Marietta

 
Marietta ist aktuell in der 28SSW.Sie hat zu Beginn 12kg abgenommen und kommt langsam wieder zu Kräften.Insgesamt war es schon bis hierhin ein sehr steiniger Weg... (07.02.2010)
 
Meine Kotzzeit

Als wir im August 2009 einen Schwangerschaftstest machten und dieser tatsächlich positiv war, fühlten wir uns wie im Märchen. Diese Schwangerschaft war völlig ungeplant, wir wollten zwar beide immer Kinder, aber erst wollte ich mein Studium abschließen (Seit der Umstellung auf Bachelor/Master ist Studieren absolut Familienfeindlich!)
Wir freuten uns von Anfang an, denn auch wenn es ungeplant war, so doch für uns beide ein Wunder. Vom ersten Tag an war unser Kind nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken.
Schon in der 5. SSW hatte ich weniger Appetit, was ich zunächst auf die Aufregung schob. Wir waren auch gerade im Urlaub, es waren wunderschöne Sommertage. Als wir nach Hause kamen, dauerte es 3 Tage und ich legte mich freiwillig den ganzen Tag ins Bett, weil ich vor Übelkeit nichts mehr konnte. Ich lege mich sonst wirklich selten freiwillig einen ganzen Tag ins Bett, bin ich doch sonst sehr aktiv und geradezu süchtig nach Bewegung und Sport. Doch mir ging es Tag für Tag schlechter. Freunde besuchten uns und ich versuchte, mich zusammen zu reißen, was mir sonst gelingt, doch ich konnte gerade zum Klo und zurück.
Es wurde jeden Tag schlimmer, in der 8 SSW blieb nichts festes mehr drin. Mein Freund kümmerte sich ununterbrochen um mich, wir probierten wirklich alles aus. Eine Weile blieb noch Babybrei drin, dann nicht mal mehr das. Ich war glücklich über jeden Löffel Tee, der nicht wieder rauskam und konnte mich kaum noch aus dem Bett bewegen. Mein ganzer Körper schien ein Krampf, egal, ob ich gegessen hatte oder nicht, mein Magen würgte und würgte.
Schon hier fühlte ich mich von einigen sogenannten Freunden völlig falsch verstanden und unter Druck gesetzt. Immer diese Anrufe: „Na wie geht es dir? Immer noch nicht besser? Ach Mensch, aber du klingst ja schon besser, wirst sehen, morgen ist alles vorbei“. Immer diese Ratschläge, ich solle früh dies und das essen, denn bei der und der hätte es auch geholfen. Dieser penetrante Optimismus, der mich wohl aufbauen sollte. Ich hätte heulen können. Scheinbar ging jeder davon aus, ich würde unter ein bisschen Übelkeit leiden, das sei ja normal, und ich würde übertreiben. Dass ich weit mehr als 5 Mal am Tag Erbrechen musste, schienen diese Leute zu überhören. (Was? Heute schon 11 Mal gebrochen? Das gibt es doch nicht“ - DOOOOCH, GENAU DAS IST JA DAS PROBLEM!“) Und dass es absolut nichts bringt, früh Zwieback zu essen, wenn er im selben Moment wieder ins Klo wandert, schienen diese Leute nicht zu glauben. Ich fühlte mich unverstanden und mied mehr und mehr jene Menschen, welche nie schwanger waren und sich scheinbar doch bestens auskannten. Sprechen strengte mich eh an, ich dämmerte ja nur noch auf der Couch vor mich hin. Nur noch ganz vertraute Menschen wollte ich um mich haben. Mein Freund war mein Halt, ohne ihn wäre ich wohl.nicht nur körperlich kaputt gegangen. Egal ob Nacht oder Tag – es blieb nur selten eine Tasse Tee drin, nur hier und da ein Löffel Brei und ich fühlte mich furchtbar. Dieser Dämmerzustand, diese völlige Unfähigkeit, irgendwie klar zu denken. Alles ist schwarz, alles schwer und dunkel.
Ich bin ein eher optimistischer Mensch und klammerte mich immer an die Hoffnung, nach der 12. Woche sei alles vorbei. Meine Hebamme gab mir Akkupunktur, was meinen Körper kräftigte, doch es kam die 12. Woche und ich lag immer noch ununterbrochen im Bett. Wir hatten nun Zeiten herausgefunden, zu denen Brei drin blieb. So nahm ich meine Hauptmahlzeit (Baby-Vollkornbrei) zwischen 11 und 12 Uhr ein. Das war schon ein Fortschritt.
Jeder Tag ein Kampf. Wie viel bleibt heute drin? Alles dreht sich nur noch ums Essen, darum, etwas im Magen zu behalten. Und immer diese Wut, diese Verzweiflung, wenn alles wieder rauskommt.
Ans Telefon ging ich nur noch, wenn meine Eltern oder sehr enge Freunde anriefen. Von denen hatte ich keine seltsamen Ratschläge zu erwarten. Ich fühlte mich fern ab vom Leben, ging nur raus, wenn es absolut sein musste (zum Arzt) und betrat die Küche nicht. Allein der Geruch von Essen...
Ab der 15. Woche konnte ich schon wieder mehr essen, ich wusste, wann es eh keinen Sinn hat zu essen. Ich lag immer noch im Bett, konnte nun aber schon öfter aufstehen. In der 16. Woche hatte ich bereits 12 Kilo abgenommen und fühlte mich wie ein Klappergestell (Was ich wohl auch war). Nun gab es schon Tage, an denen ich nur 3 oder 4 Mal brechen musste. Diese Tage machten mir solchen Mut, das ich die weniger guten besser Überstand. Es schien bergauf zu gehen. Ab und zu schaffte ich es sogar, raus zu gehen und 10 Minuten zu spazieren. Meine Hoffnung stieg von Tag zu Tag und es wurde auch immer besser.
Mittlerweile bin ich in der 28. SSW. Ich übergebe mich nur noch 1-2 Mal pro Woche. Das ist quasi nichts. Es gehört dazu und jedes mal denke ich an die Zeit, in der ich 20 Mal am Tag brechen musste und bin dankbar, alles überstanden zu haben.
Noch immer bin ich geschwächt. Immerhin lag ich 10 Wochen am Stück im Bett und danach verbrachte ich auch mehr Zeit im Bett als außerhalb. Es braucht viel Zeit, wieder in Gang zu kommen, Muskeln aufzubauen und belastungsfähig zu werden. Das scheinen viele nicht zu verstehen. Noch immer muss ich mich rechtfertigen, wenn ich bestimmte Aktivitäten nicht mitmachen kann oder die ein oder andere „Freundin“ nicht besuchen möchte. Durch diese Zeit wurde mir ganz klar, auf wen ich bauen kann und wen ich meide.
Ich kann nun auch meine Schwangerschaft genießen, kann wieder lachen und mich über den beginnenden Frühling freuen. Ich bin wieder lebendig! Diese Zeit der Übelkeit hat mich tief geprägt. Es ist furchtbar, wehrlos und ohne Gewissheit, wann das alles ein Ende hat, im Bett zu liegen und die Wand anzustarren. Keine Kraft für irgendwas, weder lesen noch Musik hören. Einfach nur Stille, in mir und um mich und diese permanente, ununterbrochene Übelkeit.
Eigentlich wollte ich immer mehrere Kinder. Jetzt freue ich mich, dass ich dieses kleine Wesen in mir tragen kann und es hoffentlich gesund zur Welt bringen werde. Natürlich habe ich Angst vor einer nächsten Schwangerschaft. Früher wusste ich nicht, dass es so starke Schwangerschaftsübelkeit überhaupt gibt. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wie es sich ohne Brechen lebt und freue mich unsagbar, wenn unser Kind da ist!
Ich hoffe, dieses Thema wird noch mehr an die Öffentlichkeit gelangen. Ich fühlte mich durch mein Umfeld extrem komisch behandelt. In den Medien, in Filmen und Büchern sind schwangere Frauen halt immer am Anfang ein bisschen überempfindlich und erbrechen ab und zu. Damit wurde ich verglichen. Aber das ist etwas völlig anderes als das, was wir Hyperemesis- Frauen durchgemacht haben. Das ist nicht nur ein bisschen Übelkeit. Und ich glaube, man kann sich das einfach nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Ich hoffe, dass es irgendwann auch dafür eine Lösung gibt, dass möglichst wenig Frauen so etwas erleben müssen. Ich wünsche allen Frauen, die so was erleben, so liebevolle Menschen um sich, dass sie die nötige Kraft aufbringen, das alles durchzustehen. Und immer ein Fünkchen Hoffnung im Hinterkopf, dass alles ein Ende hat, dass auch diese Zeit vorübergeht.
So, und jetzt genieße ich den Rest meiner Schwangerschaft – Endlich!