Betteln um die AU

Marie84 @, Montag, 26. Juni 2023, 10:00 (vor 247 Tagen)

Hallo liebes Forum,

Ich wollte gerade mal meinen Kummer unter Leidensgenossinnen los werden.
Nachdem wir jahrelang keine Kinder bekommen hatten und schon für eine ICSI in der Kiwu Klinik angemeldet waren hielt ich einfach so einen positiven Test in der Hand und konnte unser Glück nicht fassen. Vorsichtig freudig hat die Gyn mir eine Einnistung bestätigt und wir waren einfach nur glücklich!
Als ich das erste mal erbrechen musste war es noch lustig. Typisches Anzeichen für eine Schwangerschaft.
Als ich eine Woche später 30 mal pro Tag erbrochen habe bekam ich Angst. Ich wurde auf Cariban eingestellt und nehme es seit der 6ten in höchstdosis.
Zwischenzeitlich musste ich in die Klinik weil wirklich gar nichts drin blieb. Seitdem bekomme ich es irgendwie hin. Nehme nur hochkalorisches zu mir damit das was drin bleibt mir auch ein wenig Kraft gibt. Dem Zwerg geht es gut, aber ich muss schauen wie ich zurecht komme. Es gibt Tage da muss ich kein einziges Mal erbrechen und schaffe es sogar zum Supermarkt oder aber mal eine Wäsche zu machen und zu falten. Und dann denke ich immer, es hört auf, endlich. Und dann so Tage wie heute wo ich mich super fühle und aus dem nichts alles erbreche was ich heut zu mir genommen habe.
Jeden Montag muss ich bei meiner Gyn anrufen und ihr sagen es ist nicht besser, jede Woche sagt man mir, es müsste ja nun aber langsam mal besser werden (13+0) und welche Symptome ich denn habe. Außerdem sagte mir meine Gyn in Woche 9 ich solle mich mit dem Gedanken anfreunden schwanger zu sein, dann würde es aufhören. Es kann ja sein das es Menschen gibt die damit wirklich Themen haben, aber ich habe mir seit Jahren nichts mehr gewünscht als ein Baby. Jede Woche frage ich mich ob ich mich einfach zu sehr anstelle? Ich habe vorher jeden Tag zwei Stunden Sport gemacht und einen Vollzeitjob den ich liebe. Ich bin normalerweise nur unterwegs. Ich habe mich die letzten zwei Wochen so langsam mit meinem Hyperemesis Schicksal und dem zu nichts in der Lage sein abgefunden und mir geht es zumindest mental etwas besser damit. Aber körperlich bin ich total schwach, das Wetter macht den Schwindel tausendmal schlimmer und nach jeder kleinen Anstrengung muss ich mich hinlegen und schlafe. Jeden Montag der Anruf lässt mich aber dennoch zweifeln (ich werde zum Quartal den Arzt wechseln) ob ich mich anstelle?
Ach und ich hab noch eine Frage: als es bei euch aufgehört hat, war einfach von jetzt auf gleich alles weg oder wurde es stetig ein wenig besser? Ich habe das Gefühl die allumfassende Übelkeit ist vor allem morgens und abends und mittags habe ich ein wenig Freizeit von der HG.
Sorry für den vielleicht wirren Text, habe festgestellt mein Gehirn funktioniert mit wenig essen und trinken nicht ganz so gut.
Verzweifelte Grüße
Marie

Betteln um die AU

Sonja2, Donnerstag, 29. Juni 2023, 00:22 (vor 244 Tagen) @ Marie84

Hallo liebe Marie,

herzlichen Glückwunsch zur Schwangerschaft! Wie besonders das ist und welch großes Glück es ist, wenn es doch noch klappt, ohne ICSI, das kann ich gut nachvollziehen. Auch wir waren schon angemeldet und ich weiß noch gut, dass alleine das Glück, endlich schwanger zu sein, mich die HG deutlich stoischer hat ertragen lassen. Ich wusste, dass ich bereit bin, diesen Preis zu zahlen für das lange ersehnte Kind.

Leider hat sich in den Köpfen vieler Mediziner die Annahme festgesetzt, die HG sei eine mehr oder weniger bewusste oder unbewusste Ablehnung der Schwangerschaft. Leider schwirrt auch immer noch der Irrglaube durch die Fachwelt, dass die Kinderlosigkeit auf psychische Probleme zurückzuführen sei. Beides ist schlicht ohne empirische Evidenz, oder weniger geschwollen ausgedrückt: fachlich falsch. Und zwar unumwunden einfach falsch. Bei der HG gibt es Untersuchungen dazu, die zeigen, dass Frauen nach der HG-Schwangerschaft nicht häufiger psychische Auffälligkeiten zeigen als Frauen ohne HG-Schwangerschaft. Während dieser fürchterlichen Zeit allerdings, da ist die Belastung durch diesen fürchterlichen Zustand massiv. Zudem wirken sich auch der Hunger und der Flüssigkeitsmangel auf die Psyche aus. Das aber ist eine FOLGE der HG, nicht deren Ursache.

Wie gesagt: In Deutschland ist dies Hypothese der psychischen Verursachung oder Mitverursachung der HG weit verbreitet. Es kann gut sein, dass Du auch nach einem Wechsel auf solche Vorbehalte treffen wirst. Lass Dich dadurch nicht verunsichern. Du musst Dich nicht rechtfertigen, nicht erklären. Du durchlebst fürchterliche Wochen und Monate und brauchst Deine Kraft und Energie für das „Ausbrüten“ Deines Kindes. Das ist alles, was Du gerade schaffen musst: durch den jeweiligen Tag zu kommen. Mehr nicht. Und wenn die Zahl hinter Deinem Namen für Dein Geburtsjahr stehen sollte, dann bist Du ja auch nicht gerade erst der Pubertät entwachsen, sondern eine gestandene Frau mit Lebenserfahrung und Kompetenz - auch der Kompetenz, sich selber gut einschätzen zu können. Also lass Dich nicht verunsichern.

Es ist auch Blödsinn, dass es langsam besser werden müsse Ende des ersten Trimesters. Das ist ja das Besondere an der HG: sie hört in aller Regel nicht mit der 12. SSW auf. Ich selber war die gesamte Schwangerschaft krankgeschrieben gewesen, unzählige Wochen davon stationär. Es wurde etwas erträglicher ab der 20-25. SSW. Bei anderen hier hat es sich schrittweise ab der 16. SSW gebessert. Manche haben im Kreissaal noch erbrochen. Das ist sehr unterschiedlich, aber dass eine HG im Gegensatz zur „normalen“ Schwangerschaftsübelkeit mit der 12. SSW aufhört, das habe ich nur sehr selten hier mitbekommen und ich bin schon seit vielen Jahren dabei.

Ich wünsche dir von Herzen, dass es bald erträglicher wird. Dann bist Du wahrscheinlich noch nicht arbeitsfähig, aber hast den dunkelsten Höllenabschnitt hinter Dir. Ich wünsche Dir von Herzen, dass die beschriebene Besserung anhält.

Ich möchte Dich aber wirklich davor bewahren, dass Du Rückschläge Dir selber zuschreibst. Du machst alles richtig. Es ist nicht Deine Schuld, dass es Dir so elend geht. Es gibt gute und schlechte Tage. Das ist die Erkrankung. Man kennt inzwischen sogar schon einen Mechanismus der Erkrankung. Man weiß, dass ein bestimmtes Protein bei vielen Frauen mit HG deutlich erhöht ist. Dieses Protein macht Übelkeit. Das ist bekannt. Wir haben eine körperliche Erklärung für diesen fürchterlichen Zustand. Wir müssen gar nicht mehr die Psyche bemühen, weil wir etwas nicht verstehen. Also lass Dich nicht kirre machen und bewahre Deine Kräfte dafür, gut durch diese fürchterliche Zeit zu kommen.

Alles Liebe,
Sonja

Betteln um die AU

Nellyshen999, Dienstag, 29. August 2023, 09:23 (vor 183 Tagen) @ Sonja2
bearbeitet von Chrissi, Dienstag, 29. August 2023, 10:18

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Betteln um die AU

Joanna @, Dienstag, 31. Oktober 2023, 22:19 (vor 119 Tagen) @ Marie84

Liebe Marie,
wie schön, dass du schwanger bist und wie schlimm, dass du von deinem medizinischen Personal so verunsichert wirst Ich habe zwei Kinder bekommen, einen Sohn 2000 und eine Tochter 2011. Der große Altersunterschied ist der HG verschuldet. In meiner ersten Schwangerschaft wurde ich genauso behandelt wie du und mit Fragen „Was haben Sie eigentlich für ein Problem mit Ihrer Schwangerschaft??“ bombardiert. Das hat mich wahnsinnig gemacht! In meiner zweiten Schwangerschaft hatte ich einen tollen erfahrenen respektvollen Arzt, der einfach zugab, dass die FA nicht wissen, woher die HG kommt und er den Hut vor mir zieht, dass ich mich nach der ersten HG-Schwangerschaft für ein zweites Kind entschlossen habe. Beide Schwangerschaften waren ab der 7. Woche bis zur Entbindung durch die HG überschatten mit Klinikaufenthalten alle zwei bis drei Wochen. Es war die Hölle! Ich kann dir nur raten, den Art zu wechseln und durchzuhalten. Lasse auch unbedingt deinen TSH Wert untersuchen. Es gibt neue Studien, welche einen Zusammenhang herstellen. Hier der Link:
https://www.labor-enders.de/2019/12/17/schilddruese-und-schwangerschaft/
Ich wünsche dir ALLES Gute und gutes Durchhalten!
Joanna

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