Sonja

 
Für Sonja war es die schlimmste Zeit ihres Lebens; mitten in Studium und Beruf als Sängerin plötzlich so schwach und kraftlos zu sein. (28.08.2017)
 
Bericht Hyperemesis Gravidarum - die Würgevariantern rnKaum traue ich mich zu schreiben, denn ich habe nicht abgenommen in meiner Schwangerschaft, musste nicht ins Krankenhaus wegen Dehydrierung.rnDennoch würde ich diese Zeit als die schlimmste meines Lebens beschreiben.rnZunächst war ich glücklich, denn ich hatte diesen kleinen Jungen in mir, dem ich mich von der ersten Sekunde an verbunden fühlte.rnAls ich den positiven Test in den Händen hielt, die Schwangerschaft noch nicht auf dem Ultraschall sichtbar war, hatte ich schon ein Gefühl von starker Übelkeit. Ich musste jedoch nicht erbrechen, sondern lediglich würgen. Dieses Würgen war so lautstark, dass wenn ich es nicht schaffte die Fenster zu schließen, die Nachbarn einiges mitbekamen und sich die Leute mitunter auf der Straße umdrehten. (Das weiß ich, weil mein Vater einmal vor der Haustür stand und mein Freund davon berichtete, als er auf dem Weg nach Hause war.)rnDas tägliche Würgen wurde mehr und mehr, je weiter die Schwangerschaft fortschritt. Ich konnte im ganzen ersten Drittel der Schwangerschaft das Ganze mit relativ viel Humor sehen, obwohl es mir elend ging. Nach jedem Würgen ging es mir kurz besser, Essen half auch kurzzeitig gegen den Brechreiz, vor allem salziges Essen.rnZum entsprechenden Zeitpunkt steckte ich noch im Masterstudium, von Beruf bin ich Sängerin. In jeder Gesangsstunde unterbrach ich mindestens 1 Mal, wenn ich merkte, dass mein Kreislauf fiel und lief zur Toilette. Oft war es nur ein elendes Würgen, manchmal kam Nahrung mit. Ich wundere mich bis heute, wie ich überhaupt noch singen konnte, vor allem auf Hochleistungsebene. Irgendwie schaffte ich es dank der entsprechenden Glückshormone.rnIch war kaum in der Lage mich selbst zu versorgen, mein Partner lebte 500 km weit weg und ich war bis dato eine starke, unabhängige Frau gewesen, habe alles selbst erledigt und bin davon ausgegangen, dass im Falle einer Schwangerschaft zunächst alles weiter läuft wie bisher. Ich schaltete noch im ersten Trimester, in dem ja normalerweise alles so geheim wie möglich bleiben soll, sämtliche Freunde und Vertraute ein. Freunde waren ständig da, kochten für mich, trugen meinen Müll vom 5. Stock runter und hielten meine Haare im Nacken zusammen, wenn der nächste Schub kam. Dinge wie öffentliche Verkehrsmittel, Supermärkte, selbst Wege zu Fuß, brauchten stundenlange Vorbereitung und Überwindung. Frühzeitig zog ich dann zu meinem Partner, gab also meine gewohnte Umgebung und mein soziales Netz auf. Da ich voller Hoffnung war, dass es nach dem ersten Trimester eine Besserung geben würde und wenn nicht, dann wenig später, schaffte ich mich von Tag zu Tag zu hangeln. Es wurde nicht besser. In dieser Zeit musste ich viele Konzerte absagen, habe viele berufliche Chancen an mir vorbeiziehen sehen.rnIch fühlte mich um 100 Jahre gealtert und wunderte mich, dass dieser Zellhaufen und später der Embryo mir soviel Energie abverlangten.rnIch habe ungefähr jede Methode ausprobiert, um Linderung zu verschaffen. Zunächst alle handelsüblichen Tricks, die üblichen Medikamente, dann Moxa, koreanische Heilmethoden, Heiler, Akupressur, Akupunktur, sämtliche homöopathischen Mittel, Gespräche mit Therapeuten, Heilpraktikern, über tiefsitzende familiäre Ursachen. Ich war beim Internisten, wo ich mich habe auf den Kopf stellen lassen. Vomex habe ich phasenweise genommen, aber es hat nur bedingt gewirkt. Nichts half, ich erbrach bis zu 15-20 Mal pro Tag.rnAcht Wochen vor dem Geburtstermin hatte ich mich mit meinem Schicksal abgefunden und war erschöpft, depressiv, zugleich dankbar für mein gesundes Kind und hasste alle glücklichen Frauen, die mit ihrer Kugel vor sich hin strahlten. Ich entdeckte, nachdem ich das Singen doch aufgab, weil mein Rachen dauerhaft entzündlich war und mein Zwerchfell und Rippen unter ständigem Muskelkater litten, das Nähen für mich. Immerhin, das konnte ich machen. Im Schneckentempo und mit vielen Pausen, aber ich bestellte online Stoffe und eine Nähmaschine und begann kleine Dinge zu fabrizieren. Ich konnte in der letzten Phase immerhin ca. 1 Stunde am Stück sitzen und manchmal kurz Stehen, um Stoffe zu bügeln.rnEtwa 6 Wochen vor der Entbindung war ich dann richtig wagemutig und ging zum Schwangeren-Yoga. Zwar musste ich in der Stunde manchmal raus, aber das legte sich im Laufe der Wochen bis zum großen Tag und ich konnte tatsächlich beinahe noch ein bisschen was genießen von der Restzeit. Vor allem lernte ich aber tolle werdenden Mütter kennen, denen es zwar allen großartig ging, aber mit denen ich noch ein bisschen Austausch hatte vor der Entbindung und die ich wieder traf nach der Geburt.rnAls Resümé kann ich sagen, dass ich Respekt habe vor allen Frauen, die so etwas und noch Schlimmeres durchmachen müssen. Auch ich habe die Sprüche alle gehört „Schwangerschaft ist keine Krankheit“ „Vielleicht bist du nicht bereit für das Kind…“ ect. Ich habe lange gebraucht, um mir meine Traurigkeit zu erlauben. Ich war sozial die meiste Zeit isoliert, konnte körperlich kaum noch was leisten, leichte Bewegung war ein entfernter Traum, ich habe 20 kg zugenommen (ich bin nur 160cm groß), habe fast täglich geweint, hatte Angst, ob mein Körper diesen Kräften, die auf mich wirkten beim Erbrechen, standhalten würde. Ich konnte nicht mehr gut Urin halten. Ein Risiko von Mangelernährung hatte ich nie, und nur einmal waren wir kurz davor ins Krankenhaus zu fahren, als ich zu häufig erbrochen hatte und nicht mehr hoch kam.rnMeine Großmutter erzählte mir, dass sie auch unter Schwangerschaftsübelkeit litt, allerdings nur bei ihrem Sohn, nicht bei ihrer Tochter. Das gibt mir Hoffnung, denn ich sehne mich nach einem weiteren Kind, habe aber nahezu panische Angst. Sie hatte auch das Phänomen die meiste Zeit lautstark und wuchtig würgen, aber meistens nicht erbrechen zu müssen. Sie hatte damals Contergan verschrieben bekommen und sich dagegen entschieden es zu nehmen. Nebenbei gesagt, meine Mutter hatte nie Beschwerden gehabt und meine Schwester, die parallel zu mir schwanger war, auch nicht.rnIch bin dankbar für alle Freundschaften, die diese Zeit überlebt haben und trauere immer noch ein wenig um jene, die zerschellt sind. Mein Partner hat in der Zeit alle Jobs des Alltags übernommen und war das Pflegepersonal und Versorger in Personalunion. Da meine Einkünfte von einem Tag auf den anderen weg gebrochen sind, hatte ich Glück, nicht alleine zu sein. Über zwei Jahre nach der Geburt meines gesunden, wunderbaren Jungen, holt mich das Thema immer noch ein und ich spüre immer noch ein Trauma in den Knochen und im Geist.rnEin Rat den ich geben kann: Wenn ihr die Kraft habt, mobilisiert Menschen. Ich habe damals die Frauenbeauftragte der Hochschule kontaktiert, die mit mir alle verwalterischen Gänge erledigt hat und die ein offenes Ohr und urteilslos meine Situation ernst genommen hat. Außerdem habe ich Freunde immer wieder gebeten, meinen Abwasch zu machen und mich in den Arm zu nehmen. Ich habe mir auch sofort Hilfe bei einer Hebamme gesucht, die mich ganz herzlich betreute und mir extrem half, die neue Situation zu bewältigen.rnIch schätze mich glücklich, dass ich vergleichsweise glimpflich davon gekommen bin und ich erzähle von meinen Erfahrungen für Frauen, denen es ähnlich schlecht geht oder ging und die sich nicht trauen sich zu beklagen, weil es fürs Krankenhaus nicht gereicht hat.rnÜbrigens nach der Entbindung ging es mit Stillübelkeit (eine schwächere Variante im Vergleich) weiter, ca. 6 Monate, dann hatte ich jedes Mal während der Periode Würgereiz und ganz ist die Übelkeit erst nach Beenden des Stillens, also nach 14 Monaten, weggegangen.rn rn