Angela

 
Hier berichtet Angela von ihrer zweiten Schwangerschaft (Bericht der ersten Schwangerschaft unter 2.1.2005) (11.09.2005)
 
Dies ist meine zweite Hyperemesis-Geschichte. Die erste hat Chrissi im Januar 2005 auf diese Seite gesetzt.

Zwei Jahre nach der Geburt von unserem Sohn Maximilian wurde ich wieder schwanger. Ich hatte zwar vorher große Angst, dass sich alles wiederholen würde und unser Sohn darunter leiden müsste, aber unser Kinderwunsch war so groß, dass wir die rosarote Brille aufsetzten. Ich hatte sogar vorher mit meinem Frauenarzt darüber gesprochen, der mir versicherte, dass keine seiner bisherigen Hyperemesis-Patientinnen während der zweiten Schwangerschaft auch darunter litten. Ich war zwar skeptisch, aber wegen Hyperemesis auf ein zweites Kind verzichten wollte ich auch nicht.

In der 5. Schwangerschaftswoche, als ich gerade so eben von der Schwangerschaft wusste, ging es mir noch gut. In der 6. Woche litt ich unter gewaltiger Müdigkeit und in der 7. Woche war mir morgens übel. War aber nicht weiter schlimm, und ich hatte die Hoffnung, dass es nicht schlimmer wird. In der ersten Schwangerschaft verlief die Übelkeit anders, deshalb war ich noch bester Laune. Meine Hebamme kam fast täglich zur Akupunktur. Vielleicht hilft das ja besser, wenn man gleich damit anfängt?

Leider fing ich in der 8. SSW an, mich zu übergeben. Es wurde jeden Tag schlimmer, bis ich gar nichts bei mir behalten konnte. Meine Hebamme meinte, ich käme jetzt nicht mehr um einen Arztbesuch herum. Sie empfahl mir eine andere Frauenärztin, bei der ich noch am selben Tag einen Termin bekam. Ich wollte sie fragen, ob wir ambulante Infusionen machen könnten, damit ich zuhause bei unserem Sohn bleiben konnte. Aber meine Blut- und Urinwerte wiesen wohl schon Hungerwerte auf, was bedeutet, dass mein Körper von seinen Reserven gezehrt hat. Sie überwies mich sofort ins Krankenhaus.

Sehr schweren Herzens verabschiedete ich mich von unserem Sohn, der natürlich nicht verstand, was los ist. Man merkte ihm jedenfalls nichts an. Ich konnte die ganze Zeit nur weinen. Das einzige, was mich aufrechterhielt, war der Gedanke, dass es dem Baby im Bauch gut ging. In der Arztpraxis sagte wieder jeder zu mir, dass es dem Baby gut geht, wenn es der Mutter schlecht geht. Ich muss aber gestehen, dass ich kurz vor der Ultraschalluntersuchung fast gehofft hatte, dass das kleine Herzchen nicht schlägt. Das wäre doch eine absolute Erleichterung gewesen. Allerdings hätte ich mich dann nie wieder getraut, schwanger zu werden. Aber ist es Maxi gegenüber fair, dass ich ihn wegen eines noch ungeborenen Kindes vernachlässigen muss? Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen und kam mir total egoistisch vor, weil wir bei unserem zweiten Kinderwunsch nicht auf Maxis Bedürfnisse Rücksicht genommen hatten.

Im Krankenhaus musste ich zuerst etliche Untersuchungen über mich ergehen lassen, bis ich endlich die erste Infusion bekam. Fast hätte ich schon danach gebettelt, denn mein Kopf dröhnte schon und ich drohte dauernd umzukippen. Die Schwestern mussten mich, wenn ich in einen anderen Raum gehen sollten, an beiden Seiten stützen.

Ich war total froh als ich feststellte, dass meine Zimmerkollegin eine total nette Frau ist, denn so konnte ich mich wenigstens unterhalten und dadurch ablenken. In der ersten Nacht schlief ich überhaupt nicht gut, weil mein Arm von der Infusion brannte. Da war wohl was hochkalorisches drin, was die Venen reizt. Aber am nächsten Tag war die Übelkeit schon verschwunden. Ich bekam natürlich wieder Vomex, was mich total schlapp machte.

Mein Mann, Maximilian und meine Schwiegermutter besuchten mich jeden Tag. Maxi scheinte meine Abwesenheit nichts auszumachen. Meine Schwiegermutter half meinem Mann zuhause. Mein Mann hat sich unbezahlten Urlaub genommen (der glücklicherweise in diesem Fall von der Krankenkasse bezahlt wurde).

Mir ging es im Verlauf des zweiten Tages so gut, dass ich alles essen konnte natürlich in Maßen ohne dass ich mich übergeben musste. Sogar das Trinken, was mir in der ersten SS totale Probleme machte, klappte wieder. Alle redeten davon, dass ich bald wieder nach Hause könnte. Davor hatte ich ehrlich gesagt große Angst, denn ich wurde schon in der ersten SS nach einer Woche entlassen, was viel zu früh war, und landete zwei Tage später wieder in der Klinik. Ist ja schön, die Klinik als Sicherheitsnetz zu haben, aber ich wollte Maxi nicht so ein Hin und Her zumuten. Erst ein paar Tage weg, dann wieder zuhause und schon wieder weg. Dann wäre es wohl besser, wenn ich die ganze Zeit weg bin. Diesmal scheint es ja insgesamt nicht so lange dauern zu müssen, denn die Besserung kam ziemlich schnell.

Es ging mir weiterhin gut, Maxi kam weiterhin jeden Tag einmal zu mir und schien nicht im Geringsten traurig zu sein. Nach drei Tagen ließ ich mich dann trotzdem entlassen, denn alle ermutigten mich dazu. Ich hatte zwar Angst, dass allein die Verantwortung, die ich dann zuhause wieder fühlen würde, eine Verschlimmerung bewirken würde, aber ich wollte es dann trotzdem versuchen.

Tatsächlich wurde es zuhause trotz Vomex nach ein paar Tagen wieder schlimmer. Glücklicherweise wurden mir der Haushalt und die Betreuung von Maxi weiterhin abgenommen. Meine Hebamme kam wieder, aber die Übelkeit wurde immer schlimmer, bis ich wieder nichts bei mir behielt.

Eine Bekannte von meinem Mann erzählte ihm zufällig, dass sie während ihrer SS auch mit Hyperemesis zu kämpfen hatte und dass Vomex ihr gar nicht geholfen hat. Ihr hat nur Postadoxin geholfen. Von diesem Medikament hatte ich nie gehört, deshalb fragte ich gleich meine Ärztin danach. Sie meinte, meine Werte seien noch im Rahmen und ich müsse noch nicht ins Krankenhaus zurück. Ich sollte es dann mal mit Postadoxin versuchen. Nur wenige Stunden nach der ersten Tablette wurde es besser. Am nächsten Tag war ich schon wieder wie ausgewechselt.

Vorher war mein Mann schon sehr genervt davon, dass ich nur noch auf dem Sofa lag und auch wenn mir nicht so übel war nicht aufstand. Aber ich war einfach so kaputt und durch das Vomex dermaßen müde, dass ich mich nicht aufraffen konnte. Er meinte aber, ich müsse mehr aufstehen und herumlaufen, um meinem Kreislauf wieder in Schwung zu bekommen. Dann würde es mir bestimmt insgesamt besser gehen. Ich war total frustriert, denn ich konnte nichts für meinen Zustand. Er gab mir das Gefühl, dass er denkt, ich würde mich absichtlich hängen lassen. Ich sah, dass ihm der Haushalt über den Kopf wuchs, aber wie sollte ich ihm denn helfen? Der Druck, denn er dadurch auf mich ausübte, machte es sicherlich auch nicht besser. Er fing an, nach einer Haushaltshilfe zu suchen.

Aber mit Postadoxin ging es mir zum Glück wieder so gut, dass ich alles essen und bei mir behalten konnte und ich konnte auch wieder herumlaufen. Müde war ich zwar immernoch, aber das ist ja im ersten SS-Drittel normal. Da merkte mein Mann dann, dass ich nicht selbst schuld an meinem zustand war.

Die Haushaltshilfe engagierten wir trotzdem. Eine Woche lang fuhr ich mit Maximilian zu meiner Mutter, damit ich es mir dort so richtig gutgehen lassen könnte und mein Mann wieder arbeiten gehen kann. Die Woche tat uns auch richtig gut. Maxi musste sich zwar erst wieder daran gewöhnen, dass ich wieder einigermaßen fit war und er wieder auf mich hören musste, aber das würden wir auch in den Griff kriegen.

Diese Geschichte dauerte allerdings einige Wochen. Maxi und ich mussten etliche Kämpfe ausfechten. Er war es überhaupt nicht mehr gewöhnt, dass er nicht alles darf, und wehrte sich gegen alles, was ich machen wollte. Einige Unternehmungen, die wir mit ihm machen wollten, weil sie ihm bestimmt Spaß gemacht hätten, mussten wir sein lassen aus dem einfachen Grund, weil er sich nicht anziehen lassen wollte. Lauter solche Kleinigkeiten führten schon zu Zankereien. Diese Kämpfe bekamen mir natürlich überhaupt nicht gut, weil sie mich erstens total ermüdeten und mein schlechtes Gewissen Maxi gegenüber immer größer wurde. Maxi war sichtlich durcheinander und ich war schuld daran. Oder lag es vielleicht nur an einer seinem Alter entsprechenden Trotzphase?

Aber auch das wurde langsam immer besser und ungefähr ab der Schwangerschaftsmitte war alles fast wieder normal. Auch bei mir. Ich konnte wieder mit Sport anfangen. Zwar nicht mehr mein altes Fitness-Training, aber immerhin zweimal wöchentlich Aquafitness, was ja für Schwangere nicht schlecht ist. Das brachte mich noch schneller wieder auf die Beine, denn ich fühlte mich wie neugeboren.

Jetzt bin ich in der 25. SSW. Ich nehme immernoch eine halbe Tablette Postadoxin am Tag. Das wird auch vorerst so bleiben, denn als ich von einer auf eine halbe Tablette reduziert habe, war mir zumindest morgens wieder übel. Aber das ist ja noch zu verkraften. Ich kann die SS jetzt richtig genießen. Nicht nur mit Aquafitness, sondern ich mache sogar wieder Frisörbesuche und löse nach und nach einen Wellness-Gutschein ein, den mein Mann mir vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hat. Ein paar nervige SS-Wehwehchen habe ich zwar zusätzlich bekommen, aber damit kann ich leben. Fest steht allerdings, das dies meine letzte SS sein wird. Nochmal möchte ich das weder mir noch anderen antun. Ich habe zwar großes Glück gehabt, dass ich so relativ schnell ein helfendes Medikament gefunden habe, aber das bedeutet noch lange nicht, dass das bei einer weiteren SS auch so wäre. Wir bekommen übrigens wieder einen Jungen.

Damit ist das Hyperemesis-Kapitel für mich endgültig abgeschlossen. Ich wünsche allen Frauen, die darunter leiden, viel Durchhaltevermögen und dass Ihr nur auf verständnisvolle Leute trefft, während ihr leiden müsst. Denn das hilft schon ungemein.

Liebe Grüße
Angela