeit zu leiden, während sie sich einen Latte Macchiato genehmigen und das Unwohlsein „überwinden“? rnIch finde JA! Man darf! rnMir ging es in meinem Leben noch nie so dreckig wie während der Schwangerschaften. Und trotzdem würde ich es jederzeit wieder tun. Sobald die kleinen Würmer auf der Welt sind und man sie so unfassbar und grenzenlos liebt, ist klar, dass alles gelohnt hat. Vergessen ist es nicht. Nur verdrängt. rnUnd deshalb möchte ich allen, die in dieser schlimmen Phase stecken, Mut machen und sagen, dass sie tapfere starke Mütter sind und einen wundervollen Körper haben, der ein großartiges Wunder vollbringen wird und nur vorübergehend ein wenig rumspinnt. Haltet durch, liebe Mamas! rn