Sibylle

 
Sibylle ist aktuell(02/09) in der 24.SSW.Sie hat eine dreijährige Tochter und erwartet jetzt Zwillinge.Ihr hilft Zofran gegen die Übelkeit (19.02.2009)
 
Zofran – meine Rettung

Sicher ist es nicht ganz bedenkenlos ein Medikament anzupreisen, das sich wohl hinsichtlich Schwangerschaft noch nicht überall durchgesetzt hat bzw. noch nicht sooo viele Studien existieren, aber:
Zofran ist meine Rettung gewesen!

So war meine Situation an dem Tag (und auch schon vorher), als mein Mann mich ins Krankenhaus brachte:
Ich lag nur noch im Bett, wimmernd und heulend, die Übelkeit war ständig auf höchstem Level. Alle 20 Minuten mußte ich brechen (Magensäure), danach war die Übelkeit keinen Deut besser. Wenn es unerträglich wurde, habe ich freiwillig einen Schluck Wasser getrunken, den ich sofort erbrach (und Magensäure). Ich hatte immer die Worte meines Frauenarztes im Kopf: Wenn keine Flüssigkeit mehr drin bleibt, muß ich ins Krankenhaus. Ich wollte auf keinen Fall ins Krankenhaus, habe aber selbst gemerkt, dass es keine andere Lösung mehr gibt. Die Fahrt dorthin war die schlimmste meines Lebens:
Meine 3jährige Tochter plapperte munter hinter mir (es ist schlimm, wenn man sein eigenes Kind nicht mehr ertragen kann), ich erbrach mich ständig und dachte, ich muß sterben. Nach der Aufnahme in der Uni-Klinik mußte ich noch ca. 1 Stunde auf mein Bett warten. Ich lag im Flur des Krankenhauses auf 2 Stühlen, die Brechschüsssel im Arm und habe geheult wie ein Schlosshund.


So, an dieser Stelle unterbreche ich erst mal die Geschichte und fange von vorne an:
Anfang September erfuhr ich aufgrund eines Bluttestes, dass ich schwanger bin (aufgrund der schlechten Spermienwerte meines Mannes hatten wir vorher eine Insemination gemacht – entsprechend groß war die Freude, dass es geklappt hat). Wir waren dann erst mal 2 Wochen im Urlaub (6. und 7. SSW). Ich litt unter extremer Müdigkeit und auch Übelkeit und Erbrechen fingen schon an. Ich hatte in meiner ersten Schwangerschaft auch darunter zu leiden (vom 3. bis 6. Monat), aber in einem erträglichen Maß. Ich konnte Vollzeit arbeiten und habe nur abends gebrochen.
Diesmal jedoch sollte es anders werden.
Nach dem Urlaub stand erst mal der Ultraschall an und ich erfuhr, dass ich Zwillinge erwarte. Aufgrund der vorangegangenen Hormonbehandlung war das nicht total abwegig, aber trotzdem erst mal ein Schock, den wir aber recht schnell verdaut haben. Viel Zeit zum Freuen blieb uns aber nicht, denn meine Übelkeit und Erbrechen wurden immer schlimmer. Anfangs blieb zumindest das Frühstück noch drin. Mein Gyn verschrieb mir die Vomex Zäpfchen und 3 Tage lang ging es mir viel besser. Ich dachte, jetzt habe ich es im Griff. Dann kam der Absturz, die Zäpfchen halfen nicht mehr, im Gegenteil, es wurde schlimmer denn je. Und schließlich landete ich im Krankenhaus. Da war ich in der 11.SSW.
Dort bekam ich die üblichen Infusionen (Periplasmal und Sterofundin) und gegen die Übelkeit Vomex-Infusionen. Die halfen genauso wenig wie die Zäpfchen, ich bekam nur noch tierischen Durchfall dazu. Die Paspertin-Tropfen brachten auch Null Besserung. Nach ein paar Tagen und schrecklichen Nächten (u.a. schnarchende Zimmernachbarin) war ich einem Nervenzusammenbruch nahe.
Mein Mann (ein echter Schatz, nebenbei bemerkt) organisierte, dass ich die Infusionen daheim bekommen konnte und holte mich ab. Ich hoffte, so wenigstens ein Wochenende zu Hause verbringen zu können. Leider mußte ich schon am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus. Ich hatte wieder eine Brechattacke und bekam einen Schock, weil ich plötzlich auch Blut erbrach. Ich hatte tierische Magenschmerzen und Sodbrennen. Also zurück ins Krankenhaus, genau am dritten Geburtstag meiner Tochter. Ich vegetierte also weiter im Krankenhaus dahin. Vomex und Paspertin habe ich inzwischen komplett abgelehnt, denn wieso sollte ich etwas nehmen, das gar nichts bringt. Die Ärzte sagten immer, es sei nur noch eine Frage der Zeit.
Für mich war es die schlimmste Zeit meines Lebens, ein absoluter Tiefpunkt. Ich habe meine Tochter total vermißt. Wenn sie zu Besuch war, mußte ich mich total zusammenreißen, um sie und ihre gute Laune, ihr munteres Geplapper, ertragen zu können. Mir war ja ununterbrochen kotzübel. Nach einer halben Stunde habe ich meinem Mann immer ein Zeichen gegeben, dass sie jetzt gehen müssen, weil es einfach zu anstrengend für mich war. Hinterher habe ich nur geweint, weil ich mich so schlecht gefühlt habe, wie eine Rabenmutter und total einsam und im Stich gelassen, weil niemand mir helfen konnte.
Zum Glück sind die Ärzte bei mir nicht mit der Psycho-Schiene gekommen, dann wäre ich durchgedreht. Nur manche Schwestern haben mich zur Verzweiflung gebracht. Die meisten haben es mit ihren Essens- und Verhaltenstipps wirklich nur gut gemeint und mit der Zeit eingesehen, dass alles nichts bringt. Eine Krankenschwester hat mich aber bis aufs Blut gereizt mit ihren Sprüchen:
„Haben Sie schon mal das oder das probiert zu Essen?“
„Möchten Sie eine Wärmflasche gegen die Übelkeit?“
„Sie müssten sich mal ein bißchen ablenken, lesen oder fern sehen.“
„Reden Sie sich doch einfach ein, es ist nicht so schlimm.“
„Gehen Sie doch mal ein bißchen raus in den Park.“
Als ich bei einer Visite mein Sodbrennen angab, sagte sie doch glatt zum wiederholten Male, ich solle es doch mit Milch versuchen. Das war zu einem Zeitpunkt, an dem noch kein Schluck Flüssigkeit drinblieb und ich sagte nur: „Ich dreh durch, ich lauf Amok.“ Der Arzt sagte dann zu dieser Schwester, dass ich wohl selber wüsste, was ich vertrage oder nicht. Da war ich ihm wirklich sehr dankbar und fühlte mich ernst genommen.
Irgendwann denkt man ja selber, dass man wohl ein Psycho ist, sich reinsteigert und selber Schuld ist. Vielleicht verkrafte ich ja die Zwillinge unterbewusst nicht ...

Nach 2 Wochen im Krankenhaus und keiner Besserung hatte ich an einem Samstag mal wieder einen totalen Tiefpunkt. Es waren gerade drei echt liebe Schwestern bei mir, als ich einen Heulanfall bekam und beklagte, dass mir niemand helfen kann, dass alle Schmerzpatienten Schmerzmittel bekommen, damit es ihnen wenigstens kurz mal besser geht, ich aber seit Wochen von früh bis abend leide, ohne die kleinste Hilfe.
An diesem Abend erzählte mir mein Mann am Telefon vom Hyperemesis-Forum, von Gleichgesinnten und von Zofran. Ich wollte gleich am Montag meine Ärzte bei der Visite darauf ansprechen. Das erübrigte sich jedoch zum Glück.
Am nächsten Morgen kam eine der Schwestern zu mir und erzählte, sie hätte gerade mit einer erfahrenen Ärztin gesprochen, die Wochenenddienst hat, und sie gefragt, ob man denn wirklich nichts machen könne. Mein Jammern hat also tatsächlich Wirkung gezeigt. Die Ärztin meinte, sie würde mir Zofran verschreiben (und ein Mittel zum Magenschutz: Ranitic). Ich habe vor Erleichterung geweint, weil ich mich schon auf ein Betteln um das Medikament eingestellt hatte und jetzt sollte es mir einfach so gegeben werden. Die Ärztin war dann noch selber bei mir und erklärte mir, dass man das Medikament nicht unbedingt in den ersten 12 Wochen einnehmen soll. Es würde wahrscheinlich auch nichts machen, aber der Pharma-Industrie sei es zu teuer dementsprechende Forschungen zu machen. Da ich ja schon Ende der 13. Woche war, könne ich es jetzt einnehmen. Ich kotzte an diesem Vormittag 3 Mal, um 11 Uhr bekam ich die Zofran-Infusion. Das ist jetzt 2 Wochen her, seitdem habe ich erst 2 Mal wieder erbrochen!
Ich bekam also an diesem Sonntag 2 Infusionen mit je 5 mg Zofran, am nächsten Tag 1 Infusion, dann brauchte ich einige Tage gar nichts. Am Mittwoch wurde ich entlassen, meine Keton-Werte hatten sich schnell verbessert. Ich bekam 4 Tabletten mit 8 mg Zofran mit nach Hause.

Als ich ein paar Tage später bei meinem Gyn war, war er geschockt. Ich wäre seine erste Patientin, die Zofran bekommt, Contergan.....Er hat mich echt fertig gemacht, hat mir aber zum Glück trotzdem Zofran verschrieben, nur 6 4mg-Tabletten, aber ist okay. Im Moment muß ich maximal jeden 2. Tag eine 4mg-Tablette einnehmen und habe das Erbrechen dadurch voll im Griff. Übelkeit plagt mich nach wie vor, mal mehr, mal weniger. Beim nächsten Arztbesuch muss ich mir halt wieder Zofran verschreiben lassen.
Ich gehe den Tag langsam an, mein Mann unterstützt mich, wo er nur kann. Ich genieße es, wieder zu Hause zu sein. Ich warte nach wie vor darauf, dass es mir mal richtig gut geht, ich will endlich mal wieder was richtig Schönes mit meiner Tochter unternehmen, aber man wird ja dankbar für Kleinigkeiten. Vor 2 Wochen war jeder Schluck Saft schon eine Offenbarung. Noch jetzt kann ich kein Wasser trinken. Ich esse insbesondere Mandarinen und Orangen, um zu Flüssigkeit zu kommen. Zudem habe ich schon Pizza und Pommes gegessen und ordentlich wieder zugelegt, nachdem ich fast 10 Kilo abgenommen hatte (worüber ich mich unter normalen Umständen sehr gefreut hätte, da ich schon ein paar Kilo zu viel auf den Rippen habe, aber ich habe mir geschworen, darüber so schnell nicht mehr zu jammern - lieber dick als krank!).

Alles in allem kann ich sagen, dass die letzten Wochen die schlimmsten meines Lebens waren, ein richtiger Alptraum. Ich habe überhaupt kein Licht am Ende des Tunnels gesehen, obwohl ich normalerweise ein sehr positiver Mensch bin. Ich habe so viel geweint wie in den 32 Jahren davor zusammengenommen nicht. Noch nie vorher habe ich soviel Verzweiflung gespürt und das Gefühl gehabt, dass ich einfach nicht mehr kann. Ich kann jede Frau verstehen, die an Abtreibung denkt oder sie auch ausführen lässt, besonders wenn sie keine Unterstützung von der Familie erhält.

Ich hatte in manchen Punkten noch Glück im Unglück:
Meine Tochter hat in den Wochen super funktioniert (dafür ist sie im Moment schwierig).
Mein Mann ist selbständig und konnte unsere Tochter gut betreuen und nachts arbeiten (dafür ist er jetzt entsprechend fertig).
Meine gesamte Familie und liebe Freunde haben mich absolut ernst genommen, mich oft angerufen (Besuche wollte ich nicht) und sich mein ewig gleiches Gejammer angehört. Sie haben mich nie mit guten Tipps gequält, sondern mich bemitleidet. Und genau das habe ich gebraucht. Denn ich habe mich sterbenskrank gefühlt und wollte ernst genommen werden.

Vielleicht brauchen andere Hyperemesis-Patientinnen eine andere Behandlung, aus meiner Sicht kann ich den Ehemännern/Angehörigen nur folgendes raten:
Tut so, als würde daheim alles funktionieren. Es tut keiner Frau gut, wenn sie sich auch noch Sorgen machen muß. Mein Mann hat mir natürlich erzählt, wie stressig es ist (sonst wäre ich ja auch entbehrlich), aber er hat nie gejammert. Es war immer klar, ich befinde mich in einer schrecklichen Situation und ihm geht es bei allem Stress auf jeden Fall besser.
Ruft oft an und zeigt ihnen, dass ihr an sie denkt.
Gebt keine Tipps – außer vielleicht was den Umgang mit unfähigen Ärzten und Krankenschwestern betrifft.
Nehmt euch die Zeit, mal bei einer Visite dabei zu sein, da geben sich die Ärzte sofort mehr Mühe!
Sollten Ärzte und/oder Krankenschwestern die Psycho-Nummer abziehen, sprecht mit ihnen und verweist sie in ihre Grenzen. Als Patientin hat man dazu einfach keine Kraft.
Druckt Erfahrungsberichte aus und bringt sie mit ins Krankenhaus. Mich hat es sehr aufgebaut zu erfahren, dass ich tatsächlich nicht die einzige bin, der es so ergeht.

Ich muss immer noch weinen, wenn ich meine Geschichte erzähle und ich habe mich sicher auch verändert dadurch. Aber ich hoffe, dass es mit der Zeit immer mehr verblasst. Vergessen werde ich es nie!



Nachtrag:
Ich bin jetzt in der 20. SSW. Die Zwillinge wachsen und gedeihen. Ich komme nach wie vor nicht ohne Zofran aus, an guten Tagen reichen aber auch die Vomex-Dragees, die mich extrem müde machen. Ich gehe immer noch wenig raus, da Bewegung die Übelkeit verschlimmert, aber ich nehme definitiv mehr am Leben teil als noch vor ein paar Wochen. Ich habe mich damit abgefunden, dass es mir bis zur Geburt nicht wirklich gut gehen wird. Zur gewohnten Übelkeit kommt jetzt nämlich immer öfter ein heftiges Sodbrennen, da die zwei Zwerge („Quälgeister“) auf meinen Magen drücken. Das wird wohl auch nicht mehr besser werden. Mein Bauch ist jetzt schon so groß wie im 9. Monat meiner ersten Schwangerschaft. Jetzt habe ich auch mein Ausgangsgewicht wieder erreicht. Ich zähle die Tage und Wochen und hoffe, dass die Zeit schnell vergeht! Irgendwann werde ich zurückdenken und mir nicht vorstellen können, wie es ist, wenn einem ununterbrochen übel ist. So wie ich es mir im Moment nicht vorstellen kann, wie sich wohl ein Leben ohne Übelkeit anfühlt!


2. Nachtrag:
Ich bin jetzt in der 24. SSW und kann tatsächlich sagen, dass es mir besser geht. Ich muß nur noch ganz selten Medikamente nehmen, außer Rennie gegen das Sodbrennen. Die Übelkeit ist nur an manchen Tagen ständig da, ansonsten nur minimal und erträglich. Die starke Müdigkeit ist weg und ich bin halbwegs belastungsfähig. Die Schwangerschaft ist schon richtig beschwerlich, aber ich denke, das ist bei Zwillingen und der Vorgeschichte wohl kein Wunder. Es gibt jetzt aber schon viele Momente, in denen ich sie auch genießen kann. Und wenn die kleinen strampeln und turnen und ich sie beim Ultraschall sehe, bin ich echt happy.

An alle, die gerade noch mittendrin stecken, und diese Geschichte lesen:
Es wird besser – irgendwann! Nicht aufgeben!