Bettina

 
Das ist der sehr bewegende Bericht von Bettina,die alle Tiefen der Hyperemesisschwangerschaft erlebt hat (01.09.2006)
 
Meine Hyperemesis-Schwangerschaften

Erste Schwangerschaft:

Im Herbst 2000 fingen mein Mann und ich an, auf unser Wunschkind hinzuarbeiten. Im Mai wurde ich endlich mit unserem Sohn Linus schwanger. In den ersten Tagen nach dem freudestrahlend in Händen gehaltenen positiven Schwangerschaftstest war ich bleiern müde und schließlich wurde mir zunehmend übler. Es war keine Morning sickness, sondern eine Übelkeit, die den ganzen Tag vorhielt. Sie verschlimmerte sich innerhalb einiger Tage, und zur Dauerübelkeit kam der Dauerbrechreiz und letztendlich das Dauererbrechen. Ich konnte schließlich keinen Bissen Essen und keinen Schluck Flüssigkeit mehr bei mir behalten, übergab mich alle paar Minuten. Ich erbrach mich bzw. würgte (wenn sich noch keine Magensäure oder Gallenflüssigkeit wieder nachgebildet hatte.) Mein Mann und ich unterschätzten meinen Zustand, und so warteten wir noch etliche Tage, bis wir endlich ins Krankenhaus fuhren. (5. SSW) Ich war inzwischen völlig dehydriert und sehr apathisch. Ich erbrach mittlerweile bis zu ca. 60 Mal am Tag. Ärzte und Schwestern wussten nichts mit meinem Zustand anzufangen. Ich bekam natürlich sofort Flüssigkeit per Infusion und – Standardtherapie – Vomex A. Von einer vorherigen Behandlung mit diesem Medikament wusste ich jedoch, dass ich Vomex A nicht vertrage, mit Blutdruckabfall und Zittern reagiere und meine Übelkeit und mein Übergeben zudem in keiner Weise positiv beeinflusst werden. Ich hatte dem behandelnden Arzt und der Schwester diese Unverträglichkeit im Vorfeld unverzüglich mitgeteilt. Offensichtlich beschloss man, mich nicht Ernst zu nehmen und gab Vomex A also trotzdem zur Ringerlösung. Ich reagierte in oben angegebener Weise und mein Mann konnte mit Mühe und Not den Arzt dazu bewegen, den Tropf zu entfernen. Ich bekam dann Postadoxin in Zäpfchenform. Als Folge dieser Medikation befand ich mich in einem permanenten Dämmerzustand, meine Übelkeit und mein Brechreiz aber blieben. Die Ärzteschaft und die Krankenschwestern zeigten kenerlei Verständnis für meinen Zustand. Ich bekam Sprüche zu hören wie z.B.: „Freuen Sie sich auf Ihr Kind. Dann ist Ihnen auch nicht mehr schlecht.“ Das war das erste Mal, dass meine Hyperemesis auf psychische Ursachen geschoben wurde. Dazu kann ich sagen, obwohl mir mein desolater körperlicher Zustand sicherlich keinen Anlass zur Freude machte, war ich optimistisch und durchgehend positiv eingestellt. Irgendwie schaffte ich, die Übelkeit und meine Schwangerschaft als zwei getrennte Dinge zu betrachten. Ich dachte: „Mann ist mir schlecht. Aber – juchu – außerdem bin ich schwanger.“ Diese Art und Weise, mit meinem Zustand umzugehen, half mir, Tag für Tag zu überstehen. Das und die Tatsache, dass ich ja nicht wissen konnte, wie lang die Hyperemesis andauern würde. Ich hoffte einfach jeden Abend aufs Neue, dass es mir am nächsten Tag besser gehen würde. Infusionen bekam ich natürlich weiterhin, aber nur noch Ringerlösung ergänzt durch Multivitamine. Nach ein paar Tagen in der Klinik stabilisierten diese Infusionen meinen Zustand tatsächlich und ich war wieder in der Lage, Nahrung zu mir zu nehmen. Die Übelkeit und der Brechreiz bestanden allerdings weiterhin. Ich wurde entlassen.

Zuhause – ohne die Infusionen – verschlechterte sich mein Zustand wieder rapide. Ich schob den Krankenhausaufenthalt, der mir aufgrund des fehlenden Verständnisses und des nur schwer zu ertragenden Verhaltens seitens des Personals in schlechter Erinnerung blieb, so lang wie vertretbar auf. Verhindern konnte ich ihn angesichts der Tatsache, dass ich wiederum weder feste noch flüssige Nahrung bei mir behalten konnte, nicht. So ging ich in der 9. SSW wieder ins Krankenhaus – dieses Mal in ein anderes. Die Behandlung durch Schwestern und Ärzte und Pflegekräfte entsprach der in der ersten Klinik. Von Hilflosigkeit über Ignoranz bis hin zur puren Unverschämtheit war alles vertreten. Auch hier eine bloße Psychologisierung meines Zustands. Ich konnte nur auf dem Rücken liegen. Jedes auf die Seite drehen, jeder Versuch des Aufsetzens wurde mit Erbrechen bestraft. So vegetierte ich im Krankenbett vor mich hin. Einmal kam ich in den Genuss einer – versuchten - Akupunkturbehandlung. Die Ärztin setzte mir die Nadeln allerdings während einer horrenden Brechattacke und musste schließlich abbrechen. Einen zweiten Versuch unternahm sie nicht. Das einzig Gute an diesem Krankenhausaufenthalt war, dass ich in Folge der Dauerinfusionen (Ringerlösung versetzt mit Multibionta) wieder Wasser, Tee und leichte Nahrung bei mir behalten konnte. So wurde ich nach einer Woche entlassen.

Wieder zuhause versuchte ich noch einige alternative Therapieformen. Aber weder Akupunktur, Akupressur noch die Einnahme verschiedener homöopathischer Mittel – natürlich nach ausführlichen Gesprächen bei einem klassischen Homöopathen - brachten Besserungen.
Das Spiel begann vielmehr von vorn: Ohne ständige Infusionen war keine Nahrungsaufnahme möglich – besser gesagt kein „Nahrungsbehalten“. Da ich nicht wieder in stationäre Behandlung wollte, besprach ich mit meiner Hausärztin die Durchführbarkeit einer ambulanten Infusionstherapie. Sie stimmte zu, und so fuhren mein Man oder mein Vater mich jeden Morgen in die – zum Glück in Wohnungsnähe befindliche – Praxis. Dort bekam ich meine tägliche Infusionsdosis, mit deren Hilfe ich den restlichen Tag überstehen konnte. Diese Routine behielt ich bis zum Ende des 6. Schwangerschaftsmonats bei. In welchem Zustand sich meine Venen zwischenzeitlich befanden, muss ich wohl nicht näher erläutern. Ich habe die gesamten ersten 5 Monate meiner SS auf dem Rücken liegend mit geschlossenen Augen und alle paar Minuten mich erbrechend verbracht. Jedes Sichaufsetzen, sich Drehen, sich Bewegen wurde mit einer neuerlichen Brechattacke bestraft. Die Gänge zur Toilette und erst recht die Fahrten zur Arztpraxis waren jedes Mal ein ungeheurer Kraftaufwand und ein einziger Alptraum. Meine Muskelkraft wich in erschreckender Weise.
Dann endlich: Im Laufe des 6. Monats trat eine spürbare Verbesserung ein. Der Brechreiz und das Erbrechen gingen allmählich zurück. Ein einigermaßen normales Leben hatte mich wieder. Innerhalb einiger Tage entwickelten sich dann starke beidseitige Nierenschmerzen. Die Ärztin stellte einen beidseitigen starken Nierenstau fest. Er wurde regelmäßig kontrolliert und blieb mir bis zur Entbindung äußerst schmerzhaft erhalten. Dazu stellte sich noch ein leichter Schwangerschaftsdiabetes ein, der sich allerdings mit entsprechender Nahrungsumstellung gut einstellen ließ. Und als hätte ich noch nicht alles Unangenehme mitgenommen, bekam ich schließlich noch vorzeitige Wehen, die mich in der 29. Woche dann noch einmal ins Krankenhaus brachten. Mir wurden zur Lungenreifung des Babys Cortison gespritzt und ich wurde an die Tokolyse angeschlossen. Die Infusionen lösten bei mir unangenehme Nebenwirkungen wie Tachykardie, starke Unruhe und Schluckbeschwerden aus, weshalb ich nach zwei Tagen auf Wehenhemmern in Tablettenform umgestellt wurde. Diese Medikamente - zusammen mit Betablockern und Valium gegen die Nebenwirkungen – nahm ich bis Ende der 37. SSW ein. In der 38. SSW wachte ich gegen 1 Uhr nachts auf, weil Fruchtwasser abging. Da das Köpfchen unseres Sohnes schon lange fest m Becken lag, war keine Eile angesagt. Ich stand am nächsten Morgen gegen 8:00 Uhr auf – und die Fruchtblase entleerte sich endgültig und in einem großen Schwall. Ich duschte noch schnell, da setzten auch schon starke Wehen ein. Mein Mann und ich fuhren los Richtung Krankenhaus, unterwegs hatte ich erneute 2 heftige Wehen. Im Kreißsaal angekommen, wurde ich erst einmal untersucht und die Dienst habende Hebamme stellte fest, dass mein Muttermund noch fest verschlossen war. Angesichts der Tatsache, dass ich Erstgebärende war, rechnete sie mit einem langwierigen Geburtsverlauf. Denkste. Um 9:30 Uhr kam ich im Kreißsaal an, um 9:40 Uhr begann ein einziger Wehensturm, nach 20 Minuten war der Muttermund vollständig eröffnet, es folgten ein paar Presswehen und um 10:16 Uhr wurde unser Sohn geboren. Eine sehr schnelle und sehr schmerzhafte Geburt war geschafft.

Als ich mich von der Schwangerschaft einigermaßen erholt hatte, begann ich mit einer umfangreichen Recherche zum Thema Hyperemesis Gravidarum. Die im Internet publizierten Leidensberichte anderer betroffener Frauen zeigten, dass sie alle ähnlich mit dem Unverständnis ihrer Umwelt und einer unverschämten und demütigenden Behandlung durch das Klinikpersonal konfrontiert worden waren. Deutlich wurde aber auch, dass die Ignoranz gegenüber dem Thema in Deutschland weit größer zu sein scheint als beispielsweise in England, Kanada oder den USA. Typisch für die Einstellung vieler deutscher Ärzte ist eine Psychologisierung der Erkrankung. Im Ausland ist man über dieses Stadium längst hinweg. Herrschende Meinung der Mediziner ist: Es ist ein Irrtum, die Ursache in psychischen Faktoren zu suchen; sehr wohl aber leiden die betroffenen Frauen psychisch - als Folge der HE. Verschiedene Theorien zur Ursache der HE grav. werden parallel diskutiert. Darunter einer Unverträglichkeit der Hormone HCG und des in der SS ebenfalls stark ansteigenden Östrogens; Störungen der Schilddrüse, gastro-neuromuskuläre Fehlfunktionen, Helicobacter -Besiedlung…
Eine erschöpfende Erklärung konnte bislang niemand finden. Schaut man sich die sehr ausführlichen und sehr hilfreichen Internetseiten www.hyperemesis.de (deutsch), www.helpherorg.com (USA) und www.hyperemesis.org.uk (GB) muss man zu der Erkenntnis kommen, dass das Risiko einer HE bei einer erneuten SS sehr hoch ist. Es wird von einer Studie berichtet, die ergab, dass dieses Risiko bei ca. 75% liegt. Tatsächlich aber – so die übereinstimmenden Erfahrung der Betroffenen selbst – hat sich bislang kaum eine Frau finden lassen, die in Anschluss an eine HE-Schwangerschaft eine HE-freie Folgeschwangerschaft genießen konnte. Offensichtlich trifft hier der Spruch „Jede Schwangerschaft ist anders“ nicht zu.


Zweite Schwangerschaft:

Tatsächlich dauerte es vier Jahre, bis ich innerlich bereit war für eine zweite Schwangerschaft. Die Erinnerungen an die schlimme Zeit waren verblasst und ich war – all meiner Recherche zum Trotz - überaus optimistisch, was mein Befinden in einer erneuten SS anging. An einem Abend im März 2006 setzte plötzlich eine unglaubliche Übelkeit ein, die mich quasi umwarf. Ich musste mich hinlegen und konnte gar nicht fassen, wie schlecht mir war. Eine solche intensive Übelkeit war mir bislang nur in einer Phase meines Lebens widerfahren: in meiner ersten Schwangerschaft. Ich schaute unter äußerster Anstrengung in meinen Zykluskalender. Hm, Verkehr mit meinem Mann war erst neun Tage her, meine Periode war also erst in 10 Tagen fällig. Anzeichen einer Schwangerschaft konnte diese Übelkeit also nun wirklich nicht sein. Dachte ich… Die Übelkeit flaute schließlich wieder etwas ab blieb aber in geringerem Ausmaß auch die nächsten Tage bestehen. Misstrauisch entschied ich mich am 28. Zyklustag zu einem Schwangerschaftstest, der dann auch tatsächlich positiv ausfiel. Ich vereinbarte einen Termin bei meiner Frauenärztin. Im Sprechzimmer konnte ich mich vor Übelkeit kaum noch auf den Beinen halten. Auf dem Ultraschallbild war lediglich hoch aufgebaute Gebärmutterschleimhaut zu erkennen – konnte ja auch nicht mehr sein zu diesem Zeitpunkt. In Erinnerung an meine erste Schwangerschaft gab meine Ärztin mir ein Rezept für Postadoxin mit. Vielleicht könne die frühzeitige Einnahme des Medikaments ein Verschlimmern meiner Übelkeit verzögern? Ich nahm die erste Tablette drei Tage später, als die Übelkeit merklich schlimmer wurde und ich morgens außer einem Tee nur noch ein Stückchen Banane herunterbekam. Aber – wie schon in der ersten SS: Postadoxin hilft absolut null bei mir. Innerhalb von ein paar Tagen verschlechterte sich mein Zustand dann drastisch. Ich übergab mich alle 6 – 7 Minuten, ich konnte nichts mehr bei mir behalten und dann auch gar nichts mehr – keinen Bissen und keinen Schluck – zu mir nehmen. Ich bekam bei meiner Hausärztin ambulante Infusionen mit Ringerlösungen und Glukose, aber mein Zustand war so nicht mehr zu stabilisieren. Ich war erst in der fünften Woche schwanger – davon aber bereits die letzten zwei Wochen mit entsetzlicher Übelkeit und seit nunmehr 5 Tagen ohne Essen und Trinken. Meine Frauenärztin war leider im Urlaub (hatte mir aber ihre Handynummer gegeben, damit ich sie kontaktieren konnte.) Meine Hausärztin überwies mich ins Krankenhaus und wies darauf hin, dass mehr nötig sein, als nur Flüssigkeit und Vitamine, um mich stabilisieren zu können. Ich weiß, dass es diese Tag war, an dem ich merkte: Ich kann nicht mehr. Die Übelkeit in dieser Schwangerschaft hatte viel früher begonnen und hatte auch zu einem viel früheren Zeitpunkt eine Intensität angenommen, dass ich es einfach nicht mehr ertragen konnte. Dazu kam mein inzwischen vierjähriger Sohn, der zuhause immer ängstlich und besorgt an meinem Bett stand und in seinem wesen kaum wieder zu erkennen war. In dem Moment, als ich würgend und mit Herzrhythmusstörungen auf der Liege in der Hausarztpraxis hing, musste ich erkennen, dass ich an dem Punkt angelangt war, an dem ich nicht mehr konnte. Diesen Zustand konnte ich keiner weiteren Wochen geschweige denn Monate ertragen. In der ersten SS hatte ich noch die Nächte gehabt, in denen das Übergeben nachließ. In dieser SS blieben mir nicht einmal mehr die Nächte zur Erholung. Ich erbrach mich rund um die Uhr! Es war in diesem Moment, dass ich mich zum Abbruch entschloss. Mein Mann rief in meinem Namen Meine Frauenärztin an, um die weitere Vorgehensweise abzustimmen – ich war längst nicht mehr zum telefonieren in der Lage. Meine Ärztin empfahl die Kontaktaufnahme mit der Solinger ProFamilia Beratungsstelle, deren beratende Ärztin uns ein sofortiges Gespräch zusagte. Die Beratungsstelle war im zweiten Stockwerk und ich weiß heute nicht mehr, wie ich dort hinaufgekommen bin. Ich weiß nur noch, dass ich würgend und weiterhin mit Herzrhythmusstörungen irgendwie auf dem Sessel im Beratungszimmer hing und mit Hilfe meines Mannes der Ärztin meine Situation schilderte. Sie war unglaublich verständnisvoll, sagte mir jede Hilfe zu und stellte mir schließlich eine medizinische Indikation für den SS-Abbruch aus. Erleichtert und traurig zugleich fuhren wir dann in das städtische Krankenhaus. Was ich hier erlebte, stelle meine schlimmen Erfahrungen während der ersten SS weit in den Schatten. Für die Ärzte vorort bedeutete Hyperemesis grav. Und deren stationäre Therapie Folgendes: Schwangeren wird in der 8. bis 12. SS-Woche verstärkt schlecht, sie übergeben sich und wenn sie sich dadurch geschwächt fühlen, kommen sie ins Krankenhaus, wo sie innerhalb von wenigen Tagen mit Hilfe von Vomex-Infusionen wieder auf die Beine kommen und gestärkt und nachhaltig erfrischt entlassen werden. Dass es auch ausgeprägtere Formen der Hyperemesis gibt, davon wollten weder die Ärzte noch die Schwestern etwas wissen. Sie interessierte mein Verlauf der ersten SS nicht, sie wollten nicht von meinen Erfahrungen mit bzw. Unverträglichkeiten gegen die einschlägigen Medikamente wissen, sie nahmen keinen Kontakt mit der Ärztin von der ProFamilia oder meiner Gynäkologin auf – und erst recht wollten sie kein Gespräch mit mir. Dass ich in diesem Moment aufgrund meiner Leidensgeschichte und meiner umfangreichen Recherchen vielleicht (oder sogar ganz bestimmt) etwas größeres Fachwissen bezüglich meiner Problematik hatte, stieß den Herren und Damen der Medizin mehr als sauer auf und wurde strikt ignoriert. Sie hatten ihr Bild und ihre Vorstellung und damit basta. So beschränkte sich meine Behandlung auf das Geben von Infusionen mit Ringerlösung, Glukose und Anemet. Anemet wird Chemopatienten gegen die Übelkeit verabreicht. Bei mir zeigte es keinerlei positive Wirkung gegen die Übelkeit, wohl aber üble Nebenwirkungen wie Atemprobleme und Herzrhythmusstörungen. Ich machte die Ärzte darauf aufmerksam, bekam aber zu hören, diese Nebenwirkungen habe das Medikament nicht. (Wie ich später noch schreiben werde, ist das eine Lüge.) Die „Pflege“ der Krankenschwestern beschränkte sich auf das An- und Abschließen der Infusionen und der sporadischen Entsorgung der von mir gefüllten Brechschalen. Da ich erstens kaum aufstehen konnte und zweitens die Ärzte mich gebeten hatten, das Erbrochene jeweils den Schwestern wegen eventueller Blutbeimischungen zu zeigen, klingelte ich also regelmäßig nach den Schwestern mit der freundlichen Bitte, die gebrauchte Schale zu entsorgen und mir eine neue zu bringen. Die Schwestern guckten dann kurz ins Zimmer, nahmen genervt meine Bitte zur Kenntnis, murmelten was von später und verschwanden dann wieder – meist ohne wieder zu kommen. So saß ich dann des öfteren mit einer überlaufenden Brechschale auf meinem Bett und war froh, wenn endlich doch mal jemand hereinkam, die Schale entsorgte und mein mittlerweile ebenfalls in Mitleidenschaft gezogene Bettwäsche wechselte. Das war wirklich entwürdigen. Hätte ich nicht wirklich sehr nette und hilfsbereite Zimmergenossinnen gehabt, wäre ich völlig vor die Hunde gegangen. Dese beiden Frauen waren (außer meinen Besuchern natürlich) die einzigen Menschen, die mich fragten, wie es mir ging, oder ob sie mir etwas zu trinken holen könnten. Von den Krankenschwestern kamen – die altbekannten Sprüche – „Freuen Sie sich mal auf Ihr Kind“ oder „Das ist alles reine Kopfsache“. Einer Schwester war ich offensichtlich nicht dankbar genug dafür, dass ich statt der Standard-Vomex-Infusion das teure - und bei mir nutzlose - Anemet bekam. Sie sagte nämlich, wenn ich weiterhin so jammere, werde sie mir dieses kostspielige Medikament nicht mehr geben, Dafür ist das zu teuer und zu schade! Außerdem habe sie selbst zwei Kinder. „Mit schwierigen Schwangerschaften?“, fragte ich nach. „Nein.“ Häääh? Tja, aber diese ganzen Sprüche kennt ihr ja selbst.
Was das Essen und Trinken angeht: Zu den Essenszeiten kam ab und zu eine Schwester und machte mich darauf aufmerksam, dass ich jetzt zum Buffet gehen könne, um mir mein Essen zu holen. Ich sagte dann jedes Mal, dass ich ja gar nicht aufstehen und zum Essen gehen könne und mich auch gar nicht in der Lage sei, etwas zu essen. An mein Bett bekam ich keine Mahlzeit. Ich hätte sie zwar ohnehin nicht essen können, aber die Tatsache, dass es keinen Menschen interessierte, ob ich esse oder trinke, fand - und finde – ich mehr als bedenklich. Halt, einmal brachte mir eine Schwester eine Mahlzeit ans Bett – 13 (hab ich ungläubig nachgezählt) Zwiebäcke mit der Aufforderung: „Essen!“. Mittlerweile hatte ich übrigens fast eine Woche weder gegessen noch getrunken. Aber das interessierte keinen Menschen. Witzig finde ich im Nachhinein auch die Idee, mir Valium zu verabreichen. Eine Schwester legte mir eine Valiumtablette hin und sagte.“ Nehmen Sie das!“ Ich fragte natürlich erst einmal nach, was das denn sei. Dann meinte ich: “Erstens bin ich lethargisch genug – auch ohne Beruhigungsmittel und zweitens kann ich gar keine Tablette schlucken aufgrund meines Brech- und Würgereizes.“ Darauf die Schwester: „Ach, sie haben Brechreiz?“ Das nur mal so zum Thema Aufmerksamkeit und Interesse des Personals!

Ich vegetierte vor mich hin, übergab mich und würgte den ganzen Tag und die ganze Nacht. Ich hatte die Ärzte auf meinen Abbruchwunsch und die medizinische Indikation von der ProFamilia hingewiesen. Ich hatte mir selbst die Tage im Krankenhaus las einen letzten Aufschub und als letzten Versuch vorbehalten, aber die Situation im Krankenhaus wurde nicht zuletzt durch das Verhaltender Ärzte- und Schwesternschaft nur noch unerträglicher. Den Höhepunkt erreichte das Fiasko an einem Nachmittag, als ich wieder einmal an eine Anemet-Infusion angeschlossen war. (Auf mein Drängen hin, war die Dosierung des Medikaments wegen der – laut Ärzte aber eigentlich nicht möglichen – Nebenwirkungen heruntergefahren worden.) Ich hatte Probleme zu atmen und bekam starke Herzrhythmusstörungen. Mein Mann war gerade zu Besuch und lief sofort raus auf den Gang. Dort saßen ein Arzt und eine Schwester. Mein Mann schilderte, was los war und bat den Arzt, sofort mit zukommen. Der Arzt weigerte sich und schickte stattdessen die Krankenschwester, die meinen Blutdruck überprüfen sollte. Das tat sie – und zwar auf unglaublich grobe, genervte und nachlässige Art und Weise. Sie befand den Blutdruck als in Ordnung und sah überhaupt keinen Grund, irgendwelche anderen Untersuchungen zu veranlassen. Ich konnte nicht mehr und hab sie gefragt, warum sie so unfreundlich zu mir sei. Sie zuckte bloß mit den Schultern und meinte auf Nachfragen meines Mannes, dass ich einfach den sterbenden Schwan markierte und mich mal nicht so hängen lassen solle. Ich hab sie dann gebeten, mein Zimmer zu verlassen. Draußen auf den Gang kam es dann noch zu unschönen Szenen zwischen meinem Mann und dem Arzt und der Schwester. Mein Mann wollte z.B. wissen, was denn jetzt medizinisch noch für mich getan werde. Einfach nur Ringerlösung könne doch wohl nicht ausreichen, schließlich hätte ich ja schon über eine Woche nichts mehr getrunken oder gegessen. Die Schwester mischte sich ein und meint, das stimme nicht, ich äße sehr wohl. (?!) Mein Mann hat das vehement verneint und gefragt, wie sie darauf komme. Ihre Antwort: Von einem der Zwiebacke fehle ein Stück. (Das hatte mein Sohn bei einem seiner letzten Besuche gegessen.) Der Arzt seinerseits ließ sich auf kein Gespräch ein und gab keine Antwort.
Nach diesem Vorfall wollte ich das Krankenhaus sofort verlassen, war aber nicht dazu in der Lage. Ich insistierte auf den Abbruch und man teilte mir schließlich mit, dass ich am nächsten Tag nach Hause gehen solle, um dann wieder zwei Tage später in die Tagesklinik aufgenommen zu werden, wo der Abbruch stattfinden sollte. (Die Entlassung statt Verlegung war angeblich aus abrechnungstechnischen Grünen nötig. Eine Behauptung, die sich später nicht bestätigen ließ.) Ich wurde also am nächsten Tag tatsächlich entlassen – in einem Zustand, wie er erbärmlicher nicht hätte sein können. In einem Abschlussgespräch machte mich der Arzt darauf aufmerksam, dass ich nicht glauben solle, mit dem Abbruch seien meine Probleme vorbei. Die würden erst danach richtig beginnen. Das bisschen Übelkeit rechtfertige ja wohl keinen Abbruch. Eine SS bringe nun mal Veränderungen mit sich. Der schlimmste Fehler, den ich gemacht hätte, sei der gewesen, nicht meinen normalen Alltag aufrechterhalten zu haben usw. All dies zeigte mir, wie unwissend der Arzt war. Eine Unwissenheit, die er auch nicht bereit gewesen war, durch Gespräche mit mir, meine Frauenärztin, eigene Recherche etc, zu verringern.
Im vor der Entlassung noch geführten Gespräch mit der Anästhesistin zeigte sich, dass ich aufgrund meiner schlechten körperlichen Verfassung und meines entgleisten Elektrolytehaushalts (besonders alarmierend war der Kaliummangel) keine Vollnarkose würde bekommen können. Stattdessen wurde – für mich notgedrungen – eine Spinalanästhesie vereinbart. Nach dem Gespräch wurde ich quasi vor die Tür gesetzt. Mein Mann brachte mich mit dem Rollstuhl bis zum Ausgang und legte mich vor dem Krankenhaus auf einer Bank ab, um das weiter weg geparkte Auto zu holen. In diesem Zeitraum kamen mehrere Fußgänger und ein Taxifahrer zu mir, die offensichtlich dachten, ich hätte es nicht mehr ganz bis in die Klinik gebracht und wollten mich mit den Worten „jetzt haben Sie es ja fast geschafft“, ins Krankenhaus zu bringen. Tja, die schauten ziemlich ungläubig, als ich ihnen mitteilte, dass ich gerade entlassen worden sei. Auf dem Weg nach Hause, übergab ich mich noch mehrmals – große Mengen Blut. Meine Speiseröhre und mein Magen konnten nicht mehr. Wie ich die zwei Tage bis zum Abbruch überstanden habe, weiß ich nicht mehr. Ich war unglaublich schwach, hatte ja mittlerweile seit fast 10 Tage nichts mehr zu mir genommen und erbrach große Menge einer dunkelorange farbenen Flüssigkeit (keine Ahnung, was das war, die Ringerlösung war ja farblos) mit Blutbeimischungen. Damit mein Kaliummangel nicht noch größer wurde und der Abbruch überhaupt durchgeführt wurden konnte, bekam ich in meiner Hausarztpraxis riesige Mengen entsprechender Infusionen. Die Ärzte dort waren mehr als geschockt, wie ich in diesem Zustand hatte entlassen werden können.
Tja, irgendwie schaffte ich die zwei Tage und wir fuhren in die Tagesklinik. Das erste, was der dort Dienst habende Arzt zu mir sagte, war: „Was lassen Sie sich denn so hängen. Sie sind doch nicht krank, im Gegenteil.“ Zum Abbruch selbst möchte ich an dieser Stelle nicht viel schreiben. Nur so viel: Die Spinalanästhesie wirkte nicht, (d. h. sie wirkt nicht zu dem Zeitpunkt, als sie wirken sollte. Erst nach dem Eingriff, als ich längst wieder auf dem Zimmer war, wurden meine Beine taub.) - entsprechend schlimm fand ich den Eingriff. Gegen die postoperative Übelkeit bekam ich Anemet, und diesem Mal wirkte es sofort! Ich werde nie das Frühstück vergessen, dass ich eine Stunde nach dem Abbruch zu mir nahm. Endlich essen und trinken! Endlich wieder leben.

Am Tag nach der Entlassung war ich in der Lage, den mitgegebenen Ärztebrief zu lesen. Was darin stand, haute mich vollends um. Es war von einer unerwünschten SS die Rede und dass ich aufgrund einer schweren Persönlichkeitsstörung die SS abgebrochen hätte. Das gleich stand auch im Mutterpass. Hier wurde Abbruch gemäß §218 erwähnt. Sprich: die medizinische Indikation wurde entschieden verneint. Wie verletzend und zutiefst demütigend dieses „Nachtreten“ der Krankenhausärzte für mich war, muss ich wohl nicht erklären. Ich war fassungslos und habe tagelang geweint.

Verschiedene Gespräche, die ich in Anschluss mit Ärzten geführt habe, zeigten schließlich noch, wie viele Behandlungsfehler den Ärzten unterlaufen waren. Zusammenfassend kamen die einzelnen Ärzte zu folgenden Schlussfolgerungen:

Völliges Verkennung bzw. Fehleinsachätzung der Situation durch die Krankenhausärzteschaft, die bis zu meiner Lebensgefährdung geführt hat:
- Anemet z.B. hätte ich in meinem Zustand gar nicht bekommen dürfen. Bei entgleistem Elektrolytehaushalt kann das Medikament zu schweren Herzproblemen führen…(Ich habe noch heute Herzrhythmusstörungen bei körperlicher Belastung)
- Es hätten aufgrund meiner Beschwerden EkG oder andere entsprechende Untersuchungen durchgeführt werden müssen
- bei Kaliummangel darf keine isolierte Gabe von Glucose erfolgen. Dass kann ebenfalls zu Herzproblemen führen.
- Mein Zustand hätte durch die bloße Gabe der Ringerlösung auf keinen Fall dauerhaft stabilisiert werden können. Lebensnotwendig wäre ein zentraler Zugang zur künstlichen Ernährung gewesen.
- Usw.

Tja, jetzt muss ich diese ganze Zeit erst einmal gründlich verdauen. Nach Vermutung einer der Ärztinnen reagiert mein Immunsystem auf irgendein Eiweiß des Embryos. Das erklärt auch den frühen Beginn meiner Übelkeit. Wenn man zurückrechnet, fing die Übelkeit ca. 9 Tage nach erfolgreicher Befruchtung an – sprich: um den Tag der Einnistung herum. Alle Ärzte raten mir kategorisch von einem erneuten Versuch ab. Aber zu meiner Lebensplanung gehören nun einmal 2 Kinder. Ich denke, in ein oder zwei Jahren werde ich es noch einmal wagen – mit Hilfe von Zofran, von dem ich erst in diesem Forum erfahren habe.