2. HG-Ss. abgebrochen

Sternenmami, Mittwoch, 23. August 2017, 07:15 (vor 60 Tagen)

... ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll...

Hallo erstmal an alle.

Ich bin 38, habe einen 9,5 Monate alten Sohn - ein HG-Kind. Kerngesund, superlieb, alle bewundern ihn und sprechen ihn auf der Straße an: "was ein zufriedenes, freundliches Baby". Jaa, das ist er wirklich.
Die Ss war die Hölle. Ich hatte das nicht 9 Monate lang, wir so viele von Euch. Auch bei weitem nicht so viel gespuckt.
Aber ich lag ca. 3 Monate ans Bett gefesselt, völlig gelähmt, physisch und psychisch am Ende. Habe ganz schnell die Diagnose HG erhalten. So gut ich konnte (selbst vom Licht des Displays am Handy gings mir noch elendiger), habe ich auch auf der HG-Seite gelesen, um mich zu informieren, denn gehört habe ich davon noch nie.
Man konnte zusehen, wie ich - sowieso schon zierliche Person - immer weniger werde. Ich war schon untergewichtig. Ich bekam Tag für Tag weniger runter. Am Ende nur noch püriertes. Trinken ging sehr schlecht.
Ich lag da, meist auf dem Rücken, Kopf nach rechts. 3 Monate lang.

Die Reaktionen meines Umfeldes brauche ich nicht zu beschreiben... Nur Unverständnis. Und Unwissenheit.
Mein Freund unterstütze mich wunderbar, aber für ihn war es so hart, mich da so leiden zu sehen. Vor wenigen Jahren davor hat er beim Tid seiner Mutter zugesehen - sie lag genauso da...
Ich hatte von Anfang an vermehrten Speichelfluss. In einem Ausmaß, das kann man sich nicht vorstellen. Und es hat nie ganz aufgehört - selbst nach der Geburt war es da, zwar nur noch nachts, dafür aber blutig (sorry).
Ab der ca. 16 SSW wurde es besser. Aber gut war es keine Sekunde.
Egal, wir haben durchgehalten, und es hat sich gelohnt.

Vor einigen Wochen nun erneut schwanger geworden. Mein FÄ im Urlaub, nur die Vertretung da, ein ziemlich grober alter Mann, der mich in ca 5 Minuten abgefertigt hat.
Das war in der 5. SSW. Da war noch alles gut.
Und dann gings ziemlich schnell los. Schlimmer, als in der 1. SSW - da weiß ich noch, das ich erst vormittags zumindest aufstehen konnte. Später war mir 24 Stunden am Tag übel.
Diesmal erst mit kurzen Pausen, dann aber durchgehend übel.
Ich habe gemerkt, ich bin nicht in der Lage, mein Baby zu versorgen. Er wird zum Einschlafen und nachts noch gestillt. Auch das habe ich kaum noch geschafft.
Vergangenen Freitag hatte ich dann das Vorgespräch bei der FÄ, die den operativen Abbruch machen sollte. Termin am Dienstag (gestern).

Wir haben so viel geredet, gehofft, geweint.
Wir haben keine Großeltern in der Nähe und unser Söhnchen ist noch viel zu klein und auch sehr anhänglich, als dass wir ihn in Betreuung geben könnten. Mein Freund ist auch selbstständig, da zählt jede Minute, die man in der oder für die eigene Firma aufbringt.
Das Wochenende war ein einziges Elend. Ich lag nur da, wieder diese lähmende Übelkeit, der Ekel, das ewige Würgen. Ich konnte mein geliebtes Kindchen kaum noch anfassen.

Und gestern... habe ich den Abbruch gemacht.
Mein Herz blutet. Meine Seele weint.
Es ging nicht anders. Aber mein Herz blutet trotzdem. Mein Sternchen. Ich musste dich gehen lassen.

Und ich weiß, mit 38 könnte das auch meine letzte SSW gewesen sein...

Ich musste das von der Seele schreiben.
Das ist der einzige Ort, wo man das kann, wo man wirklich verstanden wird,

Ich wünsche Euch alles Gute. Ihr seid alle so tapfer.
Und ganz lieben Dank für Eure Ehrlichkeit in diesem Forum. Das bedeutet sehr vielen sehr viel!

2. HG-Ss. abgebrochen

Elise85, Mittwoch, 23. August 2017, 08:43 (vor 60 Tagen) @ Sternenmami

Hallo liebe Sternenmutti, ich kann dich verstehen. Es tut so weh sich gegen das Leben zu entscheiden und dennoch ist es deine Entscheidung, die niemand zu beurteilen hat!!! Ich kann verstehen, dass du die Kraft nicht hattest mit einem noch so kleinen Kind so einen Zustnd zu ertragen. Der Körper schafft das kaum und du hast einen kleinen Sohn, dem gegenüber hast du die Verpflichtung da zu sein und dich zu kümmern. Ich finde du hast die richtige Entscheidung getroffen. Ich könnte das körperlich auch nicht durchstehen. Ich bin jetzt in der 28. Ssw und übergebe mich nur noch zweimal pro Woche und dennoch bin ich nicht fit. Die Schlappheit hält an und es ist alles so extrem anstrengend . Mein Freund und ich haben auch besprochen, dass definitiv ein größerer Abstand zwischen dem ersten und Zeiten Kind liegen muss. Zum einen auch, weil ich glaube, je jünger das erste Kind ist, desto schwerer Ist es ihn oder sie zu beschäftigen während man selbst vor sich hin vegetiert; zum anderen aber eben auch, weil ich so traumatisiert bin von dieser schlimmen Zeit im Bett. Mir ging es auch so wie dir und ich lag knappe drei Monate nur im Bett. Man schafft es kaum auf Toilette, jeder Äußere Reiz ist zu viel.... furchtbar einfach nur. Ja und das Umfeld versteht nicht wie schlimm es einem geht. Die meisten Leute versuchen es auf die Psyche zu schieben... schlimm fand ich auch so unverstanden von den Gynäkologen zu sein... und ich bin selbst Ärztin und habe dennoch nicht das Gefühl erfahren ernst genommen zu werden. Ich möchte dir also sagen: ich verstehe dich so gut und weiß wie schlecht du dich wahrscheinlich auch aufgrund deiner Entscheidung fühlst, aber jeder hier wird es nachvollziehen können, absolut jeder... und wer weiß, vieleicht entscheidet sich dein Leben ein weiteres Mal zu einem späteren Zeitpunkt für eine Schwangerschaft. Ich habe eine Freundinn, die ist schon 43 Jahre und bekommt jetzt ihr viertes Kind und es ist alles in Ordnung... ich denk an dich! Alles Liebe, Elise

2. HG-Ss. abgebrochen

StephMeph, Mittwoch, 23. August 2017, 11:21 (vor 60 Tagen) @ Sternenmami

Liebe Sternenmami,

ich denke ganz doll an dich und fühle mit dir! Ich habe vor etlichen Jahren auch einen Abbruch vornehmen lassen, bei mir kamen zwar äußerst schwerwiegende Umstände dazu, aber hätte ich mir nicht die Seele aus dem Leib gekotzt und hätten mir nicht alle Ärzte teilnahmslos beim Abnehmen und verdursten zugeschaut...vielleicht hätte ich es dann behalten. Deswegen kann ich verstehen, wenn man sich aufgrund der HG gegen das Kind entscheidet. Auch in meiner zweiten, geplanten, Schwangerschaft, habe ich an Abbruch gedacht. Und ähnlich wie dir gehöre ich nicht zu den krassen Fällen, aber ab einem gewissen Punkt ist es einfach nur noch die Hölle, in unterschiedlichen Abstufungen.

Trauere diesem Würmchen nach, gib ihm Raum und dir Zeit, angemessen alles zu verarbeiten. Schau, ob du irgendwo darüber reden kannst. Denn auch ein geplanter Abbruch, aus nachvollziehbaren Gründen, kann sehr sehr schmerzen und Narben hinterlassen. Und einen kaputt machen. Pass auf dich auf, knuddele ganz doll dein Baby, für das du dich entschieden hast und genieß die Zeit mit ihm.


Alles, alles Liebe!

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Sternenmami, Donnerstag, 24. August 2017, 23:04 (vor 58 Tagen) @ StephMeph

Liebe Elise und Steph,

ich danke euch für eure aufbauenden, tröstenden, lieben, motivierenden.... Worte.
Das hat mir sehr gut getan und es hilft auch weiterhin, Kraft zu tanken.
Ich weiß, alles ist relativ. Trotzdem, ich finde schon, dass diese Krankheit ein echtes Monster ist, und ich kann es kaum fassen, dass die so wenig erforscht und nach wie vor so unglaublich unbekannt ist.
Man könnte den elendigen HG-Alltag von vielen von uns hier dokumentieren - ich bin mir sicher, dass viele schockiert wären, wenn die wüssten, was wir genau über "Schwangerschaftsübelkeit" verstehen.
Nicht, dass das groß helfen würde. Aber etwas mehr Verständnis von der Außenwelt wäre doch ziemlich wichtig...

Aber... an meiner Situation ändern auch diese Gedanken nichts mehr.
Wie ihr schon sagtet: ich konzentriere mich wieder auf mein Baby (mein Freund und auch ich haben das Gefühl, dass er wohl was gemerkt haben muss... Die Tage, in denen es mir schlecht ging, war er extrem anhänglich, und jetzt lacht und kichert er wieder ganz viel),
und wir werden sehen, was die Zukunft bringt.
Ich denke immer an mein kleines Sternchen... und das wird mich wohl meinen restlichen Weg begleiten.

Alles Liebe für euch
Sternenmami

2. HG-Ss. abgebrochen

mara @, Freitag, 25. August 2017, 13:28 (vor 58 Tagen) @ Sternenmami

Hallo Sternenmami,

mit einem noch nicht mal 10 Monate altem Baby hätte ich mir niemals eine HG-Schwangerschaft zugetraut. Ich zweifle ja jetzt manchmal, und meine Kleine ist fast 3 Jahre alt.
Es ist normal und verständlich, daß Du trauerst. Du hast ein Kind verloren.
Aber eben nicht "einfach" so. Gerade als Mutter muß man mit seinen Kräften haushalten und eben an die ganze Familie denken ...

2. HG-Ss. abgebrochen

Simachma, Montag, 28. August 2017, 17:48 (vor 54 Tagen) @ Sternenmami

Gerade lese ich von Dir und weiß, wie Dir zumute ist. Bei mir war es die 4.Schwangerschaft, die nicht funktioniert hat.
Es ist für mich die grausamste Entscheidung meines Lebens gewesen und es zerreißt mich immer noch.
Und es ist leider auch eine Facette der HG. Mein Mann hat mir einmal den Satz gesagt: "Du hattest doch gar keine Wahl!", das war einigermaßen tröstlich. Oder auch der Gedanke: die HG ist mir passiert, wie anderen ein Abgang oder eine Fehlgeburt passiert. Es sucht sich keiner aus. Auch wenn es ungeplant war, es war nicht ungewollt. Ich wäre so gerne stärker gewesen.
Vielleicht helfen dir die Sätze ja auch.
Es ist so fürchterlich ungerecht davon betroffen zu sein!

2. HG-Ss. abgebrochen

Sternenmami, Donnerstag, 31. August 2017, 22:13 (vor 51 Tagen) @ Simachma

Liebe Simachma,


ich habe deine Nachricht erst jetzt gesehen..
Es ist so unglaublich, diese Zeilen zu lesen. Wie ähnlich oder gleich es Menschen gehen kann...
Diese Sätze sind das einzige, was einen einigermaßen trösten kann.
Ich werde im Nachhinein auch immer wieder schwach und denke: ich war nicht stark genug. Mein Freund erinnert mich dann jedes mal daran, wie es mir WIRKLICH ging.
Bei ProFamilia wurde mir auch geraten, genau aufzuschreiben, was dagegen spricht. Naja... in dem Zustand kann man ja wirklich kaum noch großartig was schreiben. Einen kleinen Abschiedsbrief habe ich gerade noch so zusammen bekommen.
Aber es wäre wirklich gut gewesen...

Es ist wirklich so ungerecht. Ich kann da auch nicht loslassen.
Aber man muss, muss!! irgendwann damit Frieden schließen...

Danke für deine aufbauenden Zeilen.
Das hilft wirklich sehr.

Alles Liebe,
Sternenmami

2. HG-Ss. abgebrochen

Simachma, Dienstag, 05. September 2017, 11:16 (vor 47 Tagen) @ Sternenmami

Liebe Sternenmami,
in unserer Situation Trost zu finden ist schwierig und ich kann gar nicht genau sagen, was mir hilft oder helfen könnte. Mein Herz ist gebrochen und ich schäme mich vor meinen Kindern. Jedesmal wenn ich Babys sehe, sind die bohrenden Fragen da: hätte es nicht doch klappen können, hab ich wirklich alles gemacht. Ich hatte schon zuvor alles aufgeschrieben, auch mein Mann hat geschrieben. Ich frage mich, ob die Hormone schuld waren, dass ich nicht mehr klar denken konnte, denn es scheint mir unbegreiflich, dass ich diese Entscheidung getroffen haben soll. Mein Mann erinnert mich zwar, aber die Erinnerung an die Übelkeit verblasst ganz schnell, was bleibt ist die Trauer und dieser riesige Verlust.
Ich hatte letzte Woche eine Lebensmittelvergiftung, das hat mir nochmal vor Augen geführt, was mich zu dieser Entscheidung getrieben hat: ich hätte mich für Wochen und Monate aus meinem Leben verabschieden müssen. Meine Kinder anderen überlassen, Haushaltshilfen beantragen müssen, um jede Hilfe kämpfen und bitten müssen. Aber die Kraft dazu war einfach nicht mehr da!
Ich gehöre auch zu denen, die wenig Erbrechen, dafür musste ich dauernd würgen, nachts bin ich an der Übelkeit aufgewacht und es war wie Krämpfe, trotz MCP. Tagsüber war ich dann am wegdämmern. Trinken ging ganz schlecht, war zu der Zeit zum Glück nicht heiß.
Und ich hätte es so gerne geschafft, meine Töchter reden dauernd von Babys und spielen, dass sie eine Schwester haben. Das zerreißt mich beinahe. Hatte mir immer noch ein Kind gewünscht!
Mich quält die Frage, wäre es nicht doch den Kindern zuzumuten gewesen. Aber ich weiß, wie schwierig es beim letzten Mal war, wie die Kinder jetzt schon in der kurzen Zeit gelitten haben, mit Einnässen reagiert haben. Ich konnte sie nicht um mich haben, konnte nicht im Bett liegen und Vorlesen oder wenigstens da sein, schon das war mir Zuviel.
Das Tragische und Tückische an der HG ist ihre Zerstörungskraft: sie reißt auch Geschwister mit sich, sie reißt den Partner mit, verlangt einem Entscheidungen ab, die man nie treffen wollte. Für mich allein ist es die fälscheste Entscheidung meines Lebens - aber ich bin nicht allein, sondern muss an unsere gesamte Familie denken. Musste abwägen, hatte keine Hilfe, nur einen verständnislosen Arzt. Die Trauer wird mich immer begleiten. Auch alle widersprüchlichen Gedanken. Darüber reden, oder hier schreiben zu können tut gut. Manchmal finde ich dann zufällig Sätze, die mir helfen, wenn meine Kinder sagen, sie sind froh, dass ich wieder gesund bin, nach letzter Woche. Schließlich geht es ja nicht nur um die Aufgaben als Mama, sondern um Mama als Mensch - die ist immer einmalig und unersetzlich!
Ich wünsch Dir, dass Du Trost und Ruhe findest, schreib und red es dir von der Seele! Hier wissen alle, dass es nicht nur um ein bisschen Übelkeit, sondern um eine lebensbedrohliche Erkrankung geht.

2. HG-Ss. abgebrochen

Queeny, Montag, 18. September 2017, 00:40 (vor 34 Tagen) @ Simachma

Oh je, du Arme. Das muss wirklich schrecklich sein. Ich hatte auch eine HG-Schwangerschaft. Es war wirklich der absolute Horror! Ich lag die ersten 5 Monate nur rum, für mich hat alles irgendwie gestunken - ich konnte keine Gerüche ertragen - und mir war dauerschlecht. Ich habe mich in einer Tour übergeben und war dehydriert, konnte kein stilles Wasser trinken, nix essen. Ich konnte keine Urinproben bei der Frauenärztin abgeben, weil ich so dehydriert war. Komischerweise war es im Krankenhaus mit den Infusionen immer direkt besser, aber sobald ich nach Hause kam, fing es wieder an. Mein Kind war mein Wunschkind und es hatte vorher schon 1,5 - 2 Jahre gedauert bis ich schwanger wurde. Es ist auch das Wunschkind meines Mannes. Daher habe ich das Ganze durchgezogen, aber glaub mir, ich hatte auch manchmal den Gedanken, ob es nicht besser wäre, ich wäre nicht schwanger geworden. Vor allem, weil einem niemand die Hyperemesis erklären kann. Man kann nur die Infusionen machen und das war es. Mir hat übrigens auch niemand Akkupunktur angeboten. Aber bezweifle, dass das geholfen hätte... Leider können andere Menschen HG nicht nachvollziehen, nicht mal mein Mann konnte das. Er dachte immer, dass ich mir zu viele Gedanken mache und es daher kommt. Dabei war es ja mein Wunschkind. Ich denke, dass das eine hormonelle Veranlagung ist. Irgendwas stimmt da nicht. Übrigens wurde mein Kind 10 Wochen zu früh geboren, weil es zu klein war. Es hätte irgendwie die Plazenta-Versorgung nicht richtig funktioniert (bin mein ganzes Leben schon Nichtraucherin), aber man konnte mir nie sagen, woran es lag. An der HG angeblich nicht. Aber ich glaube, die HG hat unglaublichen Stress verursacht und das kann ja auch zu Frühgeburten führen.

Eigentlich hätte ich noch gern ein Geschwisterchen für meinen Sohn, aber ich weiß nicht. Kann mir das gar nicht vorstellen, wie das dann wäre. Man ist ja zu absolut nix in der Lage! Man kann nie raus und nichts mehr machen. Es ist der Albtraum schlechthin. Daher lass dir sagen: Ich verstehe, wie unendlich traurig du sein musst. Aber nur Frauen, die wirklich HG durchgemacht haben, können es nachvollziehen. In dieser Phase scheint alles auswegslos und ich kann dich verstehen. Bitte mach dir keine Vorwürfe.

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