Anna

 
Anna hat ihre 2. und letzte Hyperemesisschwangerschaft geschafft. Sie verlief emotional von Gedanken über Abtreibung bis hin zur vollkommenen Liebe zu diesem Kind.Den Bericht zu ihrer ersten Schwangerschaft könnt ihr unter "Anna" 19.12.06 lesen (25.02.2008)
 
Ende Februar 07 war meine Mutter zu Besuch und da wir viel "Programm" (Leute besuchen, in die große Stadt fahren oder Schnee Ausflüge) machten, kam es vor, das wir nur Kaffee und Kuchen oder essen aus dem Schnellrestaurant aßen.
In den paar Tagen war mein Magen extrem empfindlich und jedes Mal sagte ich: Entweder bin ich wieder schwanger, oder ich habe komisch gegessen. Ich musste aber noch eine Weile warten, eh ich einen Test am 08.März machen konnte. Ich hatte noch nicht einen Tag auf meine Regel gewartet, bloß das komisch-empfindlich-Magen-Gefühl. Ich wollte es wissen, so schnell es ging, zumal ich ein oder zwei Tage auch mit leichter Übelkeit zu kämpfen hatte.
Der Test war positiv, ein zweites und diesmal hoffendlich nicht oder kaum Kotzbaby unterwegs.
Wir riefen die Hebamme an um einen Termin zu bekommen. Ich dachte, der würde in den nächsten ein bis zwei Wochen sein, zumal ich auch von der hyperemesis beim ersten Mal erzählt hatte. Doch ich musste 4-5 Wochen warten.
Es ging dann ganz plötzlich bergab, eigentlich von einem Tag auf den nächsten lag ich nur noch auf dem Sofa, kämpfte mit totaler Geruchsempfindlich- und Übelkeit. Unsere damals 1 1/2 jährige Tochter war sehr lieb, spielte viel um mich rum oder wir besahen Bilderbücher, doch etwas mehr muss man mit einem so kleinen Kind schon tun und das ging kaum mehr. Wenn ich über der Kloschüssel hing, streichelte meine Tochter mir mein Haar.
So blieb Dennis zu Hause. Wir fuhren zum Arzt, dem ich sagte, das mir beim letzten Mal Lergigan comp. geholfen hätte, das ich diesmal gern zuerst Lergigan probieren würde. Der Arzt wollte erstmal nachschauen, ob ich wirklich schwanger bin, denn so früh würde man das eigentlich kaum mitbekommen. Wir mussten sehr lange auf das Ergebniss im Wartezimmer warten, ich lag auf einer Couch und war froh, das sonst keiner da war. Ich war irgendwann auch offiziell schwanger und bekam ohne Probleme mein Medikament.
Es half in dem Sinne, das die Übelkeit besser wurde und die Geruchsempfindlichkeit fast weg war. Das war eine große Erleichterung, da ich es nur in einem kleinen Zimmer mit offenem Fenster aushielt. Jedesmal wenn ich zum Klo musste, hielt ich den Atem an. Das Treppenhaus roch nach altem Teppich, der Flur nach frischer Katzenstreu und -futter, das Bad nach Abfluß und Windeleimer, die Küche war sowieso Tabuzone. Manchmal konnte ich meine Tochter nur mit angehaltenem Atem gute Nacht sagen, sie drücken! Computer ging auch nicht, ich roch den Elektrosmog, der mich regelmäßig zum Kotzen brachte. Das Klo war auch das Ekeligste, ich brauchte es nur ansehen und bekam das Würgen, selbst wenn es mir vorher noch relativ "gut" ging.
Also, Gerüche und Übelkeit besser, aber das Kotzen nicht, ich musste so häufig erbrechen, das mir schon bald der Magen weh tat.
Wir wechselten auch schnell auf Lergigan comp., was wieder etwas, eine Klitzekleinigkeit, Verbesserung brachte.
Ich hatte in dieser Schwangerschaft Appetit, was bei der ersten nicht so war und sobald ich auf etwas Lust bekam, beeilte Dennis sich, es mir zu bringen oder es zu kochen. Manchmal fühlte es sich an, als wenn ich kotzen müsste, wenn ich das Gewünschte nicht schnell genug bekam. Es blieb öfter mal auch etwas essen drin und ich kotzte erst wieder, als alles verdaut war, dennoch kotzte ich mehr und mehr.
Längst war ich abgeschirmt in meiner kleinen Zelle, bloß schlafen, wenn das nur ging, dann musste ich nicht kotzen und hatte keine Magenschmerzen. Leider konnte ich durch die Schmerzen nicht so viel schlafen. Es tat so weh, das ich das Gefühl hatte, ich würde die Wände hochgehen. Ich versuchte alle möglichen Liegepositionen, ein Kissen in den Magen drücken, heulte und kaute auf meinen Fingerknöcheln.
Wenn meine Familie zu lange bei mir war, musste ich noch mehr kotzen. Ich heulte auch, weil ich unsere Kleine kaum noch mitbekam und ich es schrecklich fand, ihre ganze Entwicklung zu verpassen. Ich hatte das Gefühl, ich würde meine "Große" verlieren, damit das neue Baby kommen könnte und wusste nicht, ob das richtig wäre. Mein ganzes Leben blieb stehen, ich war nicht mehr ich, nicht mehr wirklich da, nur noch ein "Etwas", am nölen und heulen, keine Hilfe und nur zur Last und für mich selbst erlebte ich auch nichts nettes oder schönes, nur Einsamkeit, Kotzerei, Schmerzen. War es das wirklich wert?
Es war auch so zeitig in der Schwangerschaft, man sah keinen Bauch, spürte keine Bewegungen, für mich war unser Baby kein Lebewesen mehr, das in mir heran wuchs, es war so unwirklich, ich spürte nur das Elend, das es verursachte.
Wir sagten, wir wollten einen Termin bei einem Psychologen, denn ich dachte über Abtreibung nach. Es war total die innere Zerissenheit. Ich wollte dies Baby, wollte noch ein Kind, noch ein Geschwister für unsere Tochter. Und dann wollte ich auch wieder Lebendig sein, wollte mich besser fühlen, mich um meine Tochter kümmern können.
Der Arzt schien das Ganze nicht zu verstehen, nach dem Motto: Ja wieso das denn??
Trotzdem rief uns dann jemand an und wollte einen Termin abmachen, im ... MAI!! Mitte Mai! In ca. 2 Monaten. Schönen Dank auch! Habe ich es bis Mai allein geschafft, schaff ich auch den Rest und eine Abtreibung wäre dann sowieso zu spät gewesen. Mit hyperemesis schien die Dame auch nichts anfangen zu können.
Was mir etwas half, nicht abzutreiben, war der Gedanke, das Dennis Eltern nur durch uns die Chance auf Enkelkinder haben, da er Einzelkind ist (ich weiß auch nicht so recht, warum das in dem Moment ein Strohhalm war) und das ich mir sicher war, ich werde nicht nochmal schwanger, dies ist die letzte Chance für uns. Ob Baby oder Abtreibung, dies ist das letzte Mal

Etwas später, nachdem auch das Wasser kotzen wieder lustig seinen Gang nahm, packte Dennis mich und unsere Tochter ins Auto und fuhr ins Krankenhaus. Ich war bis dahin schon völlig fertig und wurde sogar im Rollstuhl durch die Gänge geschoben. Das fand ich echt nett.
Wie in der ersten Schwangerschaft lag ich allein in einem Zimmer, bekam Tropf und nichts zu essen, damit der Magen sich beruhigen konnte und dreimal täglich Lergigan comp., die zu Hause nur mäßig geholfen hatten.
Wir durften zum ersten Mal unser Baby auf Ultraschall sehen und das brachte mir wieder ins Bewusstsein, das unser Baby in meinem Bauch wächst und nicht alles nur übel ist.
Die Kotzerei wurde weniger. Es wurde auch ersichtlich, das ich nach Anstrengung eher kotzen musste, denn an einem bis dahin kotzfreien Tag musste ich nach einem relativ kurzem Besuch meiner Lieben dann doch wieder kotzen.
Ich durfte vorsichtig wieder anfangen zu essen und wurde entlassen.
In der ersten Schwangerschaft wurde ich nach vielem Fragen entlassen, diesmal für mein Gefühl etwas zu schnell. Ich befürchtete, zu Hause wieder weiter zu kotzen, fühlte mich nicht erholt und wusste eben nicht, wie ich auf den ganzen Tag meine Tochter um mich reagierte.

Es ging bergauf. Ich verbrachte immer noch viel viel Zeit in meiner "Zelle", auch im Liegen essen ging besser als unten in der Küche am Tisch.
Unsere Tochter kam für 15 Stunden die Woche in den Kindergarten. Nach der Eingewöhnungszeit, als alles gut lief, begann Dennis wieder zu arbeiten. Es passte auch gerade, das seine Eltern uns besuchen kamen, so dass sie mich etwas unterstützen konnten. Das hat leider das Verhältnis unserer Tochter zu ihrer Oma etwas schwieriger gemacht, es wirkte, als wenn sie denkt: Wenn die komische Tante kommt, geht Mama weg, also will ich die nicht hier haben.
Da wir in Schweden und ca. 1700km von unseren Eltern entfernt wohnen, konnte sich kein vertrautes, "normales" Oma-Enkelin Verhältnis vorher aufbauen, weil sie immer wieder fahren müssen, wenn gerade Vertrauen aufgebaut wurde.

Ich stand so spät wie möglich auf oder nahm unsere Tochter noch mit aufs Sofa, schlief die ganze Zeit, wenn sie im Kindergarten war und sobald Dennis nach Hause kam, ging ich wieder in meine Zelle. Ab und zu musste er eher nach Hause kommen.
Immer noch war ich am kotzen, doch es ging mir besser, manchmal gab es kotzfreie Tage und ich konnte es tatsächlich etwas "steuern", indem es nun wirklich so war, wenn ich "viel" getan hatte, musste ich kotzen. Tat ich wenig, eher nicht.
Das, was ich tun konnte, ohne zu kotzen, steigerte sich von Woche zu Woche.

Im Juni hatten wir unseren eigentlich ersten und eigentlich einzigen Ultraschall. Sie entdeckten Zysten am Kopf, der Magen sah komisch aus und die Messungen von Kopfdurchmesser und Oberschenkelknochen stimmten nicht überein. Sie meinten, es könnte sein, das unser Baby behindert ist. Wir sollten am nächsten Tag wieder kommen, für eine Fruchtwasseruntersuchung.
Es war ein Schock. Wir mussten es sacken lassen, drüber nachdenken, uns über die Fruchtwasseruntersuchung informieren...
Abends hatten wir ein langes Gespräch. Wir beschlossen, keine Fruchtwasseruntersuchung machen zu lassen. Die Chancen, das etwas schief geht, sind zwar sehr gering, aber uns war das Risiko, das etwas passiert und unser Baby dadurch stirbt, zu groß. Wir hatten eine Beziehung zu ihm und spürten nur Liebe, wie könnten wir sagen, du bist nicht in Ordnung wie du bist, deshalb kommst du weg? Wir wollten es also auf jedenfall behalten und das Ergebnis dieser Untersuchung hätte nichts verändert.
Hinfahren sollten wir trotzdem. Wir bekamen einen weiteren Ultraschall, dann gab man uns einen Ultraschalltermin für den nächsten Tag in Trondheim. Ich wusste nicht, ob die lange Autofahrt hin, irgendwo schlafen und am nächsten Tag zurück nicht zuviel wäre und die Kotzerei wieder losginge.
In Trondheim hatten sie gute Nachrichten für uns, unser Baby hat zwar den Magen auf der falschen Seite und andere "verkehrte" Dinge, aber keine Probleme oder Einschränkungen deswegen.
Und außer einmal Morgens musste ich die ganze Zeit nicht kotzen.

Wir waren total erleichtert und ich wusste dazu noch, das ich mir wieder mehr zutrauen konnte.

In der 30. Woche waren wir nochmal bei einem Kontrollultraschall. Dort bemerkten sie, das unser Baby sehr klein ist. Also mussten wir bis zur Geburt alle drei Wochen zum Ultraschall, um das Wachstum zu kontrollieren. Sie wussten nicht, ob es vielleicht doch Probleme mit dem Magen gäbe.

Ich hatte die dreimal täglich Tabletten irgendwann auf zweimal täglich runtergeschraubt und als das eine Weile gut ging, auf einmal täglich, dann nahm ich keine mehr. Gegen Ende der Schwangerschaft hatte ich das Gefühl, ich wäre nun ziemlich "normal" Schwanger.

Unsere Luna, die uns so viele Sorgen gemacht hatte, wurde am 27.11.2007 mit 9 Tagen Verspätung geboren. Sie wog 3010g und war 50cm groß. Es war eine schöne, leichte Geburt. Ein Magenultraschall und ein Herzultraschall einen Tag später sahen auch gut aus.
Anfangs mussten wir jeden zweiten Tag zum wiegen fahren doch sie nahm gut zu, so dass wir dann nur noch einmal die Woche hinfuhren.
Am 20.Februar haben wir noch eine Herzultraschall Nachkontrolle.

Es war auch ganz unglaublich, wieviel fitter ich dann doch schon direkt nach der Geburt (zwei bis drei Tage) war.

Meine Tante hat mir jetzt erzählt, das es in unserer Familie vor ein paar Generationen eine Frau gab, die bei der Geburt gestorben ist. Meinte Mutter hatte auch hyperemesis und wäre bei ihrem ersten Kind fast gestorben. Sie hatte Kindbettfieber bekommen und die Ärzte dachten, sie schafft es nicht. Es gibt so viele Theorien, also:
Ob es vielleicht sogar damit zusammen hängt?

Wir sind auf jedenfall total zufrieden mit unseren zwei tollen Töchtern und müssen uns jetzt langsam Gedanken um Sterilisation machen. Wer und wann, denn mehr Schwangerschaften gibt es nicht.