Charlie

 
Charlie ist bereits zum zweiten Mal schwanger.Sie hat schon in ihrer ersten Schwangerschaft einige unmögliche / unschöne Dinge erlebt (16.09.2007)
 
Liebe Chrissi,



ich bin 35, jetzt zum 2. Mal schwanger und liege wie beim ersten Mal mit Diagnose Hyperemesis überwiegend im Bett.

Ich möchte heute meine Erfahrungen damit loswerden:



Meine 1. Schwangerschaft liegt gut 2 Jahre zurück. Mein Mann und ich warteten damals schon sehnsüchtig darauf, dass es endlich klappt und wir waren beide überglücklich, als ich endlich schwanger war.

Soviel zum Thema Hyperemesis hat psychische Ursachen!

Von morgendlicher Übelkeit war anfangs nichts zu merken. Allerdings musste ich mich schon bald jeden Abend übergeben. Da ich Lehrerin bin dachte ich: Wunderbar, so hab ich keine Probleme damit in der Schule.

Ab dem Tag, an dem ich mich bereits morgens auf dem Weg zum Bus ins Gebüsch übergeben musste, blieb ich zuhause. Die Kotzerei nahm zu, mein Gewicht ging runter usw. Globuli halfen nichts, nur Vomex.



Hier nun die Highlights:

- Meine Frauenärztin schrieb mich immer wochenweise krank, weil „es geht bestimmt von heute auf morgen wieder weg“. Das hatte für meine Schule zur Folge, dass sie keinen Ersatzlehrer gestellt bekamen. Mein Chef sprach daher mit der FA, sie blieb aber bei der wochenweisen Krankschreibung. Daher bat mich der Chef zum Gesundheitsamt zu gehen. Er hätte mit denen schon geredet und die würden mich dann länger krankschreiben, so dass er eine Aushilfe bekommt. Also gut, habe mich dorthin gequält. Ewiges Warten auf einer Behörde, der Traum einer Schwangeren mit Hyperemesis. Dann die Ärztin dort, sehr nett und auch verständnisvoll. Kurze Unterhaltung, keine Untersuchung (das hätte auch alles telefonisch gemacht werden können) und dann war sie der gleichen Meinung wie meine FA. Der ganze Stress für mich also für die Katz! Aber das Beste kommt noch: Mit meiner FA machte mein Chef dann folgendes aus: Ich sollte mal versuchen, wieder zu unterrichten und wenn’s nicht klappt, schreibt sie mich länger krank. Könnt ihr euch das vorstellen! Ich fuhr, ordentlich gedopt mit Vomex, mit dem Bus und Kotztüten bewaffnet in die Schule. Ich unterrichtete 2 Stunden, in denen ich immer wieder nur am überlegen war: Rennst du jetzt raus zur Toilette oder übergibst du dich vor den Augen der Schüler in den Mülleimer? Aber dank Vomex ging alles gut. Erst in der Pause schaffte ich es gerade noch zur Toilette. Erinnert ihr euch noch an eure Schultoiletten und deren Sauberkeit? Selbst ein gesunder Mensch, der sich vor so was hinkniet, wird sich übergeben müssen! Ich habe den Unterrichtsversuch als misslungen abgehakt, musste mir allerdings noch von der Stellvertretenden Direktorin den Tipp anhören: „Nehmen Sie halt immer eine Tüte zur Sicherheit mit ins Klassenzimmer.“ Wow! Meine FA schrieb mich danach für ganze zwei Wochen krank.



- Auch mir blieb ein KH-Aufenthalt nicht erspart. Meine FA wies mich Freitag ein, rief vorher sogar dort an, so dass ich gewissermaßen schon erwartet wurde. Ich wurde untersucht und dann auf Station gebracht und mit einem Vomex-Tropf versehen. Da ging es mir schlagartig besser. Ich bekam Kohldampf, aber ich erhielt nur Schonkost (Zwieback etc.). Meine FA hatte mich hauptsächlich deswegen eingewiesen, damit ich wieder aufgepäppelt werde. Wie soll das mit Schonkost funktionieren? Zum Glück brachte mir mein Mann was vernünftiges zu Essen. Es wurde Samstag, kein Arzt war zu sehen. Es wurde Sonntag und eine Schwester teilte mir mit, dass ich heute wieder entlassen werde. Nachmittags kam dann tatsächlich eine Ärztin und meinte: „Im Bett liegen kann ich ja auch zu hause“ und schon konnte ich gehen. Ich war froh darüber, auch wenn es mir dem Vomex-Tropf besser ging als mit den Dragees.



- Zu Beginn der SS hatte ich der FA gesagt, dass ich gerne die Nackentransparenzmessung machen würde. Ich war ja wochenweise bei ihr und fragte irgendwann wieder danach. „Oh, dazu ist es jetzt leider zu spät.“ Das hätten wir früher machen müssen. Ist es meine Aufgabe zu wissen, in welcher SSW die Untersuchen gemacht werden soll? Nun, das war zunächst nicht so schlimm, die Untersuchung war mir nicht so wichtig. Aber dann, 3 Tage vor Weihnachten kam dann der Hammer! Inzwischen ging mein Mann ja immer mit zu den Terminen, weil selber Autofahren ging längst nicht mehr. Wir saßen also im Sprechzimmer wie jede Woche, da meint sie plötzlich: Sie habe erfahren, dass bei Hyperemesis eine erhöhte Gefahr für Down-Syndrom bestünde. Aber da wir ja keine Nackentransparenzmessung machen wollten, hätten wir damit sicherlich kein Problem. Ihre Schwester hatte auch Down-Syndrom und war ein wunderbarer Mensch, der nur leider nicht sehr alt wurde. Mein Mann und ich waren sprachlos. Das deutete sie dann falsch. „Nun, wenn sie kein Kind mit Down-Syndrom bekommen möchte, überweise ich sie an die Klinik zu einer genauen Untersuchung. Danach kann dann der Abbruch vorgenommen werden. Das muss aber noch diese Woche passieren, denn sonst haben sie den gesetzlich erlaubten Termin für SS-Abbrüche überschritten. Überlegen sie sich das bitte in den nächsten 10 Minuten, sonst erreiche ich dort niemanden mehr.“ Es war 3 Tage vor Weihnachten! Wir sind einfach gegangen. Ich habe auf dem Weg zum Auto geheult und mein Mann war nur unglaublich traurig. Nach Weihnachten sind wir zu einem anderen FA. Der hatte zufälliger weiser ein Ultraschallgerät mit 4D und allem Drum und Dran. Der untersuchte mich ausführlich und beruhigte uns dann. Und er schrieb mich gleich für einen Monat krank! Unser Sohn ist übrigens kerngesund zur Welt gekommen.



- 8 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin ging die Übelkeit endlich weg. Was für ein Genuss!



- 4 Wochen vor dem errechneten Termin ist dann morgens um 6 die Fruchtblase geplatzt. Um 7 Uhr habe ich meinen Mann geweckt, um 8 Uhr waren wir in der Klinik und um 9.04 Uhr war der Kleine da. Diese Blitzgeburt hat mich schon für so einiges Leiden in der SS entschädigt!



Jetzt bin ich also zum zweiten Mal schwanger (15. Woche). Wieder andauernde Übelkeit, die Kotzerei ist allerdings nur selten. Dafür schlafe ich gut und gern 14-16 Stunden am Tag. Habe auch erst 2 kg abgenommen! Ich denke, es hat mich nicht so schlimm erwischt wie beim letzten Mal. Ich werde die SS durchstehen, aber es wird sicherlich auch meine letzte SS sein. Mein Mann und fast Freunde und Verwandte sind Gott sei Dank sehr verständnisvoll. Und überraschendesweise kennt jeder jemand, der jemanden kennt…, wo es genauso war. Ich bin also kein Einzelfall und damit auch kein Sonderling. Das war für mich beruhigend!



Was mich traurig macht ist, dass ich bislang noch an keinen Arzt geraten bin, der sich dafür interessiert, was die Ursachen für HG sind. Alle haben irgendwie doch nur die Einstellung: Mit der Geburt ist es vorbei. Wenn man allerdings damit konfrontiert wird, dass man jetzt noch 30 Wochen so vor sich hin vegetieren muss, ist das schon ein Hammer.

Würde ich mein Leben noch mal leben müssen, würde ich die beiden Schwangerschaften wieder durchstehen, denn mit unserem Sohn wurde ich dafür mehr als entschädigt und sicherlich wird’s beim zweiten Kind auch so sein. Das würde ich nie missen wollen. Aber wie gesagt: ein drittes Kind wird es nicht geben!



Ich hoffe, das war jetzt nicht zu ausführlich!



Liebe Grüße,

Charlie