Claudia

 
Der nächste Erfahrungsbericht kommt von Claudia. Sie ist verheiratet, 31 Jahre alt und hat eine Tochter, die im Frühjahr 1997 geboren ist. Auch Claudias Schwangerschaft war eine Hyperemesisschwangerschaft. Claudia wohnt in einem kleinen Vorort von Berlin. (02.01.1998)
 
Hallo Chrissi,
seit Deinem Beitrag wirbelt das Thema "Hyperemesis" ganz schön in meinem Kopf herum :-)) Ich habe schon die halbe Nacht meine Leidensgeschichte im Kopf formuliert.

Da Du ja mit dem Gedanken spielst, alles um dieses Thema in einem Buch zusammenzufassen, denke ich mal, dass ich alles sehr ausführlich schildern kann.

Hier nun meine Erfahrungen:

Als ich schwanger wurde, war ich 28, mein Mann 24. Verheiratet, mit eigenem Haus und Garten und gesicherten finanziellen Verhältnissen.
(Da bei Hyperemesis ja gern die psychologischen Aspekte berücksichtigt werden, schreibe ich einfach alles auf, was mir dazu in den Sinn kommt.)
Ich hatte eigentlich nie viel mit Kindern zu tun und dachte immer, ich hätte auch keinen richtigen Draht zu Kindern. In meiner Freizeit drehte sich alles um Hunde und Pferde, so dass mein Vater mal scherzhaft sagte, ich würde eher Welpen und Fohlen bekommen als Babies :-))
Aber irgendwie war in mir auch der Gedanke, dass zu einer richtigen Ehe auch Kinder gehören. So ist meine Tochter denn auch ein richtiges Wunschkind. Allerdings eher vom Verstand geplant als vom Gefühl. Wenn denn ein Kind, dann wollte ich es spätestens bis zu meinem 30. Geburtstag haben. Später nicht. Ausserdem hatte meine Frauenärztin mir bereits seit Jahren gesagt, dass es mit dem Kinderkriegen bei mir mal schwer wird, weil ich extrem lange und unregelmässige Zyklen habe, bei denen wohl kein Eisprung stattfindet. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf setzten wir die Pille ab, verhüteten ordnungsgemäss noch 3 Monate mit Kondomen und wurden prompt beim ersten Versuch schwanger :-))
Meine letzte Regel hatte ich am 29. Juli 1996. Der August verlief ohne Probleme. Zwar spannte schon mal der Bauch, und noch mehr die Brust, aber das war ja nicht schlimm. Ende August bin ich dann zu meiner Frauenärztin, bei der der Test dann positiv war, aber in der Gebärmutter noch nichts zu sehen war. Da war "es" noch irgendwo unterwegs.
Irgendwie empfand ich schon Freude, dass es so schnell geklappt hat, aber ich hatte auch Angst, ob ich dem allen gewachsen bin.
Mitte September bekam ich Blutungen. Also liegen, liegen und nochmals liegen.
Und als die Blutungen vorbei waren, kam die Übelkeit. Schwangerschaft und Übelkeit gehören ja irgendwie zusammen und so benahm ich mich auch eine Weile heldenmässig, wenn ich mich mal wieder von meinem Essen trennen musste.Und natürlich spukte mir ständig im Kopf herum, dass meine Mutter die ganzen 9 Monate hatte brechen müssen, in denen sie mit mir schwanger war.
Nun kam bei mir noch dazu, dass ich schon immer untergewichtig bin. Mein Normalgewicht liegt bei 54 kg bei 1,72m Körpergrösse.
So, bis dahin war ja alles noch Spass.
Ab Oktober wurde es dann richtig schlimm. Wenn mir übel wurde, schaffte ich es nicht mehr bis zur Toilette. Letztendlich standen überall im Haus verteilt Eimer und Schüssel. Überall lagen Handtücher. Der Magen tat mir so weh, dass ich nicht mal mehr richtig gerade stehen konnte. Wie ein Fragezeichen schlich ich durch die Gegend.
An arbeiten war natürlich nicht mehr zu denken. Wie hätte ich die Stunde Fahrt in der S-Bahn überstehen sollen? Ich, die sonst sehr ordentlich bin und gern arbeite, war heilfroh, dass ich nicht mehr dorthin musste. Alles war mir egal.
Meine Frauenärztin vertröstete mich immer auf die magische 12. Woche, registrierte aber stirnrunzelnd, wie bei mir die Kilos purzelten.
Meine Mutter, die das ja aus eigener Erfahrung kannte, half mir, wo sie nur konnte.
Auch mein Mann war ein Fels in der Brandung. Wir redeten über alles, er tröstete mich, übernahm den ganzen Haushalt, kochte stundenlang was leckeres, was ich dann meistens nichtmal auf einen Meter an mich heranliess. Nie murrte er oder war es ihm zuviel. Sex gab`s in dieser Zeit natürlich auch nicht.
Ich fühlte mich ja so krank, nicht schwanger, sondern krank. Und wenn ich es gekonnt hätte, dann hätte ich es rückgängig gemacht.
Bis Mitte Oktober steigerte sich die Übelkeit und das Erbrechen bis ins Unermessliche. 20 Mal pro Tag übergeben - das war mein Tagesablauf. Dazwischen düsteres Vorsichhindämmern auf der Couch. Und froh sein, wenn ich abends endlich ins Bett ging und einschlief. Erstaunlicherweise habe ich nie nachts brechen müssen. Wieso eigentlich?
Wenn mein Mann morgens unten duschte und dieser Geruch bis zu mir drang, brach ich das erste Mal. Unseren Hund musste er draussen füttern, weil ich es nicht riechen konnte. Frisch gewaschene Wäsche - und schon ging`s wieder los.
Warmes Essen. Frische Blumen. Ich konnte nichts riechen, ohne dass es mir gleich den Magen auskippte.
Zu der Zeit konnte ich nur ungetoasteten Toast mit Nutella essen. Da war die Wahrscheinlichkeit noch am grössten, dass es drin blieb.
Alles, was früher selbstverständlich war, konnte ich nur mit größter Mühe bewältigen. Mir fehlte die Kraft zum Duschen und zum Haare waschen.
Und natürlich habe ich mich wohl hunderte Mal gefragt, warum es ausgerechnet mir so schlecht geht. Ich habe soviel schwangere Frauen auf Arbeit gesehen, die bis auf den dicken Bauch ganz "normal" waren. Die ohne Probleme bis zum Mutterschutz arbeiten. Und wenn sie ein Problem hatten, dann das, dass sie zuviel zunahmen.
Das einzige, was mich tröstete, dass ich oft den Satz zu hören bekam:"Wenn es Dir so schlecht geht, dann wird`s ein Mädchen." Und ich wünschte mir ja auch so sehr ein Mädchen.
Außerdem hatte ich gehört, dass bei Frauen, die damit zu kämpfen haben, die Schwangerschaftshormone so "stark" sind, dass es selten zu Fehlgeburten kommt. Aber letztendlich ist mir noch immer unklar, warum und wann das Phänomen Hyperemesis gravidum wirklich auftritt.
Ich wurde also immer dünner. Auf 47 kg war ich angekommen als ich zum Termin bei meiner Frauenärztin ankam. Zu allem Übel hatten die Schwester an diesem Tag alle Termine doppelt vergeben, und so saß ich 2 Stunden im Wartezimmer. Normalerweise lasse ich mir so was nicht gefallen, aber mir fehlte zu allem der Elan.
Mein Mann, der sonst bei jeder Untersuchung bei war außer bei dieser, hat hinterher getobt und meinte, ich hätte den Damen auf den Tresen k.... sollen.
Frau Doktor war dann jedenfalls der Meinung, dass ich mich im Krankenhaus aufpäppeln lassem soll.
Ich war bis dahin nie im Krankenhaus gewesen, aber auch das war mir schon egal. Die ersten beiden Tage im Krankenhaus waren herrlich. Ich bekam Tröpfe mit Elektrolyten und Glukose und brauchte zwei Tage lang nichts essen.
Aber dann sollte ich es doch immer wieder versuchen, und dasselbe Spiel begann von neuem. Und jeden Morgen mußte ich auf die Waage. 200 gr mehr, 300 gr weniger - so ging es hin und her. Ich hatte Wunschkost - aber ich hätte beim besten Willen nicht gewußt, was ich mir wünschen soll.
Aber auf der Station lagen auch andere schwangere Frauen. Zwar keine mit Hyperemesis, aber deren Probleme waren vielleicht sogar noch schlimmer. Blutungen, drohende Fehlgeburt, Gestose - und was es da nicht alles gibt. Das Brechen war zwar schlimm, aber irgendwie nicht direkt bedrohlich.
Mit Vomex-Zäpfchen hatte ich immer mal für ein paar Stunden Ruhe vor der Übelkeit.
Und ich hatte einen tollen Stationsarzt. Wenn er sah, dass ich sehr deprimiert war, holte er mich zum Ultraschall, damit ich sehe, wofür ich all das ertrage.
Er hat dann nie was gesagt, sondern hat mich in aller Ruhe mein Baby betrachten lassen. Das gab mir wieder für ein paar Tage Kraft.
Laut Lehrbuch hört auch die schlimmste Übelkeit mit Ablauf der 16. Schwangerschaftswoche auf - so waren sich die Ärzte einig. Aber auch die 17. Woche brachte keine Veränderung. Dann wäre es psychisch, bekam ich zu hören. Ob ich denn Probleme hätte. Ich hatte keine - nur eins, und das war die Hyperemesis.
Übers Wochenende sollte ich nach Hause. Ich freute mich ja so. Aber die Gerüche zu Hause waren mir fremd geworden, und nach zwei Stunden stand ich wieder heulend im Krankenhaus und bettelte nach dem Tropf.
Das ging zweimal so. Nach Ablauf der 17. Woche war mir klargeworden, dass ich dort keine echte Hilfe finde. Mein Mann, der trotz Arbeit jeden Tag zu mir kam, hatte dann einen Termin bei meinem Hausarzt gemacht, der auch Facharzt für Naturheilkunde ist.
So lieferte ich zwei Tage lang eine Oscar-reife Vorführung ab, um entlassen zu werden. Ich oder mein Mann entsorgten mein Erbrochenes, was ich eigentlich immer den Schwestern geben sollte. Bei der Visite gab ich mein bestes, ob wohl es mir eigentlich schon wieder bis oben stand. Aber ich wurde entlassen.
Mein Mann fuhr mich sofort in die Praxis meines Arztes, der über mein Aussehen und die mangelhafte Behandlung entsetzt war. Ich hatte ja nicht mal Astronautennahrung bekommen.
Er setzte mir dann einen Akupunkturknopf ins Ohr. An den sogenannten Valium-Punkt. Wenn es mir übel wurde, sollte ich diese Stelle zusätzlich noch massieren. Es war unglaublich, wenn ich das tat, war ich innerhalb einer Minute eingeschlafen und die Übelkeit weg.
Mein Doc meinte, der Körper würde allein entscheiden, wie lange er die Nadel braucht. Das begriff ich zwar nicht, aber es stimmte. Nach einer Woche war die Nadel trotz drübergeklebtem Pflaster verschwunden. Zusätzlich bekam ich zwei homöopathische Mittel: Vomitusheel in tropfenform. Da konnte mir das Essen buchstäblich schon wieder im Hals stehen. Sowie ich die Tropfen nahm, war die Übelkeit vorbei. Das zweite Mittel hiess Spascupreel. Kleine Tabletten, die sich unter der Zunge auflösten.
An diesem Tag habe ich zum letzten Mal gebrochen.
Ich konnte mein Glück kaum fassen. Was eigentlich ja normal ist, war für mich ein Anlaß zu regelrechter Euphorie. Mir war endlich nicht mehr übel. Ich konnte essen, ich konnte mich endlich schwanger fühlen und auf mein Baby freuen.
Alle weiteren Wehwehchen wie Rückenschmerzen, häufiges Austreten müssen und so weiter - über so etwas konnte ich nach all dem Horror bloss noch lachen.
Ich glaube, ich habe mich noch nie so wohl gefühlt, wie zu der Zeit. Bis zumEnde der Schwangerschaft hatte ich noch stolze 16 kg zugenommen und sah aus wie das blühende Leben.
Entschädigt wurde ich natürlich mit einer kerngesunden Tochter, die entgegen allen Erwartungen kein schwächliches Kind wurde, sondern ganz normal 3410 gr wog und 51cm lang war.
Auch die Entbindung, vor der ich mich so gefürchtet hatte, war der reinste Spaziergang. Die Geburt wurde zum Stichtag eingeleitet und dauerte gerade 3 1/2 Stunden.
Ich hatte das grosse Glück, einen verständnisvollen Mann zu haben, der in dieser Zeit alles für mich getan hat. Für ihn war es furchtbar, mich so leiden zu sehen. Wir hatten geimnsam entschieden, ein Baby zu bekommen, und nun musste er mitansehen, dass die "Arbeit" dafür an mir hängen blieb.
Meine Eltern halfen auch, wo sie nur konnten. Und auch verging kein Tag, an dem sich nicht Freunde und Bekannte erkundigt hätten.
Jetzt wünschen wir uns wieder ein Baby, und natürlich habe ich ein bisschen Angst, dass "es" wieder kommt. Denn dieses Mal habe ich ja schon ein Kind, das mich braucht. Ich kann nicht einfach so für 4 Wochen ins Krankenhaus gehen oder ganze Tage auf der Couch vergammeln.
Aber man sagt ja, dass jede Schwangerschaft anders ist, und darauf hoffe ich.
Und wenn nicht und ich mich wieder mit Hyperemesis herumplagen muss, dann hoffe ich, dass ich wieder etwas finde, das mir hilft.
Auch die längsten 9 Monate vergehen und man erhält dafür das Schönste, das es gibt.

Alles Liebe

Claudia