Monika

 
Der folgende Erfahrungsbericht kommt von Monika. Sie ist 33 Jahre alt, hat 3 Kinder, war aber 4 Mal schwanger. Auch Monika hat in all ihren Schwangerschaften "Bekanntschaft" mit Hyperemesis gemacht. Monika wohnt in Thüringen. (03.01.1998)
 
Liebe Chrissi,


Erst mal zu mir:
Ich habe diese Krankheit glücklicherweise nicht so schlimm gehabt wie Du, und auch nur in der 1.Schwangerschaft wurde diese Diagnose gestellt.
Ich habe bin jetzt 33 Jahre, und habe 3 Kinder. Ein Kind ( meine 3.Schwangerschaft) habe ich in der 15.SSW verloren, ich mußte die Schwangerschaft wegen starker Mißbildung des Babys abbrechen lassen. Es wäre nicht lebensfähig gewesen.

Nun meine Erfahrungen:
Ich bin mit 18 Jahren das 1.Mal mit einem Wunschkind schwanger geworden. Ich lebte damals mit meinem Mann bei meinen Schwiegereltern auf dem Dorf. Wir mußten beide unsere Ausbildung noch beenden, daß Baby sollte genau nach Lehrabschluß kommen.
Wir mußten jeden Tag 4.00Uhr morgens aufstehen und mit dem Zug in die Stadt fahren.
Als ich den Verdacht hatte, schwanger zu sein, ließ ich die Schwangerschaft beim FA bestätigen. Er gab mir eine Überweisung zur Schwangerschaftsberatung (war damals in der DDR so üblich, dort betreuten Frauenärzte und Hebammen ausschließlich Schwangere, während die niedergelassenen Ärzte keine Schwangeren betreuen durften).
Ich war so jung, schüchtern und unerfahren. Ich wußte natürlich, daß Übelkeit zum Schwangersein dazu gehört. Mir war hundeelend. Ich konnte morgens kaum die Bahnfahrt überstehen, ich stand immer neben der (furchtbaren) Zugtoilette, stürzte dann in der Stadt mehrmals aus der Straßenbahn um den Gehweg zu verzieren - und glaubt immer, das gehört eben dazu !
Ich hatte noch keinen Termin bei der Schwangerenberatung gemacht, aber ich konnte nicht mehr - ich ging zum praktischen Arzt - er sagte, daß gehört zu einer Schwangerschaft dazu, aber schrieb mich erst mal 3 Tage krank.
Nach den 3 Tagen schleppte ich mich wieder früh um 4 im dunkeln und Kälte zum Bahnhof.
Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als "jetzt nicht übergeben!"
Zu Hause bei meinen Schwiegereltern war es noch schlimmer. Sie rauchten und es roch immer sehr nach Essen.
Ich behielt nichts mehr bei mir. Ich hatte sogar Appetiet und Hunger - aber nach der Hälfte vom Essen wurde mir plötzlich furchtbar heiß, ich konnte nur noch rennen !
Einmal habe ich mich über den Tisch übergeben.
Es war Wochenende, ich behielt nicht mal mehr Tee bei mir, ich kotzte mir die Seele aus dem Hals, es war nur noch Magensäure. Ich nahm an jedem Tag 1kg ab.
Montag früh bin ich dann zu meiner Mutter auf Arbeit gefahren - und ihr erst mal eröffnet, daß sie Oma wird - und gleichzeitig, daß ich am Ende bin.
Sie hat mich zur Schwangerenberatung gebracht. Dort wurden sofort Urintests gemacht: Diagnose: Hyperemesis grav..
Sie schimpften mich etwas aus, daß ich nicht eher gekommen bin, dann sollte ich sofort ins Krankenhaus, noch am gleichen Tag.
Dort kam ich an den Tropf.
Seltsamerweise ging es mir dort sehr schnell besser. Ich mußte mich zwar auch noch übergeben, aber nur noch 1-2 mal täglich.
Ich bekam dann Schonkost welche ich sehr langsam und im Liegen zu mir nahm. Ich konnte nach 2 Wochen entlassen werden.
Ich war dann noch 6 Wochen bis zum Ende des 4. Monats krank geschrieben - vorher hätte ich mich auch nicht in der Lage gefühlt, zu arbeiten.
Den Rest der Schwangerschaft ging es mir glücklicherweise gut.

3 Jahre später bekam ich mein 2 .Kind. Ich bekam Tropfen gegen meinen niedrigen Blutdruck. es ging mir zwar auch sehr schlecht, wurde aber nicht krank geschrieben und nach dem 4.Monat ging es mir gut.
Ich schwor mir, nie wieder schwanger zu werden. Diese Kotzerei würde ich niemals wieder mitmachen.

10 Jahre später wünschte ich mir doch noch ein Baby. Die Zeit hat mich wohl die Strapazen vergessen lassen.
Ich bereitete noch vorher alle "Tricks" vor. Kaufte mir Fencheltee und Zwieback, kandierten Ingwer und machte die Wohnung sauber, in dem wissen, daß ich dazu in den nächsten Monaten nicht mehr fähig sein werde.
Dann redete ich mir ein, daß das bestimmt nur eine Sache der "einstellung" ist - ich hätte ja jetzt Erfahrung, und könnte der schlimmen Übelkeit bestimmt vorbeugen.
Ich wurde sofort schwanger. Und mir wurde sofort übel. Ich wagte mich morgens nicht aus dem Bett - ich war selbständig und versuchte alles per Telefon vom Bett aus zu erledigen. Meine mittlerweile großen Kinder unterstützen mich, aber waren doch befremdet, daß es Ihrer Mutti so schlecht ging, wo es doch angeblich etwas sehr Schönes sein soll, ein Baby zu bekommen.
In der 15.SSW, gerade als es anfing mir besser zu gehen, mußte ich die Schwangerschaft abbrechen lassen - das Baby war nicht lebensfähig.

Ich war sehr verzweifelt. Ich wollte so schnell wie möglich wieder schwanger werden. Die Übelkeit war mir egal, ich wollte UNBEDINGT ein Baby.
Nach 3 Monaten war ich wieder schwanger. Uns sofort ging es wieder los. Schlimmer als vorher. Ich war zu nichts mehr in der Lage, hielt mich nur noch in der Nähe des Bades auf, um dann wieder im Bett zu verschwinden.
Leider hatte mein Mann diesmal keinerlei Verständnis dafür, weil wir im Geschäft so viel zu tun hatten.
In der 8.SSW war ich am Ende meiner Kräfte, ich fuhr zu meiner Frauenärztin - sie ist sonst so kompetent und einfühlsam, aber sie sage nur, ich sollte mich doch freuen, wenn ich so sichere Schwangerschaftssymptome hätte - ich hätte mir das Baby doch so sehr gewünscht !
Auf mein Flehen, mir doch irgend etwas zu geben - ich wollte auf keinen Fall wieder aus der Praxis gehen, ohne irgend ein Wundermittel - gab sie mir eine Packung homöopathische Tabletten mit. Ich sollte immer bevor ich mich übergeben müßte, eine Tablette unter die Zunge legen. Vorbeugend würden die aber nicht wirken, auch nur gegen Erbrechen, nicht gegen die permanente Übelkeit.
Ich fuhr heim - mit 3 mal anhalten um mich wieder zu übergeben - die Tabletten kriegte ich nicht rechtzeitig in den Mund, ich mußte ja Auto fahren.
Dann rief ich meine Mutter an - sie müßte kommen, ich kann nicht mehr. Mein Haushalt war im Chaos versunken, überall im Haus müffelte es , ich hielt es zu Hause kaum noch aus.
Ich war nicht mehr in der Lage einzukaufen. 1. konnte ich die Lebensmittel nicht sehen - mir wurde sofort schlecht, 2. konnte ich mich nirgends auch nur 1 Minute anstellen - ich hatte permanente Angst umzukippen.
Diese Tabletten schleppte ich überall mit hin - ich hielt sie ständig in der Hand, um sofort regieren zu können. Sie halfen nämlich wirklich, wenn man es noch schaffte, eine Tablette schnell unter die Zunge zu schieben.
Meine Mutter kam und machte erst mal meinen Haushalt, während ich endlich mal schlafen konnte.
Dann kaufte sie frische Lebensmittel ein und bekochte uns erst mal wieder - meine Familie hatte sich von Tiefkühlkost ernährt.

Langsam ging es mir etwas besser, ich konnte auch wieder etwas essen.
Mein Mann war immer noch sehr genervt, daß ich nicht arbeiten konnte - seiner Meinung nach nicht wollte. In einer kleinen 1-Mann Firma geht das eben sehr schnell ans Geld, so daß wir auch noch finanzielle Sorgen hatten.
Er fing eines Morgens einen furchtbaren Streit mit mir an, so daß ich furchtbar verzweifelt war und nur noch heulen konnte.
Meine Mutter war wieder abgereist. An dem Abend bekam ich plötzlich sehr starke Blutungen. Ich dachte, alles ist aus, ich verliere das Kind . Ich rief den Krankenwagen und lies mich ins Krankenhaus fahren.
Mein Baby war noch da, es lebte auch noch in mir. Ich bekam strenge Bettruhe verordnet.
Die Blutungen hörten auf, und mir ging es von Tag zu Tag besser. Ich konnte schlafen so viel ich wollte, ich bekam das Frühstück und das Essen ans Bett. Ich hatte endlich meine Ruhe !
Natürlich machte ich mir Sorgen, wie meine Familie zu Hause zurecht kommt. Meine Tochter war schon 13 Jahre, sie übernahm die nötigsten Hausarbeiten. Meine Mutter mußte arbeiten, kam aber an den Wochenenden vorbei um einiges zu tun, und nahm die Wäsche zum Waschen mit.
Meinen Mann mußte ich jedesmal erst wieder beruhigen, wenn er auf Besuch kam - er war ziemlich verzweifelt, weil er nicht wußte, wie er allein die Arbeit im Geschäft schaffen sollte - und jeden Tag kamen Rechnungen und Mahnungen.
Schließlich brachte er mir die halbe Buchhaltung ins Krankenhaus und ich schrieb die Rechnungen im Bett per Hand.

Nach 1 Monat konnte ich entlassen werden, da war ich Anfang des 4. Monats. Ich hatte auch zu Hause noch Bettruhe und nutzte dies auch aus. Am Ende des 4. Monats ging es mir gut, und für mein Baby bestand keine Gefahr mehr.

So, liebe Chrissi, das waren meine Schwangerschaften. Ich mußte wirklich nicht halb so viel ausstehen wie Du, ich kann mir aber vorstellen, daß Du zeitweise aus dem Fenster springen wolltest.
Ich könnte mich fürchterlich darüber aufregen, daß dies alles von niemandem ernst genommen wird. Vor allem nicht von den Ärzten. Nur einmal habe ich mich ernst genommen gefühlt: als ich in der 1.Schwangerschaft ins KH eingewiesen wurde.
Ich finde es eine Schande und ein Unding, daß schwere Übelkeit in der Schwangerschaft von fast allen Ärzten als "harmlos" abgetan wird. Die meißten Schwangeren werden nicht einmal krank geschrieben, wenn man aber einen Schnupfen hat, - was weitaus harmloser ist - bekommt man anstandslos einen Krankenschein.
Oft muß man sich anhören: "Sie sind nur schwanger und nicht krank!"
Das aber dadurch erst der Teufelskreislauf "Erbrechen - Streß - Erbrechen - noch mehr Streß - noch mehr Erbrechen" entsteht, wird nicht registriert.
Ich habe für mich folgende Ursachen bemerkt:
1. ist es wohl eine Veranlagung seitens der Frau.
Ich hatte immer gehofft, daß es mir mal in einer Schwangerschaft gut geht, aber dem war nicht so, es war immer das Gleiche.
2. ist der Faktor Streß bei mir sehr entscheidend gewesen.
Sobald ich absolute Ruhe hatte ( im Krankenhaus ), ging es mir schnell besser. Je mehr Streß ich hatte, desto schlechter ging es mir.

Ich bin fest davon überzeugt, daß bestimmt auch einige Fehlgeburten dadurch passieren.
Auf der einen Seite soll die Frau sich schonen in der Schwangerschaft und nicht aufregen, keine negativen Gedanken haben usw. usw..
Auf der anderen Seite geht es vielen Frauen so furchtbar schlecht, daß sie am liebsten sofort nicht mehr schwanger sein wollen.
So schlecht wie in diesen Zeiten ging es mir nie wieder.
Die Bemerkungen mit der Magen-Darm-Grippe ist auch echt der Hohn ! Eine solche Grippe kann man mit Medikamenten gut und schnell behandeln, bei der Hyperemesis grav. glaubt man, daß dieser Zustand NIE aufhören wird, man zählt jeden Tag der Schwangerschaft, hofft auf die 12.SSW, hofft auf die 16.SSW, und bei Dir bis zum Ende.

Warum macht sich niemand die Mühe und entwickelt ein verträgliches, wirksames Medikament dagegen ??? Weil es nicht ernst genommen wird ! Frau muß da halt durch - quasi als Strafe, weil sie so verwegen war und schwanger geworden ist.

Viele liebe Grüße von Moni.