Angela

 
Hier erzählt Angela von ihren Erfahrungen mit Hyperemesis (02.01.2005)
 
Früher habe ich immer gedacht, eine Schwangerschaft sei mit Sicherheit – sofern sie erwünscht ist – die schönste Zeit im Leben eines Paares. Die Vorfreude auf das, was da kommt und die relativ lange Zeit, sich und das Umfeld darauf vorzubereiten. Diese Zeit kann man sicher auch intensiv nutzen, um Dinge zu tun, die mit Kind sicherlich schwieriger sind.

Als dann klar war, dass ich schwanger bin, schwebte ich auf Wolken. Schon einige Tage vorher fühlte ich mich so seltsam euphorisch und selbst die Bitten meines Chefs, abends einige Stunden länger zu bleiben, weil ein wichtigs Projekt kurz vor dem Abschluss stand, und ich hinterher immerhin noch 1,5 Std. für den Heimweg brauchte, brauchten mich nicht aus der Ruhe. Ich fühlte mich total im Einklang mit der Welt.

Eines sonntags mittags – ich war in der 7. SSW - war mir dann zum ersten Mal übel und ich musste mich auch direkt übergeben. Weil dies meiner Meinung nach zu einer Schwangerschaft dazu gehört, lächelte ich sogar hinterher und erzählte es meinem Mann, als hätte ich irgendetwas tolles erlebt. Zwei Tage später passierte dasselbe. Und nochmal zwei Tage später wieder. Von nun an täglich. Aber immer nur einmal. Allerdings nur für eine Woche, dann war mir den ganzen Tag übel und ab diesem Zeitpunkt fand ich es dann auch nicht mehr lustig.

Die Fahrten auf die Arbeit und die Arbeitstage selbst wurden zur Tortur. Eigentlich wollte ich die SS noch ein Weilchen für mich behalten, aber das war kaum noch möglich. Zum Glück waren alle total lieb zu mir und haben mir geholfen, wo sie nur konnten. An dem Wochenende, wo die 9. SSW begann, übergab ich mich dann bis zu einem duzent Mal am Tag und konnte nicht einmal ein Schlückchen Wasser bei mir behalten. Mein Mann brauchte mir alles Mögliche zum Knabbern und Trinken, in der Hoffnung, dass ich etwas davon bei mir behalte, aber es half nichts. Langsam wurde ihm auch mulmig und er rief meinen Arzt an (dieser gibt Schwangeren für Notfälle seine Handy-Nummer). Er gab auch noch ein paar Tipps (die aber alle nicht halfen) und bestellte uns für den nächsten Morgen in die Praxis. Mein Mann musste mich stützen, weil ich kaum noch gehen konnte. Mein Kreislauf war total unten. Mein Arzt überwies mich direkt in die Klinik.

In der Klinik war es mir total peinlich, wegen Schwangerschaftsübelkeit eingeliefert zu werden. Ich dachte, ich sei die einzige, der das passiert. Die Schwestern haben mir aber erzählt, dass es viele Schwangere gibt, die darunter leiden. In meinem Mutterpass tauchte dann auch das Wort Hyperemesis auf, das mir bis dahin gänzlich unbekannt war. Ich hatte noch nie von einer Schwangeren gehört, der derart übel war. Also bekam ich Infusionen und Wunschkost. Die Infusionen (mit Vomex) halfen tatsächlich etwas. Ich bekam wieder so etwas wie Appetit. Trotzdem war mir hinterher wieder meistens übel und die Kotzerei ging weiter. Am schlimmsten war es, als dann noch Sodbrennen hinzu kam und irgendwann brauchte ich nur mit jemandem zu reden und es kam mir schon wieder der gesamte Mageninhalt hoch. Ich gebe zu, dass auch ich ab und zu an Abtreibung dachte. Das schien mir die einzige Möglichkeit, diese furchtbare Übelkeit zu beenden. Aber erstens wusste ich, dass ich das hinterher nicht mit meinem Gewissen vereinbaren könnte, und zweitens hätte ich mich dann vielleicht nie wieder getraut, schwanger zu werden und ein Leben ohne Kinder konnte ich mir einfach nicht vorstellen.

Nach 9 Tagen sah mein Arzt dann bei der Visite, dass ich wieder imstande war, ein Nutellabrötchen zu frühstücken und ich wurde entlassen. Mir war sehr mulmig zumute, weil mir immernoch sehr übel war und ich nicht glaubte, zuhause ohne die Infusionen (die mir wegen der Elektrolyte und Vitamine wenigstens das Gefühl gaben, dass es meinem Baby im Bauch gut geht) zurechtzukommen.

Zuhause wurde es dann auch wieder schlimmer. Am zweiten Tag wurde mir sogar beim Sprechen übel und alles ging von vorne los. Wieder brachte mein Mann mich in die Klinik. Dort blieb ich diesmal über zwei Wochen. Wieder entwickelte ich so langsam Appetit. Mein Mann musste mir abends sogar mal Reibekuchen, einen Döner und eine Pizza bringen. Alle freuten sich dann mit mir und waren erleichtert. Am nächsten Morgen ging es dann meistens wieder mit der Übelkeit los. Auch wurde ich jeden Morgen zum Wiegen aus dem Bett geworfen. Mein Arzt versuchte, mir einen Termin bei einer Krankenhaus-Psychologin zu verschaffen und ich war einverstanden. Vielleicht hatte meine Hyperemesis ja psychische Ursachen? Irgendetwas, was mein Unterbewusstsein ausheckt und mir verschweigt? Dies war für mich ein weiterer Strohhalm, an den ich mich klammern wollte. Falls in meinem Kopf was nicht stimmt, wollte ich das auf jeden Fall abgeklärt haben, damit man dagegen etwas unternehmen kann! Aber irgendwie kam es zu keinem Gespräch. Entweder die Psychologin war nicht da oder hatte keine Zeit.

Als ich langsam wieder an Gewicht zunahm und mein Blut beim Blutabnehmen nicht mehr so zäh war, wurde ich wieder entlassen. Diesmal bekam ich Vomex verschrieben und hatte so wenigstens eine „Waffe“ gegen die Übelkeit in der Hand. An den letzten Tagen im KKH bekam ich auch Akkupunktur, die zwar nicht half, aber ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, denn ich wollte Vomex aufgrund der ermüdenden Wirkung so schnell wie möglich loswerden. Diese Müdigkeit war viel schlimmer als die Müdigkeit nach einer durchgefeierten Nacht. Es war, als sei mein Körper total gelähmt und mein Geist topfit.

Zuhause bekam ich dann auch Akkupunktur. Aber die half noch immer nicht. Aber die Hebamme war total lieb und diese halben Stunden am Tag, wo sie bei mir war und mich aufbaute, haben mir sehr viel Mut gemacht. Sie hat mir auch einiges über Schwangerschaft und Geburt erzählt, denn ich war nicht in der Lage, viel darüber zu lesen. Ich war viel zu sehr mit mir beschäftigt. Sie brachte auch so ein Mini-Mikrofon mit, um mir die Herztöne meines Babies vorzuspielen. Das war für mich das absolute Highlight!

Nach insgesamt 7 Wochen, wo ich nicht auf der Arbeit war, schrieb mein Arzt mich – trotz dass die Übelkeit noch längst nicht durchgestanden war – gesund. Er meinte, die Arbeit würde mich vielleicht ablenken (was sie vorher allerdings auch nicht getan hat). Die Zugfahrten waren schrecklich. Ich war dermaßen geruchsempfindlich, dass ich jeden verflucht habe, der sich neben mich gesetzt hat. Alle haben nach irgendetwas gestunken: Deo, Parfum, Rauch, Essen. Mein Blick ruhte ständig auf dem Leuchtzeichen der Toilette. Einige Male musste ich dorthin rennen und mich übergeben. Was mir dort doppelt leicht fiel, denn dort roch es auch nicht gerade angenehm. Wenn ich gesehen habe, dass die Toilette besetzt ist, bekam ich Panik.

Abends konnte ich froh sein, wenn ich einen Sitzplatz bekam. Man sah mir meine Schwangerschaft (noch) nicht an. Aber in den Zug drängeln wollte ich mich auch nicht, aus Angst zu stürzen und dem Kind etwas zu tun. So musste ich manchmal früher aussteigen und auf den nächsten Zug warten, weil mir durch das Gewanke und Geschaukel im Zug wieder so übel wurde, dass ich raus musste.

Von Woche zu Woche wurde es dann etwas besser. Ab der 25. SSW brauchte ich nur noch alle zwei Tage Vomex. Leider hat mein Körper nach der langen „Hungerstrecke“ auf Hungersnot umgeschaltet und alles, was ich jetzt zu mir nahm, wurde sofort als Energiereserve angelegt und ich nahm rapide an Gewicht zu (bis zum Ende der SS ca. 27 kg, die ich nach 1,5 Jahren eifrigem Training wieder los bin). Aber wenigstens ging es mir wieder einigermaßen gut und mein Baby entwickelte sich laut Ultraschall prächtig. Fit war ich allerdings nicht, denn ab der 21. SSW musste ich sehr viel ruhen. Der Muttermund war zu weich und mein Arzt hatte Angst, dass ich Frühwehen bekommen könnte. Wieder wurde ich krank geschrieben und mein Arzt meinte sogar, ich solle bis zum Ende der SS zuhause bleiben. Eigentlich hätte er mich lieber wieder ins KKH eingewiesen, aber dagegen habe ich mich gewehrt (ich hatte selbst das Gefühl, dass mit mir und dem Baby alles in Ordnung war und habe von Wehen überhaupt nichts gemerkt). Wenn ich jetzt ins KKH gegangen wäre, wäre ich sicher bis zum Ende der SS dort geblieben und hätte Medikamente gegen Wehen bekommen, die vielleicht sogar dazu geführt hätten, dass die Geburt eingeleitet werden muss und das wollte ich absolut verhindern.

Kurz vor Anfang des Mutterschutzes schrieb mein Arzt mich dann gesund (der Muttermund war wieder fest) und ich „musste“ noch eine Woche arbeiten. Hätte ich vorher gearbeitet, hätte ich zu diesem Zeitpunkt bereits Resturlaub nehmen können und wäre mit meinem super-dicken Bauch zuhause geblieben. Aber so musste ich mich ausgerechnet in diesem Stadium wieder in den Zug quälen. Naja, wenigstens habe ich diesmal garantiert immer einen Sitzplatz gehabt ;-)

Die Geburt verlief leider nicht so, wie ich gehofft hatte (man hat mir immer gesagt: nach einer schlimmen SS folgt eine schöne Geburt): ich wollte im Geburtshaus entbinden und musste nach 22 Stunden Kampf, weil mein Sohn sich nicht ins Becken senkte, ins Krankenhaus und es endete mit einem Kaiserschnitt. Die Übelkeit – und auch andere Wehwehchen wie z. B. ständiges Zahnfleischbluten – war schlagartig weg.

Irgendwelche schlauen Leute wählen doch jedes Jahr das „Unwort des Jahres“ aus. Der „Unsatz“ des Jahres 2002 lautet für mich: „Die Übelkeit endet nach der 12. SSW!“

Jetzt ist unser Sohn Maximilian 20 Monate alt. Wir wollen auf jeden Fall noch mindestens ein weiteres Kind. Viele sagen, dass die nächste SS bestimmt ganz anders wird und mir nicht übel ist. Aber ich bereite mich dennoch darauf vor und lese auf dieser Webseite viel darüber. Und hoffe natürlich, etwas zu finden, was mir beim nächsten Mal hilft.

Bedanken möchte ich mich wirklich bei ALLEN, mit denen ich während dieser HE-SS zu tun hatte. Ich hatte das große Glück, dass ich von niemandem belächelt wurde und keine blöden Sprüche zu hören bekam. Alle waren total nett zu mir und haben mir damit in dieser schlimmen Zeit sehr geholfen. Im Nachhinein ist für mich natürlich alles wieder total verschwommen und ich finde es gar nicht mehr so schlimm, aber eine 24-Std.-Magen-Darm-Grippe hat die Erinnerung letztes Jahr bei mir noch einmal – wenn auch in stark abgeschwächter Form – wach gerufen.

Gerade habe ich den Bericht mit dem Heliobacter Pylori gelesen und spiele mit dem Gedanken, mich testen zu lassen. Um dieser Hölle bei der zweiten SS zu entgehen, möchte ich soviel wie nur möglich tun.