Kerstin

 
 Diesen Bericht habe ich heute von Kerstin bekommen (28.01.2005)
 


Hallo Chrissi,



nachdem ich schon bei meiner ersten Schwangerschaft durch ein Schwangeren-Forum auf deine Seite aufmerksam wurde, möchte ich nun meine Geschichte erzählen – es hat mir oft geholfen, die Berichte von anderen Hyperemesis-Betroffenen zu lesen, gerade dann wenn ich wieder mal ganz unten war.



Mein Sohn kam im Juli 2002 zur Welt. Es war meine erste Schwangerschaft, und ab der 6. Woche ging es los mit der Übelkeit. Mir war nicht nur morgens schlecht, sondern den ganzen Tag. Übergeben musste ich mich selten, aber wenn war es an keine bestimmte Tageszeit gebunden. Ich fühlte mich immer so, als müsste ich mich im nächsten Moment übergeben, aber dann war da meistens doch nur der trockene Würgereiz, der mir aber den ganzen Magen zusammenkrampfte. Verschiedene Faktoren verstärkten die Übelkeit und lösten den Würgreiz aus – natürlich Hunger (ich hab ständig nur gegessen, am liebsten Fetthaltiges), aber auch ganz extrem Kälte und verschiedene Gerüche. Ich konnte mich zeitweise nicht mehr im Wohnzimmer aufhalten, da ich den Geruch des Sofas nicht ertrug (jeder in meiner Umgebung hielt mich verrückt, wenn ich das erzählte). Auch kochen konnte ich mir nichts mehr, da ich den Kühlschrank nicht öffnen konnte ohne zu würgen. Nach draußen ging ich gar nicht mehr, da es mitten im Winter und eiskalt war. Musste ich dennoch raus, konnte ich mich darauf verlassen, dass der Würgreiz einsetzte. Außer wenn ich direkt davor etwas gegessen hatte kam es aber nicht zum Erbrechen. Obwohl ich (mit Einschränkungen) essen konnte, konnte ich kaum etwas trinken. Ich habe jedes, wirklich jedes Getränk ausprobiert, sämtliche Vitaminsaft-Mischungen vom ACE Saft bis zum Guten-Morgen-Saft über Mango-Orange und Banane-Kirsch. Von allem konnte ich einmal trinken, danach wiederstand es mir. Holunderblütensirup mit Wasser hat mir einige Tage weitergeholfen, dann war auch das vorbei.



Die ganze Zeit erscheint mir im Nachhinein wie ein Traum, so irreal erscheint mir alles. Ich habe über Monate nichts gemacht außer zur Arbeit zu fahren, nachmittags heimzukommen, ins Bett zu liegen und dann vor mich hinzudämmern, bis es Abend war. Dann bin ich eine halbe Stunde aufgestanden und habe das Notwendigste für den Unterricht am nächsten Tag vorbereitet (ich bin Lehrerin), und dann wieder ins Bett bis zum nächsten Morgen. Ich hatte keine Kontakte mehr zu Bekannten und Freunden, habe nicht mehr telefoniert, keine Hobbies mehr ausgeübt, das einzige was ich neben meiner Arbeit noch gemacht habe war die notwendigsten Lebensmittel einzukaufen wenn mein Mann keine Zeit dazu hatte. Ich wundere mich heute noch darüber, dass ich mich damals so verbissen an meine Arbeit geklammert habe. Es war wohl das letzte Stück Identität und „heile Welt“, an das ich mich geklammert habe. Solange das noch funktionierte, wusste ich dass ich noch lebe und irgendwie noch mit der „anderen“ Welt verbunden bin. In die Zeit fiel auch mein 30. Geburtstag, den ich (anders als geplant) nicht groß gefeiert habe, sondern wie die anderen Tage auch halb bei der Arbeit halb im Bett verbracht habe.

Nach der 19. Woche war der Spuk vorbei, zuerst ließ die Übelkeit merklich nach, bis sie dann in der 22. Woche komplett verschwunden war und ich das erste Mal wieder eine Tasse Kaffee genießen konnte. Ich fühlte mich wie neugeboren und war der glücklichste Mensch der Welt!



Leider blieb mir nur ein Monat, um die Schwangerschaft so richtig zu genießen, danach setzten die ersten Anzeichen einer Gestose ein, die von meiner Frauenärztin entweder nicht richtig erkannt oder nicht ernst genommen wurden. Auch die Übelkeit kam wieder zurück, wenn auch nicht mehr ganz so schlimm. Die unerkannte Gestose endete in der 38.Woche mit einem Notkaiserschnitt – ich wurde ins Krankenhaus eingeliefert, weil ich starke Schmerzen hatte. Es wurde eine Blutuntersuchung durchgeführt mit dem Ergebnis, dass meine Leberwerte sehr schlecht waren und meine roten Blutkörperchen schon teilweise zerplatzt waren. In Windeseile wurde mein Sohn unter Vollnarkose geholt, zum Glück war er ein kerngesund.



Verständlich, dass ich mich lange nicht für ein zweites Kind entscheiden konnte. Aber irgendwann vergisst man alles, und ich konnte mir irgendwie schon ein zweites Kind vorstellen. Ganz überzeugt davon war ich aber nicht, da ich die erste Schwangerschaft wirklich als Horrorzeit in Erinnerung hatte. Es kam wie es kommen musste: Im November letzten Jahres hatten wir Besuch von Bekannten mit ihrem süßen neugeborenen Baby, und mein Mann und entschieden uns die weitere Familienplanung langsam anzugehen. Aus „langsam“ wurde „sofort“, und ich war gleich im ersten Zyklus ohne Verhütung schwanger. Ich freute mich riesig über den positiven Schwangerschaftstest, zumal ich im Bekanntenkreis miterleben musste, wie sich die Hoffnung auf Kinder für einige zerschlug, und optimistisch (und naiv) wie ich war, sagte ich mir dass es ja beim zweiten Mal nicht wieder genauso kommen müsste.



Es kam nicht wieder genauso, es wurde schlimmer. Zusätzlich zu dem, was ich schon kannte (Kühlschrankgerüche, Kälte, …) kam hinzu, dass ich sogar nachts von der Übelkeit nicht mehr verschont blieb (ich wachte mehrmals nachts deswegen auf und konnte dann nicht mehr einschlafen), und ein weiterer Würgereiz-auslösender Faktor kam hinzu: das Sprechen. Jeder Satz verstärkte die Übelkeit – und das mit einem Kleinkind zu Hause, das ständig plappert und auf alles eine Antwort wissen will! Zum Glück wohnen sowohl meine Mutter als auch meine Schwiegermutter in der Nähe, und sie nahmen meinen Sohn oft zu sich.

Ich war wild entschlossen, auch dieses Mal meinen Beruf weiter auszuüben (Teilzeit: zwei Vormittage an der Schule und jeweils Samstag zur Vorbereitung des Unterrichts), und musste schließlich unter vielen Tränen und dem Gefühl völlig versagt zu haben aufgeben. Jetzt bin ich seit vier Wochen krankgeschrieben – die erste Zeit schob ich es auf Blutungen (was nicht einmal gelogen war da ich tatsächlich welche hatte), jetzt bin ich wieder krankgeschrieben, habe endlich die Diagnose „Hyperemesis gravidarum“ schwarz auf weiß und weiß noch nicht, was ich auf die Frage: „Was haben Sie denn?“ antworten soll. Ich garantiere dafür dass keiner versteht, weshalb man wegen einer „normalen Schwangerschaftsübelkeit“ so lange krankgeschrieben ist. Und den Zustand ausführlich zu erläutern klingt so nach Rechtfertigung…

Glücklicherweise bin ich jetzt so weit, dass es mir völlig egal ist, was mein Chef und meine Kollegen darüber denken. Ich habe für mich selber akzeptiert, dass ich diese Krankheit habe (für mich ist es eine Krankheit und keine Schwangerschaftsbeschwerde) und mache mir kein schlechtes Gewissen mehr deshalb. Ich weiss nicht warum es gerade mich getroffen hat, aber so ist das nun mal und ich muss damit leben.



Ich in jetzt in der 14. Woche und weiss nicht, wie lange der Zustand noch anhält. Etwas Hoffnung habe ich jetzt durch meinen Hausarzt bekommen, der mir gestern und heute eine Infusion mit 10% Glucose-Lösung verabreicht hat. Seitdem fühle ich mich etwas besser. Ich habe keine Ahnung, weshalb es hilft, aber das ist mir auch ganz egal.

Ansonsten habe ich Akupunktur ausprobiert, natürlich alle Globuli die empfohlen werden, die ganzen Hausmittelchen wie Ingwer etc. und Postadoxin bekomme ich auch. Ich vermute dass ich mich deshalb auch wenig übergeben muss, denn als ich das Postadoxin einmal wegließ konnte ich den ganzen Tag nicht aufstehen, weil ich mich bei jeder Bewegung sofort übergeben habe. Ansonsten hat nichts hat geholfen, nicht einmal die Akupunktur auf die viele so schwören.



Die psychische Seite meines Zustands habe ich bisher nur gestreift, dabei habe ich darunter fast ebenso gelitten wie unter den körperlichen Beschwerden. Zum einen ist es furchtbar belastend, wenn man nichts mehr mit Genuß essen kann sondern nur noch isst damit die Übelkeit etwas gelindert wird, zum anderen ist da immer der Druck etwas zu trinken und genau zu wissen, es kommt sowieso wieder hoch. Zum anderen haben viele in meinem Umfeld wenig Verständnis, wie man sich mit Hyperemesis fühlt. Das fängt mit so genannten Freunden an, und bei mir hat leider auch meine Frauenärztin kein Verständnis. Da ich nach den schlechten Erfahrungen der ersten Schwangerschaft gewechselt habe, kennt mich die Ärztin noch nicht so lang. Als ich sie das erste Mal auf die extreme Übelkeit ansprach, meinte sie nur „Ach, sie sind ja bald in der 12. Woche, bis dahin ist die Übelkeit sowieso vorbei“. Auf meine Erwiderung, bei meinem Sohn sei es mir bis zur 19. Woche schlecht gewesen, sagte sie nichts mehr. Auf meine ausdrückliche Bitte hin schrieb sie mich notgedrungen 1 (!) Woche krank. Davor hatte ich Urlaub gehabt, ebenso wie mein Mann, deshalb hatte ich noch nicht nach einer Krankschreibung gefragt. Wie auch immer, sie ließ mich gar nicht mehr zu Wort kommen und hat kein einziges Mal nachgefragt, wie sich die Übelkeit äußert, wie stark sie ist etc. Sie hat mir auch kein Medikament verschrieben, das Postadoxin bekam ich von ihrer Vertretung als ich in die Praxis ging weil ich vor Übelkeit nicht mehr weiter wusste. Als die Woche um war und klar war, dass ich so nicht arbeiten gehen konnte hat mir die Vertretung wieder eine Krankmeldung für eine Woche gegeben. Danach bekam ich 4 Mal Akupunktur, ohne Erfolg. Als ich dies meiner Ärztin sagte, meinte sie „Waaaaas, Akupunktur hat bei Ihnen nicht geholfen? Ich habe erst gestern wieder gelesen wie erfolgreich das bei Schwangerschaftsübelkeit ist. Na ja, wahrscheinlich hat meine Kollegin (die bei mir die Akupunktur durchführte) die Nadeln zu zaghaft gesetzt, bei Schwangeren ist man ja immer vorsichtiger.“ Ich hätte sie für diese Worte erwürgen können, zumal ich die Akupunktur gar nicht zaghaft fand! Wieder hat sie sich nicht weiter um mich gekümmert. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon so fertig, dass ich jeden Tag mehrmals zu Haus geheult habe. Leider konnte ich mich auch tagsüber nicht immer beherrschen, so dass mein 2 ½ jähriger Sohn meine Heulanfälle oft mitbekommen hat. Es fiel mir auch immer schwerer, mit dem Weinen aufzuhören, und ich merkte so langsam aber sicher komme ich da in etwas hinein das gefährlich wird (ich hatte schon einmal kurze Zeit depressive Anfälle, die medikamentös behandelt wurden, zum Glück ging es nicht lange) – auf jeden Fall waren die Anzeichen dieses Mal ähnlich. Lebensfreude hatte ich schon lang nicht mehr empfunden, habe mich nur von einem Tag zum nächsten geschleppt. Auf jeden Fall war die Situation für mich so eskaliert, dass ich wusste so geht es auf keinen Fall weiter. Ich wollte die Ärztin wechseln, leider war die zu der ich wollte im Urlaub. Da bekam ich den rettenden Tipp von einer Hebamme im Schwangeren-Forum (DANKE, hebigabi!) ich solle mich doch an meinen Hausarzt wenden. Den kenne ich schon von klein auf, und er hat mir gleich empfohlen Infusionen auszuprobieren. Ich hatte schon gar keine Hoffnung mehr, dass überhaupt irgendwas hilft, aber natürlich macht man in dieser Situation wirklich alles. Gestern abend bekam ich die erste Infusion, mein Arzt blieb wegen mir sogar extra länger in der Praxis, damit ich die Infusion gleich bekommen konnte. Und es ging mir besser! Heute bekam ich die zweite Infusion, und die Übelkeit ist ebenfalls erträglich, ich konnte sogar mit meinem Sohn ein Spiel machen!!! Morgen und nächste Woche geht es weiter mit den Infusionen, und ich sehe zum ersten Mal wieder Licht. Ich bin jetzt für zwei Wochen krank geschrieben, danach sind eine Woche Ferien, und ich habe die Diagnose Hyperemesis gravidarum jetzt schwarz auf weiß.



Zum ersten Mal geht es mir auch psychisch wieder besser, und ich habe die Hoffnung, dass ich es doch schaffe die Schwangerschaft durchzustehen.



Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mich in dieser Schwangerschaft an einen genauen Ernährungsplan zu halten, da die besondere Form der Schwangerschaftsvergiftung, die ich hatte, vermutlich durch eine Fehlbildung der Plazenta in der Frühschwangerschaft mit verursacht oder ausgelöst wird. Nährstoffmangel oder zu wenig Flüssigkeit in der Frühschwangerschaft können dazu führen, dass die Plazenta in der fortgeschrittenen Schwangerschaft nicht mehr richtig arbeitet, was zu einer Unterversorgung des Kindes bzw. zu einem Zusammenbruch der Organe der Mutter führt. Leider hatte ich absolut keine Chance, den Ernährungsplan durchzuziehen, ich war ja froh wenn ich überhaupt irgendwas essen konnte, völlig egal was. Und die 2-3 Liter, die ich am Tag trinken sollte – daran war überhaupt nicht zu denken. Ich versuche den Gedanken weg zu schieben, dass mich dieses Mal in Bezug auf die Schwangerschaftsvergiftung das gleiche Los wie bei meinem Sohn ereilt und hoffe einfach, dass alles gut geht. Wenn nicht, kann ich jetzt sowieso nichts mehr daran ändern.



Im Übrigen unterstütze ich die Theorie, dass bei der Hyperemesis-Anfälligkeit genetische Faktoren mitspielen. Als ich meiner Mutter von den Infusionen erzählte, erinnerte sie sich daran dass sie auch welche bekommen hatte, als sie mit mir schwanger war, und dass bei ihr die Übelkeit bis zur Geburt anhielt. Sie hatte genau wie ich das Gefühl, ständig kurz vorm „Überlaufen“ zu stehen, ohne sich wirklich übergeben zu müssen. Auch meine Schwester bekam in ihrer ersten Schwangerschaft Infusionen. Bei beiden wurde die Übelkeit aber in der 2. Schwangerschaft besser, während sie bei mir stärker wurde.



Ich wünsche allen, die Ähnliches durchmachen müssen, unendlich viel Kraft und Hoffnung! Vielleicht hilft es schon zu wissen dass man nicht allein ist und dass Hyperemesis eine Krankheit ist – es ist daran nichts Eingebildetes, man ist auf keinen Fall ein Sensibelchen oder Hypochonder (wie es mir meine Frauenärztin unterschwellig suggeriert hat), sondern es ist eine ernst zu nehmende Krankheit, die schlimme Auswirkungen haben kann, wenn sie nicht behandelt wird (und das bis hin zur Geburt des Kindes, wie man bei meinem Sohn sieht). Und alle Frauen, die sich durch so was durchkämpfen müssen, verdienen Respekt und Bewunderung! Auch gibt es leider immer noch Ärzte die sich unprofessionell und inkompetent verhalten, und ich möchte alle ermutigen, die bei diesen Ärzten in Behandlung sind, nicht aufzugeben sondern sich das Recht auf einen kompetenten Arzt zu erkämpfen und zur Not so lange den Arzt zu wechseln, bis sie jemand gefunden haben, der ihre Krankheit ernst nimmt und sie mit Respekt behandelt.



Chrissi, dir noch mal vielen Dank, dass du die Homepage erstellt hast!



Liebe Grüße,

Kerstin