Ich hatte KEINE Hyperemesis in der 2. SS !!!

Bea F., Dienstag, 07. Dezember 2021, 16:38 (vor 40 Tagen)

Hallo ihr Lieben...

ich möchte hiermit ein Versprechen einlösen, ein Vorhaben, welches ich mir vor Eintritt meiner zweiten Schwangerschaft fest vorgenommen haben.

Im Jahr 2018 war ich in diesem Forum als Betroffene stille Mitleserin und es hat mir unglaublich geholfen. Nun möchte ich wenigstens einen kleinen Teil davon zurück geben!!

Ich hatte in meiner ersten SS eine HG und hatte davor noch nie etwas davon gehört
(wie wohl die meisten...)

Los ging es an unserem ersten Urlaubstag, wir hatten 1200km mit dem Auto vor uns. Ich war die erste Zeit der HG im Ausland, "gefangen" in den Fittichen der Schwiegermutter der älteren Generation und vegetierte vor mich hin. Immer die Angst und Ungewissheit...der ständige Gedanke "das kann doch nicht normal sein". Ganz Klischeehaft war auch ich geblendet von den strahlenden und glücklichen Schwangeren in den Hochglanzmagazinen, wo immer nur allerhöchstens von "Morgenübelkeit" die Rede war und wie wunderbar sich schwanger sein doch anfühlt. Mein Gefühl sagte mir, lieber ins Krankenhaus zu gehen. Es war übrigens Heiligabend. Großartig.

Ich gehöre noch zu den "Glücklichen", bei welchen sich die HG ca in der 15. Woche so langsam verabschiedete...das Schlimmste war trotzdem (und das werden viele Bestätigen können) die Ungewissheit wie lange man diesen Zustand noch aushalten muss. Keiner kann einem sagen wann es vorbei ist. Ich hörte von der Gynäkologin im Krankenhaus, dass sie selbst davon betroffen war und es bis zur Geburt anhielt. Ich war einfach nur geschockt.

Ich komme selbst aus dem medizinischen Bereich und die Krankenhausaufenthalte waren der Horror für mich, vor allem auch deshalb, weil ich weiß wie es hinter den Kulissen aussieht. Ich wurde das eine Mal im Wartebereich der Gynäkologischen Ambulanz fast drei Stunden auf dem Sofa liegend vom Personal ignoriert, zu schwach mir ein Glas Wasser zu holen...keiner Interessierte sich für mich. Ich wollte im Erdboden versinken, da ich für die anderen wartenden Patienten wohl ziemlich interessant gewesen sein muss, so wie ich beobachtet wurde.

Das selbe Krankenhaus warf mich zwei Tage später morgens aus dem Bett, da sie sehr spontan ein OP Bett brauchten. Eine Patientin, welche nur rumliegt und Infusionen bekommt, bringt der Klinik nun mal nicht so viel Geld wie ein OP Bett...so ist es nun mal. Die Folge war, dass keine Zeit blieb meinen Mann zu informieren und ich mit meiner großen Tasche alleine versucht habe die Station zu verlassen. Ich bin auf dem Gang vor Schwäche fast zusammen gebrochen, es hat niemanden interessiert. Das Schlimmste aber waren die Kommentare der Krankenschwestern und Ärzte während des Aufenthaltes, es hat meinen sowieso schon sehr labilen psychischen Zustand extrem verschlechtert. Alle Wörter waren ein Stich ins Herz.

Ich hatte KEINE Hyperemesis in der 2. SS !!!

Bea F., Dienstag, 07. Dezember 2021, 16:39 (vor 40 Tagen) @ Bea F.

"Das geht in der 12 Woche vorbei", "Sie sind ja nur schwanger und nicht krank" und "schlecht sein kann Ihnen auch zuhause" sind nur einige Beispiele. Ich rate somit dringend davon ab, das Städtische Krankenhaus in Kiel bei einer HG in Anspruch zu nehmen!

Gegen Ende der Schwangerschaft kam die Übelkeit zurück, aber es war mit dauerndem Essen tatsächlich auszuhalten. Ich hatte auch nicht mehr erbrochen. Da meine Übelkeit mit einem nüchternen Magen am schlimmsten war, hatte ich am Ende ganze 25 Kilo mehr auf der Waage.

Ein Nierenstau, am Ende der Verdacht auf eine Präeklampsie, einen Wochenflussstau (welchen man mir auf der Wochenbettstation tatsächlich nicht geglaubt hat...(ich musste später ins KH und das Blut wurde manuell mit einem Katheter aus der Gebärmutter geholt...sry!) und unfassbare Stillprobleme und Schmerzen haben mir am Ende den Rest gegeben.

Die Schwangerschaft war hochtraumatisch und meine Angst, dies alles noch einmal erleben zu müssen natürlich extrem. Und ich weiß, wie viele Frauen es noch viel viel schlimmer getroffen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das dann tatsächlich durchstehen kann. Ihr habt meinen größten Respekt!!

Ich hatte mir geschworen, nie wieder schwanger werden zu wollen. Ich habe eine riesige Angst davor entwickelt, mit meinem Mann zu schlafen, panische Angst davor, schwanger werden zu können. Zudem war mir mein Körper fremd, ich habe ihn richtig gehasst. Für das, was er mir "angetan" hat, den massiven Kontrollverlust, das Leid, die massive Gewichtszunahme.
Ich habe mich am Ende nur noch vor mir selbst geekelt und ich habe immer noch Probleme, ein "normales" Sexualleben zu leben. Die HG hat so vieles Zerstört.

Ich habe zwei Jahre gebraucht um die HG einigermaßen zu verarbeiten oder besser gesagt einen Weg zu finden, damit Leben zu können. Und dann kam mein Kinderwunsch wieder mit voller Wucht zurück...

Ich habe angefangen mir Gedanken zu machen. Vieles kam wieder hoch. Doch der Wunsch war so massiv, ich wollte eigentlich immer zwei Kinder. Irgendwann habe ich angefangen, die Tatsache zu akzeptieren, dass ich eine erneute HG wohl durchstehen muss, wenn ich es wagen möchte. Mein Mann und ich haben aufgrund eines Umzuges vor Ort keine Familie, keine Freunde, wir sind allein und haben ein kleines Kind. Ich habe angefangen "positive Selbstverarsche" zu betreiben und mir eingeredet, wenn die HG erstmal da ist muss ich dann ja eh da durch...denn Abtreibung kommt für mich nicht in Frage.

Ich habe angefangen mich im Vorfeld um alles zu kümmern. Das Wichtigste war für mich die Möglichkeit nach ambulanten Infusionen. Ich habe keinen Erfolg gehabt. Da ich vom Fach bin, habe ich es mir schon gedacht. Dies bringt einfach kein Geld. Ich habe mir vor Ort einen neuen Gynäkologen suchen müssen und nach meiner Erfahrung ist es eher kontraproduktiv, die Ärzte über die vorausgegangene HG zu informieren. Sie wollen "so einen Fall" nicht. Der Hausarzt wies mich ab, eine der drei Gynäkologinnen erzählte mir im O-Ton: "wenn sie hier mit einer Infusion liegen und ein Zimmer dauerhaft blockieren, bringen sie mir ja kein Geld!". Nebenbei muss ich erwähnen, dass sie mal Oberärztin auf der Gynäkologischen Station im hiesigen Krankenhaus war. Sie sagte mir, Patienten mit dieser Art von Übelkeit bräuchten jemanden, der nach Hause kommt zum Infusionen legen und "24 Stunden Händchen" halten (!) und man solle doch viel spazieren gehen und sowieso ist alles nur psychisch bedingt.

Ich bin aus diesem Termin raus und habe einfach nur geweint. Diese Frau gab mir das Gefühl, selbst für meinen Zustand verantwortlich gewesen zu sein.

Ich hatte KEINE Hyperemesis in der 2. SS !!!

Bea F., Dienstag, 07. Dezember 2021, 16:40 (vor 40 Tagen) @ Bea F.

Am Ende habe ich erkannt, dass wir durch eine erneute HG allein durch müssen. Mein Mann, mein Sohn und ich. Emotionale Unterstützung und Verständnis in den Praxen habe ich leider vergeblich gesucht, ich hatte wohl einfach großes Pech. Ich fokussierte mich darauf, eine Gynäkologin zu finden welche nicht abgeneigt ist, Medikamente zu verordnen. Mehr wollte ich nicht mehr.

Eigentlich wollte ich den Beitrag kurz halten, aber ich merke während des Schreibens, wie groß das Bedürfnis dann doch ist, alles einmal los zu werden. Vor allem bei Menschen, welche einen verstehen. Die Beschreibung meiner traumatischen Schwangerschaft und was danach kommt ist wichtig, um meine Angst vor einer erneuten Schwangerschaft zu verstehen.

Wir haben über ein Jahr lang gebraucht, bevor ich schwanger wurde. Jeder Zyklus war unfassbar ambivalent, einerseits die Hoffnung, dass es diesmal geklappt haben könnte mit der gleichzeitigen Angst, eine schlimme HG bevorstehend zu haben. Es ist kaum in Worte zu fassen. Vor allem in dem Wissen, dass die zweite SS meist noch viel schlimmer ist als die Erste.

Ich habe mir während der Zeit des "Übens" fest vorgenommen, sofern ich diesmal verschont bleibe mich hier zu melden und anderen Hoffnung zu machen und dieses Versprechen löse ich nun ein:

***

ICH HATTE KEINE HG IN MEINER 2. SS !!!!

***


Die Angst, nach dem positiven Test war enorm. Als sich die Woche näherte, in welcher die HG in meiner ersten SS einsetzte, lebte ich wie auf heißen Kohlen. Ich hatte zwar Probleme mit Übelkeit, welche ich aber mit ständigem Essen (der Magen durfte nicht leer werden) absolut aushalten konnte. Mich begleitete eine Morgenübelkeit, welche über den Vormittag besser wurde und anfänglich Nachmittags weg war. Später hatte ich sie auch tagsüber und in der Nacht, aber es war ABSOLUT aushaltbar. Weit ab von einem Krankheitswert! Erbrochen habe ich insgesamt ganze zwei oder drei Mal, nach dem Aufstehen. Cariban hat mir total geholfen, diese Tabletten kannte ich noch nicht. (TSH Tabletten verschlimmerten übrigens meine Übelkeit. Da ich sie nicht zwangsläufig nehmen musste setzte ich diese dann ab)

Ich konnte mich um meinen Sohn kümmern und habe das erste Trimester überstanden. Die Übelkeit verabschiedete sich ca in der 17 SSW. Und nun bin ich an morgen in der 29 SSW und es geht mir wunderbar! (bis auf die üblichen Wehwehchen...aber ich nehme alles in Kauf!)

Ich möchte allen Frauen hier Mut machen! Natürlich weiß man im Vorwege nicht, was einen erwartet. Ich habe bei meinem Wunsch nach einem zweiten Kind das Internet nach Erfahrungsberichten durchforstet auf der Suche nach POSITIVEN Erfahrungen in Bezug auf die HG in der zweiten SS und habe soooo wenig gefunden. Negatives wird nun mal viel eher gepostet. Dies ist ein Grund, warum ich mich hier unbedingt melden wollte, denn es geht tatsächlich auch anders!

Ich bin überglücklich, denn diese Schwangerschaft schafft es irgendwie, mich von der ersten zu heilen.

Ich wünsche allen derzeit Betroffenen Frauen ganz viel Mut, Durchhaltevermögen und ganz viel Kraft, ihr schafft es diesen Zustand durchzuhalten! Irgendwann ist es vorbei, es ist nicht für immer! Kämpft euch von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche! Ihr schafft es!

Vielen Dank für eure Mühe meinen Beitrag zu lesen und wenn ihr Fragen habt, könnt ihr sie natürlich gerne stellen.


Alles Liebe!!

Bea F.

Ich hatte KEINE Hyperemesis in der 2. SS !!!

Chrissi ⌂ @, Samstag, 11. Dezember 2021, 22:50 (vor 36 Tagen) @ Bea F.

Liebe Bea,

es ist eine so große Freude Deinen Beitrag zu lesen. DANKE DAFÜR!!
Ich kann nachfühlen, was Du in der ersten Schwangerschaft durchlebt hast, welche Ängste Dich zwischen den beiden Schwangerschaften begleitet haben und wie froh und glücklich Du jetzt sein musst, weil es Dir so gut geht!
Ich freue mich so sehr mit Dir! Genieße diese Zeit, das ist so wunderbar.
Ich bin mir sicher, dass Du mit diesem Bericht ganz vielen Frauen ein Hoffnungsschimmer bist! Das ist toll.

Ich wünsche Dir für den Rest der Schwangerschaft weiterhin keine Übelkeit und von Herzen alles Liebe und Gute.
Sei herzlichst gegrüßt
Chrissi

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