Anna

 
Diesen Bericht habe ich von Anna bekommen.Sie ist 26 Jahre alt, ihre Tochter mittlerweile 14 Monate und sie berichtet von ihrer ersten Schwangerschaft (19.12.2006)
 

Im August 04 zogen mein Freund und ich nach Schweden. Ich war noch nie zuvor in diesem Land gewesen. Es ist Deutschland so ähnlich und gleichzeitig war es so ungewohnt, anders.
Ich vermisste die Laubbäume ganz furchtbar. Ich vermisste meine engsten Freunde und Leute, mit denen ich mich, ganz ohne Anstrengung, unterhalten konnte. In die neue Sprache kam ich nicht so mühelos rein, wie ich erwartet hatte. Dann kam der Winter, es wurde dunkler, ich konnte mich nicht mehr überwinden aufzustehen, oder etwas zu tun. Lichtmangel. Mit einer sogenannten Lichtlampe wurde es wieder besser. Weihnachten/Sylvester bekamen wir Besuch von meiner Schwester und ihrem Freund. Wir genossen den Schnee, alles war wieder gut.
Kurz nach diesem Urlaub wurde ich Schwanger.
Es begann damit, das mir Morgens in der Schwedisch Schule sehr flau im Magen wurde. Da dachte ich noch, es käme vielleicht davon, das ich noch nichts gegessen hatte.
Sobald ich etwas aß, Karotten oder Rosinen, war es wieder gut.
Dann blieb meine Regel aus. Ein Schwangerschaftstest war schnell gemacht und als wir noch auf das Ergebnis warteten, hoffte ich schon, das ich wirklich schwanger wäre.
Was ich ja war.
Unsere Situation war alles andere als gut, wir hatten noch keine Arbeit gefunden, konnten nicht viel Schwedisch zu dem Zeitpunkt und unsere Ersparnisse sanken.
Trotzdem wusste ich: Dieses Kind will ich haben, Abtreibung ausgeschlossen.
Mein Freund bat um fünf Minuten, in denen er sich aufs Sofa setzte und durchatmete. Ich weiß nicht, was er dabei dachte, es wird wohl so einiges gewesen sein.
Danach nahm er mich in die Arme und sagte: Wir werden Eltern!
Ab dem Zeitpunkt wurde mir öfter schlecht, es spielte keine Rolle, welche Tageszeit gerade war, doch ich konnte es mit essen recht gut in Schach halten oder gleich hinlegen.
Wir bekamen einen Termin bei der Hebamme, die mich wog und allerlei Dinge fragte. Da wog ich 53 kg, hatte also schon ein Kilo zugenommen, bei einer Körpergröße von 1,70 war ich immer recht zierlich gewesen. Anhand einer Scheibe und meiner Menstruationsaufzeichnungen war ich in der 8. Woche.
Gegen die Übelkeit, die langsam belastend wurde, bekamen wir diesen Ratschlag: Das geht vorbei.
Wir zogen um, Kisten einpacken bekam ich noch hin, beim ersten Mal kochen in der neuen Wohnung wurde mir vom Geruch so schlecht, das ich es heute noch nicht wieder mag.
Ich ließ Kisten Kisten sein und verkroch mich im Bett, aus dem ich nicht so schnell wieder aufstand.
Das Kotzen nahm seinen lauf.
Ich wurde Experte darin, welche Dinge ich vermeiden sollte, weil sie auf umgekehrtem Wege so unglaublich wiederlich waren. Dazu gehörte Milch. Doch gerade die half mir anfangs noch so manches mal. Später nicht mehr.
Mein Freund war ganz toll. Er schleppte alles an, worauf ich Appetit hatte, selbst wenn ich es dann nicht anrührte. Er schleppte alles an, was helfen sollte, von dem wir gehört oder gelesen hatten, er schleppte alles an, was unzählige andere Menschen ihm geraten hatten.
Er fühlte sich scheußlich hilflos.
Wir bekamen sehr viel Mitgefühl von vielen Seiten. Das einzige "reiß dich zusammen, ich komm dich Besuchen dann geht es dir besser" kam ausgerechnet von einer Deutschen.
Ich lag nur noch in einer Art dämmerzustand auf dem Sofa/Bett und war froh, wenn ich schlafen konnte.
Es ging nicht 24 Stunden am Tag, aber doch sehr viel und da war mir nicht schlecht.
Es strengte mich an, wenn mein Freund da war, ich auch nur ein brummen von mir geben musste. War er nicht da, gab es keinen, der mir etwas bringen konnte, denn ich selbst war zu "ausgekotzt". Oftmals lag allerdings das halbe Toast unberührt noch da, wenn mein Freund vom einkaufen oder ähnlichen Dingen wiederkam.
An anderen Tagen konnte ich mit meiner Mutter telefonieren, was mir in der Seele gut tat, jedoch musste ich danach erstmal zum Klo.
Oft hing ich über dem Waschbecken, es kam sowieso nur Galle raus und ich konnte dann auf dem Klo sitzen und meine Stirn am Waschbecken kühlen.
Um mein Baby hatte ich keine Angst. Ich war mir sicher, das es sich holen würde was es brauchte, das es zuerst mir "an den Kragen gehen" würde und ich war ja noch da.
Ich redete viel mit dem Baby. Ich war mir sicher, das es eine Mia werden würde. Ich gab uns Reiki. Das war fast das einzige, was ich noch tat. Es half bloß nicht. Oder wäre es mir ohne Reiki noch schlechter ergangen? Ich fragte mich, warum ich noch nicht mal etwas so natürliches wie schwanger sein hinbekäme.
Von Hyperemesis Gravidarum habe ich die ganze Schwangerschaft über nichts zu hören bekommen. Erst viel später, durch zufall.
Meine beiden Katzen wichen kaum noch von meiner Seite. Die fanden es sicher toll, den ganzen Tag mit mir auf dem Bett zu liegen.
Ich dachte an Abtreibung. In dem Sinne, das ich diese Situation nicht mehr wollte. Das Baby wollte ich. Ich dachte auch daran, wie schön es wäre, gar nicht mehr zu sein.
Aber im Grunde war mir alles nur noch egal.
Ich weiß genau, ohne meinen Freund wäre ich gestorben. Wir kannten ja noch kaum jemand, die Familie weit weg, wer hätte also nachschauen sollen? Ich wäre im Bett liegen geblieben, bis nichts von mir über geblieben wäre.
Ich habe garnichts mehr hinbekommen.
Ich habe nicht mal mehr versucht etwas hinzubekommen.
Dann fing ich an, auch Wasser wieder auszukotzen, sofort nachdem ich es getrunken hatte.
Da wurde es meinem Freund mulmig.
Und er wurde wütend, waren wir bisher doch immer mit "das ist normal, das geht vorbei" vertröstet worden.
Ich weiß nicht, ob es an der Sprache lag, vielleicht mit. Ich glaube, sie haben es wirklich nicht so mitbekommen und ich konnte mich nicht genug ausdrücken.
Aufjedenfall hat mein Freund auf eine Arztuntersuchung bestanden. Die Hebamme hielt das nicht für nötig.
Ich habe draußen in der Kälte gesessen, an der frischen Luft und er musste mir bescheid sagen, als ich dran kam. Von der Luft drinnen wurde mir nicht nur schlecht, sondern auch schwummerig.
Blutabnahme, Urinuntersuchung, ab ins Krankenhaus. Wir wurden nicht informiert, wir wussten nicht, warum ich jetzt so dringend ins Krankenhaus sollte, wo es doch eben noch hieß, alles wäre nicht so schlimm, Das nächste Krankenhaus war 100km entfernt und da unser Geld knapp war, würde mein Freund mich eher selten besuchen können, also fragten wir, ob ich nicht zu Hause bleiben könnte, mit irgendwelchen Medikamenten. Nein, das ging nicht.Beginnende Austrocknung.
Also kam ich ins Krankenhaus.
Dort durften wir zum ersten Mal unser Baby auf Ultraschall sehen, ein Lichtblick!! Die Ärztin konnte gut deutsch und war super nett. Sie sagte, sie wollte gucken, ob ich vielleicht Zwillinge bekommen würde, weil die Schwangerschaften oft schwieriger wären. Dem war nicht so.
Ich war in der 11. Woche.
Gewogen wurde ich auch, 49kg.
Dann schlich ich in mein Zimmer, das ich ganz für mich hatte und mein Freund fuhr nach Hause.
Ich bekam einen Tropf, von dem ich nicht mehr weiß, was drin war, Wasser und Aufbauzeugs, keine Medikamente.
Sie jagten es so schnell durch, das ich jede Stunde, auch Nachts, auf Klo musste. Essen sollte ich erstmal nichts, damit der Magen sich beruhigen konnte. Ich hatte auch gar keinen Hunger.
Alle waren sehr nett und hilfsbereit (dusch mal mit Tropf, Abenteuer für sich, auf jedenfall bei mir), sie ließen mich in Ruhe, keiner weckte mich um Betten zu machen, oder ähnliches.
Es ging mir besser, bekam Tabletten, von denen bekam ich Magenschmerzen, dagegen bekam ich andere Tabletten.
Langsam und sehr vorsichtig begann ich zu essen, es blieb drin.
Nach einer Woche wollte ich nach Hause.
Durfte ich dann auch.
Da wurde mir erst wieder schlecht und zurück ins Bett, weil die Apotheke die Tabletten nicht vorrätig hatte.
Aber dann ging es aufwärts!
Also ca.12. Woche.
Ein paar Tage blieb ich noch im Bett und sammelte Kräfte, hatte im Kh noch ein weiteres Kilo verloren, doch dann konnte ich zu mir selber sagen: Jetzt reißt du dich zusammen. Ich stand auf und begann die Wohnung zu putzen. Dafür brauchte ich drei Tage, so fit war ich also noch nicht.
Aber mächtig stolz.
Dann fuhren wir nach Deutschland, es war schon lange geplant. 5 Stunden fahren, 5 Stunden schlafen im Wechsel war gar kein Problem für mich.
In Deutschland fuhren wir zu dem Heilpraktiker, der auch den Vater meines Freundes wegen MS behandelt. Dort bekam ich Akupunktur unterhalb der Kniescheiben, Nux Vomica D6 und Zinkdragees zum mit Wasser runter schlucken.
Dazu eine Kessler Platte. Eine kleine Runde Scheibe, ich weiß nicht aus welchem Material, die ich auf den Solarplexus kleben sollte. Die hilft mir heute noch ganz toll, wenn mir übel ist!
Er war entsetzt über mein tolles Medikament, das ich zu lieben begonnen hatte. Er meinte, man würde viele andere Dinge probieren können, eh man das hier verschreibt, ein Psychopharmaka, nicht sicher, ob es dem Kind schadet.
Da es süchtig machend ist, durfte ich es nur vorsichtig absetzen.
Koffeein war auch mit drin, deshalb war ich so wach und fit.
Damit war meine beste Zeit fast vorbei, denn mit beginn des Absetzens wurde mir wieder öfter übel, ich war wieder kaputter.
Im Gegensatz zu vorher ging es mir allerdings blendend.
Dort, im Kreise unserer engeren Freunde und Familie stieß ich nicht auf so viel Verständnis wie in Schweden.
"Anna ist ja auch RICHTIG schwanger" mit herablassendem Unterton war ein Satz den ich hören durfte, als ich mich nach langem Picknicktag eher nach drinnen verzog, auch der Vater meines Freundes, der Höhen und Tiefen durch seine MS kennen müsste, erzählte mir, ich müsste doch jetzt auf jedenfall spazieren gehen, an die frische Luft, gesund sein, als ich einen schlechteren Tag hatte. (Er wollte auch nicht raus)
Im sechsten und siebten Monat noch super schlank mit langsam immer runderem Bäuchlein, begann ich plötzlich aufzuschwemmen, fast von nichts zu einem Walroß zu mutieren, sogar meine Zehen waren dick geworden!
Als ich 20 Kilo mehr als beim ersten wiegen hatte, erklärte mir die Hebamme, der Rest wäre nicht mehr fürs Baby, ich sollte etwas auf die Ernährung achten. Ich lebte von Toast mit Nutella und Chokos, denn die halfen mir, das es mir gut ging.
Ich versuchte etwas zu verändern, doch als mir wieder übel würde, war es mir so egal, wie viele Kilos noch dazu kommen würden, hauptsache, es ging mir gut.
76 Kilo wog ich zum Schluß.
Und wir bekamen eine Tochter. Unsere Mia.
3975g und 51cm.
Sie kam am Geburtstag meiner Mutter zur Welt.
Mein Freund hat mehr Angst vor einer erneuten Schwangerschaft, als ich.
Aber auch ich sage, ich will das nicht nochmal erleben und wie soll es dann mit Mia gehen?
Noch ein Kind wollen wir beide trotzdem und die Geburt war so schön, auch das wollen wir gerne nocheinmal erleben.
Ich werde mich auf Helicobacter testen lassen und mal sehen, ob wir dann nocheinmal den Mut finden.
Ich weiß jetzt ja auch, das es schlimmer geht.

Dies ist nun ein sehr langer Bericht geworden und ich könnte noch so viel mehr schreiben...
Ich überlege auch, ob ich das alles mal als Buch zusammenfasse, es waren zwei heftige Jahre, zusammen mit dem Umzug nach Schweden.
Mach es gut,
deine Anna