Muss alles mal loswerden

Tabea123 @, Dienstag, 18. Mai 2021, 18:16 (vor 193 Tagen)

Ich muss einfach mal alles loswerden. Ich bin jetzt 7+6 und es geht mir wieder einigermassen ok. Aber die 7. Woche war Hölle. Ich hätte dann hier keinen Eintrag machen können. Ich musste zwar nicht erbrechen, aber ich wünschte, ich hätte gekonnt, die Übelkeit war so stark, so zermürbend und einfach unerträglich stark. Ich konnte nichts zu mir nehmen, sodass ich diese Woche im KH verbrachte. Die Medikamente (Itinerol, Zintona, Primperan) halfen alle nichts. Erst als ich davon redete, dass ich an Abtreibung denke, wurde mir vereinzelt Ondansetron gegeben, aber das half auch nicht. Ich verzweifelte so sehr an dem Gedanken, dass es erfahrungsgemäss erst 12. Woche besser wird, dass der Abtreibungsgedanke immer mehr Form annahm. Ich wollte weinen, aber brachte keine Träne raus. Ich konnte auch nichts fühlen bei dem Gedanken, was eine Abtreibung bedeuten würde. Und nicht mal wenn ich Babygeräusche hörte auf der Station, löste das etwas in mir aus. Ich war vor Übelkeit emotionslos und apathisch geworden. Ich konnte gerade ab und zu auf die Uhr schauen, und sehen wie langsam die Stunden vergehen, aber ich konnte nichts lesen, jeder Ablenkungsversuch hat es fast eher verschlimmert. Es kam ein Psychiater, doch zuhören und sprechen war zu anstrengend. Ab und zu kam mein Mann zu Besuch, auch da mochte ich kaum sprechen, und wenn er unseren Sohn (2 Jahre alt - bei ihm war mir auch übel, aber nicht SO!!!) mitbrachte, kostete es mich unendlich viel Kraft ihn trotz allem zu knuddeln. Allerdings drehte er den Kopf weg und stand versteinert da, was mir sehr weh und leid tat, ich liebe ihn abgöttisch. Ansonsten blieb ich gefühllos und litt vor mich hin. Ich hatte den Termin zur Abtreibung bekommen, doch die Nacht davor kamen die Gefühle plötzlich hoch, ich realisierte, was für einen Schatten das über unsere Familie und mich selbst werfen würde, was für Schuldgefühle, vielleicht ein Leben lang. Nicht wissend, wie ich die nächsten Wochen ertragen soll, sagte ich die Abtreibung ab. Es ist ein Segen, dass es mir nach ein paar Tagen dann besser ging, so dass es erträglich war/ noch immer ist. Ich weiss nicht was mit meiner Psyche passiert wäre, hätte das nicht gebessert. Ich hab schon von dieser Woche und der Aussicht, dass es bis zur Woche 12 so geht, ein kleines Trauma von dieser Verzweiflung (ich wusste ja nicht, dass es bald bessern wird). Ich glaube ich habe keine besonders stabile Psyche, ich hätte bestimmt eine Störung bekommen. Ich bin mich noch immer am erholen/ am verarbeiten, und hoffe natürlich, dass es nicht wieder kommt, bin ja erst 7+6. Schlimm fand ich auch, dass mein Mann nicht so Verständnis hatte, dass ich Abtreibungsgedanken hatte. Er fand, er wisse was krank bedeutet, wenn er eine Grippe hätte, wäre das auch sehr schlimm, aber das müsse man halt aushalten. Und er wollte mich nicht zu Hause haben, hätte ich abgetrieben, ich hätte zu meiner Mutter müssen. Behalten habe ich das Kind aber nicht wegen ihm, sondern weil ich wusste, dass ich mit den Schuldgefühlen nicht klarkommen würde. Nun, als ich ihm mitteilte, dass ich es doch behalte, hätte ich erwartet, dass er sich freut, aber das blieb aus. Aber ich war selbst genug froh, dass ich den Wurm doch noch habe, so ignorierte ich das einfach (hab ihn ausserdem mal drauf angesprochen, ist geklärt). Zusammengefasst möchte ich sagen: ich hatte bis jetzt ja echt Glück, dass es nur 1 Woche so schlimm war, WIE IN GOTTES NAMEN KÖNNT IHR DAS WOCHENLANG AUSHALTEN, OHNE EINE STÖRUNG ZU BEKOMMEN? Ihr habt meinen allergrössten Respekt!!!!! Danke fürs Zuhören bzw. Lesen und bitte keine Hasskommentare wegen meinen Abtreibungsgedanken.

Muss alles mal loswerden

Sonja2 @, Dienstag, 18. Mai 2021, 21:02 (vor 193 Tagen) @ Tabea123

Liebe Tabea,

es tut mir wirklich leid zu lesen, wie schlecht es Dir ging.

HG bedeutet ja nicht nur, sich ständig zu übergeben. Auch die komplette Unfähigkeit zu Essen und zu Trinken ist ein typisches Merkmal. Es gab ja diese wirklich bahnbrechenden Untersuchungen von Marlena Fejzo zu der Rolle bestimmter Gene bei HG. Bei etlichen Frauen mit HG fand man ein bestimmtes Gen namens GDF-15. Dieses ist dafür verantwortlich, dass im Körper ein bestimmtes Protein produziert wird, welches ebenfalls GDF-15 genannt wird. Man kennt dieses Protein von Krebserkrankungen. Manche Krebserkrankten versterben gar nicht am Krebs selber, sondern an der Abmagerung, die dann einsetzt. Diese wird Kachexie genannt. Und bei ihr spielt das Protein GDF-15 eine große und entscheidende Rolle. Nun konnte man zeigen, dass bei HG-Betroffenen dieser GDF-15-Spiegel ebenfalls erhöht ist – und war nochmals um ein Vielfaches höher als bei den Krebspatienten. Marlena sagte mal in einem Interview (im Film „SICK“) sinngemäß so etwas wie: wenn Frauen mit HG das Gefühl haben zu sterben, dann liegt es daran, dass in ihrem Körper Vorgänge ablaufen, die so sind wie bei Menschen, die sterben.

Das Erbrechen ist nicht das einzige entscheidende Kriterium für eine HG. Das ist mir wichtig, dass Du das weißt, denn möglicherweise wurdest Du eher wie eine Hypochonderin behandelt, wenn das fehlte. Viele sagen hier im Forum, dass die Übelkeit viel schlimmer ist, als das Erbrechen. Und diese Einschätzung kann ich aus meinen beiden HG-Schwangerschaften bestätigen.

Das, was Du erlebt hast, war ein ganz reales Elend. Und Deine Reaktion darauf war die von vielen Frauen, die das durchgemacht haben. Der Gedanke an einen Abbruch ist hier sicherlich vielen vertraut. Und niemand hat das Recht, Dich dafür zu be- oder verurteilen, zumindest nicht aus meiner Sicht. Zumal Du ja einen 2-jährigen Sohn hast, für den Du ja auch verantwortlich bist. Und das erinnert mich ebenfalls an meine 2. HG-Schwangerschaft, weil mein älteres Kind auch in diesem Alter war. Es war schlimm zu sehen, wie mein Kind litt, weil Mama so abwesend war. Ich konnte nicht mehr sprechen, ohne mich sofort zu übergeben, weil das Reden den Zustand verschlimmerte. Kam mir jemand zu nahe, so fing ich aufgrund der Erschütterungen ebenfalls zu spucken an. Ein 2-Jähriges Kind versteht das nicht, was da los ist. Es lernt, dass eine Toilette auch dazu da ist, sich zu übergeben und ahmt das nach. Und sicherlich hat es eine Ahnung davon, dass gerade etwas Bedrohliches passiert.

Ich lese eine Erschütterung heraus, was Deine Beziehung anbelangt. Und das solltest Du ernst nehmen. HG-Schwangerschaften führen mitunter zu Trennungen. Doch das, was auf den ersten Blick unempathisch wirkt, ist oft eine große Überforderung der Partner. Meine Bedingung vor der zweiten Schwangerschaft war, dass mein Mann hier im Forum sich die Berichte anderer Betroffenen durchliest. Und tatsächlich war es für ihn hilfreich zu sehen, dass wir als Paar mit diesem Elend nicht alleine sind und dass das, woran ich litt eben eine Krankheit ist, die weit mehr ist als ein bisschen Übelkeit oder eben eine Grippe.

Ich schreib noch ein wenig zu den Medikamenten, das aber in einem neuen Beitrag.

Erst einmal liebe Grüße,
Sonja

Muss alles mal loswerden

Sonja2 @, Dienstag, 18. Mai 2021, 21:16 (vor 193 Tagen) @ Sonja2

Liebe Tabea,

hier wie angekündigt noch ein paar Anmerkungen zur medikamentösen Behandlung, von welcher Du berichtest. Ich gehe gerade mal die Medikament durch, die Du erhalten hast. Für diejenigen, die aus Deutschland sind, (ich nehme an, Du bist aus der Schweiz,) mag der eine oder andere Name nicht geläufig sein:

  • Itinerol B6® setzt sich zusammen aus 25 mg Meclozin & 25 mg Vitamin B6 (=Pyridoxin) & 25 mg Coffein. Das Meclozin ist auch im sogenannten Agyrax® enthalten. Agyrax® enthält ebenfalls 25 mg Meclozin und sonst keine weiteren Wirkstoffe.

  • Zintona®: enthält ein Ingwerwurzelstock-Pulver (250 mg pro 1 Kapsel) – wobei hier anzumerken ist, dass die englische Selbsthilfegruppe Pregnancy Sickness Support (PSS) Frauen mit HG befragt hat zu ihren Erfahrungen mit Ingwer bzw. der Empfehlung von Ingwer. Das Ergebnis war ernüchternd. Interessant war auch, dass HG-Betroffene häufig berichtet haben, dass Ingwer bei ihnen die Symptomatik noch verstärkt hat. Fazit: Ingwer mach Frauen mit „normaler Schwangerschaftsübelkeit“ helfen, bei HG scheint der Einsatz eher fraglich. Ich verlinke jetzt mal die Ergebnisse dieser Befragung, auch wenn sie leider auf Englisch sind. Sie können HIER nachgelesen werden.

  • Primperan® ist ein Metoclopramid, auch als MCP bekannt (10 mg pro Tablette).

FAZIT: Dass bei einer HG Agyrax nicht (ausreichend) hilft, das ist ja bekannt. Außerdem gab es in den letzten 15 Jahren hier im Forum, in denen ich dabei bin, auch immer wieder Frauen, denen MCP nicht (ausreichend) half. Wenn Du schreibst, dass das Ondansetron nichts gebracht hat, so stellt sich für mich als erstes die Frage, wieviel Ondansetron Du erhalten hast. Denn auch das weiß ich aus den letzten 15 Jahren hier: Immer wieder sagten, Frauen, Ondansetron habe nicht geholfen und dann stellte sich heraus, dass sie 2 x täglich 2 mg erhalten haben, was bei schwerer HG eine niedliche Dosierung ist (manche hier haben 8 mg 3 x täglich genommen und das hat die Symptomatik zumindest gelindert).

Hast Du Infusionen erhalten? Seit wann bist Du aus dem Krankenhaus entlassen? Es könnte nämlich sein, dass die Besserung nicht trägt und es wieder schlimmer wird. Nicht so schlimm, wie es war, aber doch so, dass Du wieder Hilfe brauchst. Melde Dich dann!!! Denn HG kann behandelt werden. Ein Abbruch ist die letzte Option. Davor gibt es noch verschiedene andere Behandlungsmöglichkeiten. Du bist noch nicht alle Therapieoptionen durch.

Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du die Hölle hinter Dir hast und die Schwangerschaft bald genießen kannst. Knuddel Deinen Sohn und pass gut auf Dich auf!

Liebe Grüße,
Sonja

Muss alles mal loswerden

Tabea123 @, Mittwoch, 19. Mai 2021, 09:27 (vor 193 Tagen) @ Sonja2

Liebe Sonja,

1000 Dank für deine Worte!!! Jeder Satz tut mir gut beim Lesen. Ich bin froh dass du sagst, dass es auch ohne Erbrechen eine ernste HG sein kann, denn ich hatte das Gefühl, dass es von aussen betrachtet eben nicht so schlimm wirkte, abgesehen von meinem weissen Gesicht und Lippen. So vonwegen, so schlimm kanns ja nicht sein, du musst ja nicht mal brechen. Ja, ich bin aus der Schweiz. Ich erhielt Ondansetron 3x am Tag 4mg (das war echt ein Kampf, wegen den möglichen Fehlbildungen). Das war intravenös, auch Primperan intravenös. Beim Ondansetron fand ich, dass die erste Dosis etwas nützte, alle weiteren nicht mehr. Sie wollten mir dann auch Largactil geben, aber dann war es im KH nicht auffindbar. Sie bestellten nach, aber es hatte 2 Wochen Lieferfrist. Und ich war ohnehin schon über den Punkt hinweg, an dem ich an eine wirkungsvolle Medikation glaubte. Heute ist der erste Tag der 9. Woche, jetzt sollte das HCG nicht mehr steigen, das gibt mir die Hoffnung, dass es jetzt nicht mehr schlimmer wird. Welche Therapiemöglichkeiten meinst du, hat man bei mir noch nicht ausgeschöpft?

Viiiiieeeelen lieben Dank!!!

Ramona

Muss alles mal loswerden

Sonja2 @, Mittwoch, 19. Mai 2021, 10:19 (vor 193 Tagen) @ Tabea123

Liebe Ramona,

ja, das habe ich befürchtet. Frauen mit HG wird tendenziell eher misstraut und es wird tendenziell eher davon ausgegangen, dass sie sich bei einem ganz normalen Vorgang einfach besonders anstellen. Oder das Kind bzw. den Zustand der Schwangerschaft ablehnen und die HG vorschieben, um einen Abbruch zu legitimieren. Das ist natürlich Quatsch. Und darüber hinaus für die Betroffenen sehr verletzend. Wenn man einen schweren Magen-Darm-Infekt hat oder eine Chemotherapie durchläuft, dann werden z. B. auch nicht erst die Ketone überprüft, um dann zögerlich zu erwägen, ob man mal eine Flüssigkeitsinfusion geben könnte oder ob die Person sich jetzt nicht nur endlich mal zusammenreißen soll … Deswegen ist beispielsweise auch in den Medizinerkreisen, die gerade intensiv an der HG forschen, die Orientierung an den Ketonen stark diskutiert, weil auch dadurch Frauen, die schwer unter der HG leiden, manchmal keinen Zugang zu ausreichender Behandlung erlangen.

Die Frage sollte also sein, wieviel Du zu Essen und zu Trinken in der Lage warst und bist. Hier sind immer wieder Betroffene gewesen, die halt aufgehört haben zu Essen und zu Trinken, weil es ihnen so unendlich übel war und die durch diese Reduktion der Nahrung- und Flüssigkeitsaufnahme weniger erbrochen haben. Dadurch erreicht man aber auch Zustände der Austrocknung, auch das sollte also behandelt werden. Ziel sollte es ja sein, dass das Essen und Trinken zumindest in Maßen wieder möglich wird. Außerdem sind manche lediglich am Trocken-Würgen und auch das ist ein wichtiges Symptom.

Was die Behandlungsmöglichkeiten anbelangt, so stelle ich hier jetzt einfach ein paar Links ein, weil ich leider etwas unter Zeitdruck bin. Für Deutschland ist ja ein wichtiger Ansprechpartner Embryotox. Hier der LINK zu deren Seite bezüglich der Behandlungsmöglichkeiten der HG. Außerdem findest Du HIER deren Ausführungen zum Ondansetron. HIER eine weitere Seite zu Ondansetron von Embryotox vom März 2020 und HIER der Link zu dem Artikel von C. Schaefer, der einer der maßgeblichen Mediziner in Deutschland ist, die sich mit der Gabe von Medikamenten in der Schwangerschaft beschäftigen.

Hast Du eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt Deines Vertrauens? Und hast Du eine funktionierende hausärztliche Versorgung?

Liebe Grüße,
Sonja

Muss alles mal loswerden

Tabea123 @, Mittwoch, 19. Mai 2021, 13:33 (vor 193 Tagen) @ Sonja2

Liebe Sonja,

Danke viel mals für die schnelle und ausführliche Antwort sowie für die hilfreichen Links! Hab mich schon durchgelesen. Das Ondansetron macht mir also gar keine Angst, an Stelle der Ärzte hätte ich mir das schon viel früher verschrieben. Zu schade, dass es nicht so richtig wirkt. Ich werde vielleicht noch das eine oder andere ausprobieren bzw bei meiner Frauenärztin nachfragen.

Danke! <3

Ramona

Muss alles mal loswerden

Sonja2 @, Freitag, 21. Mai 2021, 14:34 (vor 191 Tagen) @ Tabea123

Liebe Romana,

wie geht es Dir heute? Hält die Besserung an?

Liebe Grüße, Sonja

Muss alles mal loswerden

Tabea123, Samstag, 22. Mai 2021, 09:34 (vor 190 Tagen) @ Sonja2

Hallo Sonja,

Das ist lieb, dass du nachfragst, danke :-) Die Übelkeit ist aktuell erträglich aber belastend. Leider bin ich jetzt auch noch in eine Depression gefallen. Ich war gestern bei einem Psychiater, der hat mir Sertralin für eine längerfistige Therapie und Quetiapin für kurzfristige Besserung gegeben. Ich weiss jetzt eigentlich nicht, ob ich damit zb. Ondansetron oder Mirtazapin (hat mir jemand gegen Übelkeit empfholen, 7.5mg) noch nehmen darf. Ich werde da mal nachfragen müssen.

Vielen lieben Dank der Nachfrage <3

Ramona

Muss alles mal loswerden

redmi123, Donnerstag, 19. August 2021, 19:48 (vor 100 Tagen) @ Tabea123
bearbeitet von Chrissi, Donnerstag, 19. August 2021, 19:56

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