Abtreibung

Anchuinse, Donnerstag, 01. Juni 2017, 15:25 (vor 143 Tagen)

Ich möchte es einfach hier loswerden.

Ich habe bereits zwei Kinder. Bei der größeren Tochter litt ich auch stark unter Übelkeit und Erbrechen, die waren jedoch nach der 16. SSW besser geworden. Bei meinem Sohn wurde es schlimmer, ich fühlte mich zuerst von der Übelkeit befreit, als ich ihn in meinem Arm hatte. Mein Frauenarzt konnte mir damals anders als Vomex nichts verabreichen, dessen Wirkstoff mich so niedergeschlagen hat, dass ich nicht mehr imstande war, mich um meine 4 jährige Tochter zu kümmern. Es hiess also aushalten und Ende! Nun das habe ich gemacht, ich habe mich zusammengerissen weil ich einen Krankenhausaufenthalt um jeden Preis vermeiden wollte. Meine alltäglichen Aufgaben konnte ich aber nur sehr schwierig erledigen und meine Tochter, sowie mein Mann mussten wegen meines Zustands viel reinstecken.

Mein Sohn, unser Sonnenschein ist bereits 16 Monate alt und ich wurde jetzt ungewollt schwanger. Es gab vieles auch aus finanziellem Hinsicht zu beachten, sowie die Tatsache,dass wir keine Verwandtschaft in der Nähe haben, die uns bei den Kindern helfen könnten. Der entscheidende war jedoch, dass es mir vom Tag zu Tag schlimmer wurde. Ich habe schon täglich Blut erbrochen... Mein Mann den ganzen Tag in der Arbeit, mein kleiner Sohn, meine Tochter und der ganze Haushalt sind meine Aufgaben.

Ich hatte schon einen Termin, den ich verschoben habe, um Agyrax noch eine Chance zu geben,hatte aber die ähnliche Nebenwirkungen wie Vomex.

Wir überlegten drei Wochen lang, wir weinten und versuchten uns Auswege zu finden, aber dann konnte ich es nicht mehr, ich bin an meinen Grenzen geraten.

Gestern habe ich es getan. Körperlich geht es mir gut, seelisch bin irgendwie noch stumpf. Aber ich kann endlich über meine Kinder freuen, sie aus Herzen anlächeln.
Die Schuldgefühle werden aber, denke ich, nie ganz verschwunden.

Abtreibung

Chrissi ⌂ @, Donnerstag, 01. Juni 2017, 16:15 (vor 143 Tagen) @ Anchuinse

Liebe Anchuinse,
fühl Dich mal ganz lieb gedrückt und in den Arm genommen!
Es ist gut, dass Du es hier erzählst und so anfängst und versuchst Dich damit auseinander zu setzen und zu (be)-verarbeiten.
Du musst es ja einfach mal loswerden, rausrufen, schreien, schreiben......
Es tut mir leid, was Du durchgemacht hast und auch was Du durchmachst.
Diese Entscheidung ist so individuell und ich kann sie nachvollziehen und respektieren!
Jede hier, die das mitgemacht hat weiß, wie sehr man an seine Grenzen kommt bzw. darüber hinaus.Du hast Dir bzw. ihr habt Euch diese Entscheidung ganz gewiss nicht leicht gemacht!

Nimm dir Zeit es zu verarbeiten, such Dir ggfs. professionelle Hilfe wenn Du das Gefühl hast dies zu brauchen.
Sei lieb gegrüßt Chrissi

Abtreibung

Stern, Sonntag, 04. Juni 2017, 06:27 (vor 140 Tagen) @ Chrissi

Hallo meine Liebe,
auch ich möchte Dir kurz schreiben.
Ich bin gerade in meiner zweiten Hyperemisis Schwangerschaft (28.SSW).
Ich kann es so gut nachvollziehen, dass du abgetrieben hast und es dir nicht leicht gefallen ist. Wie Chrissie schrieb, es ist einfach individuell. Aber wer diesen Albtraum durchgemacht hat, der wird deine Gedanken kennen.
Hyperemesis alleine mit zwei kleinen Kindern durchmachen, das stelle ich mir auch unmöglich durch. Mir hat schon ein Kind gereicht.
Mache dir keine Vorwürfe, gib dir Zeit. Und suche dir rechtzeitig Hilfe..
Meines Wissens hast du auch Anspruch auf eine Hebamme.
Gib dir Zeit, das Ganze zu verarbeiten!

Es tut mir sehr leid, dass du da durch musst. Aber ich finde super,dass du hier schreibst. Ich vermute, dass einige Frauen mit Hyperemisis Deinen Weg gehen, dies aber aus Angst der Reaktionen anderer nicht sagen.

Ganz liebe Grüße
Stern

Abtreibung

Apu Nahasapetilon, Montag, 05. Juni 2017, 11:24 (vor 139 Tagen) @ Anchuinse

Liebe Anchuinse,

ich kann deine Entscheidung voll und ganz nachvollziehen.
Zwar bin ich "nur ein Vater", aber wir standen vor einer ähnlichen Entscheidung letztes Jahr im Herbst und haben es, dank meinem Schwiegervater (welcher 150 km entfernt wohnte), in letzter Minute fast, abgewendet.

Bitte nimm dir nicht den Mut, du hast eine Entscheidung getroffen, die sehr viel Mut abfordert und ich ziehe meinen Hut vor dir.

Nimm ruhig professionelle Hilfe in Anspruch, wenn du sie für notwendig hältst.
Lass dich nicht von anderen beeinflussen, es ist deine Entscheidung und eine Frau, besonders in deiner Lage, weiß am besten, was sie tun muss.

Kopf hoch!

Abtreibung

Anchuinse, Dienstag, 06. Juni 2017, 09:56 (vor 138 Tagen) @ Apu Nahasapetilon

Ich danke Euch allen für eure warme Worte. Es bedeutet mir viel, dass ihr die Zeit genommen habt, hier ein wenig mich zu trösten.

Ich weiß, für manche die mitten in ihrem Kampf stehen, gibt meine Geschichte ungute Gefühle. Kann vielleicht auch rücksichtslos wirken. Aber das war nicht mein Absicht. Ich selber habe das nämlich schon zweimal durchgemacht, also es geht. Manchmal gibt es aber Umstände, die die ganze Situation nur noch verschlimmern und man muss dann auch schwere Entscheidungen treffen.

Ich bin mir sicher, wenn mein Zustand nicht so schlimm gewesen wäre oder vielleicht vor allem mein Sohn etwas älter und selbstständiger wäre, hätten wir dieses Kind, obwohl nicht geplant, behalten. Das ist eine Entscheidung, die die Seele zerbricht.
Die Tage vergehen, sind nie langweilig, aber abends vor dem Einschlafen kommen die Gedanken und Gefühle hoch. Es dauert bestimmt viel Zeit um alles zu verarbeiten.

Ich wünsche euch, Apu alles Gute und viel Glück mit eurem Kleinen! Ihr habt es, wie ich gelesen habe, fast hinter euch und die ganze Krankheit bleibt bald nicht anders als eine düstere Erinnerung.

Abtreibung

Simachma, Dienstag, 06. Juni 2017, 10:39 (vor 138 Tagen) @ Anchuinse

Du hast so Recht!
Der Gedanke, dass hier im Forum alle kämpfen und versuchen die Zeit durchzustehen, der hat mich auch immer davon abgehalten hier zu schreiben.
Heute denke ich vielleicht können andere daraus eine Entscheidungshilfe für sich finden und Mut fassen, lieber doch zu kämpfen, weil es nur für eine begrenzte Zeit ist. Hab immer nach einem Rettungsanker gesucht, der mir geholfen hätte für mich zu entscheiden und keinen gefunden.
Vielleicht hilft es auch nur einer Leserin, zu erkennen, besser nichts zu überstürzen, was sich danach anfühlt, als wäre es die "fälscheste Entscheidung" des Lebens gewesen.

Abtreibung

Simachma, Dienstag, 06. Juni 2017, 10:26 (vor 138 Tagen) @ Anchuinse

Liebe Anchuinse,
danke Dir für dieses Thema, denn ich stand im Februar vor der gleichen Entscheidung und hatte nie den Mut es laut auszusprechen. Damit Frieden zu schließen ist für mich unglaublich schwer, ich weiß nicht, wie es Dir damit ergehen wird.
Es scheint verrückt, wie gut es einem dann wieder geht - körperlich! Denn je weniger die Übelkeit wurde, desto größer wurde mein Schmerz.
Meine Vorgeschichte: wir haben 4 Kinder, einmal ohne HG, dann mit HG (einmal Zwillinge). Ein Kind war zunächst ein Sorgenkind und wir hatten damals insgesamt knapp 1 1/2 Jahre eine Haushaltshilfe von Krankenkasse/Jugendamt. Es war eine Qual für alle und erst im letzten Jahr hatte ich das Gefühl, wir hatten endlich die Schäden aus dieser Zeit bei allen wieder in Ordnung gebracht. Doch ich hatte mir immer gewünscht nochmal so ein Babyglück wie beim ersten Mal zu erleben. War dann zwar zunächst geschockt, aber wir wollten es so gerne! Haben uns Mut gemacht, als die Übelkeit in der 6. Woche anfing: "es ist nicht so schlimm" gesagt. Es wurde schlimmer. Innerhalb von 10 Tagen ging bei mir nichts mehr. Bin nachts vor Übelkeit aufgewacht, musste immer nur Würgen, konnte nichts trinken, hatte dauernd Schüttelfrost. Meine Kinder waren mir zuwider, musste Würgen, wenn sie mir zu Nahe kamen, der Papa hat sie mir ferngehalten, aber ich hab sie gehört "wann dürfen wir wieder zur Mama?". Eine hat wieder massiv eingenässt (erst 4, aber im Kingergarten sprach man mich schon an), der GRoße mit 10 (hochsensibel) hatte Nachts wieder Unfälle, eine Tochte bekam einen Allergie-Ausschlag, doch ich war nicht in der Lage mit ihr zum Kinderarzt zu fahren. Mein FA hatte nur MCP parat doch es hat mich genauso abgeschossen wie Vomex, damit konnte ich mit den Kindern keinen Nachmittag durchstehen, geschweige denn eines wäre krank geworden. Sein Tipp war "Gehen Sie in die Klinik, es tut gut, wenn sie aus dem Umfeld kommen!". Ich hatte keine Kraft zu kämpfen, Agyrax zu verlangen oder "was zu versuchen", was es vielleicht besser macht.
Eltern gibt es keine, die helfen könnten (selbst im Pflegeheim) und nach der Zeit um das Sorgenkind sind kaum mehr Freunde geblieben. Einige WEnige, die uns aber nicht durch Monate helfen könnten. Und dann noch Angst vor einem weiteren Sorgenkind, da ich schon über 40 bin.
Und doch trauere ich um diesen Verlust, denn der ist so schwer zu ertragen. Im Kindergarten sind 4 andere schwanger, natürlich kennt keine HG. Ich möchte damit Frieden schließen, wieder lachen können, nicht dauernd traurig sein und mir selbst verzeihen. Es wird noch ein mühsamer Weg und darum wag ich es jetzt auch hier darüber zu schreiben!

Abtreibung

Inga-Lisa, Freitag, 09. Juni 2017, 10:41 (vor 135 Tagen) @ Simachma

Liebe Anchuinse, liebe Simachma,

ich kann Euch nichts schreiben, was nicht schon geschrieben wurde, aber vielleicht tut Euch ein bisschen mehr Solidarität aus dem Netz ja trotzdem gut.
Ihr musstet eine sehr schwere Entscheidung treffen. Die habt Ihr für Euch und Eure Familien getroffen, so gut es geht. Ihr musstet es entscheiden, aber es ist auch Euer Recht, es zu entscheiden. Wer Hyperemesis nicht kennt, wird es nicht verstehen. Aber wir hier, wir kennen und verstehen das sehr gut.
Ich wünsche Euch alles Gute und Nötige, um mit der Trauer fertig zu werden. Zeit, Ruhe, die richtigen Menschen. Und was Schuldgefühle betrifft, wünsche ich Euch, dass Ihr sie in die Wüste schicken könnt. Ihr seid ganz ohne Schuld Opfer einer schweren Krankheit mit unzureichender medizinischer und sozialer Versorgung geworden.

Alles Gute!

Inga-Lisa

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